Kaminers Moskau
Seit zwanzig Jahren lebt der gebürtige Moskauer Wladimir Kaminer in Berlin. Im Interview mit LexiTV berichtet der Schriftsteller von seiner alten Heimatstadt - in 23 kleinen Episoden von A wie Alltag bis Z wie Zukunft.Der Autor Wladimir Kaminer erzählt bei LexiTV ironisch, heiter und hintergründig von seiner Heimatstadt Moskau.
Vor der Lesung fand Wladimir Kaminer Zeit für ein Interview mit LexiTV. Die Fragen kannte der gebürtige Moskauer vorher nicht. Wir baten ihn, spontan zu sagen, was ihm zu "Moskauer Begriffen" von A bis Z einfällt. Kaminers Antworten sind ironisch, heiter, ernst, hintergründig - und durchweg voller Liebe für seine alte Heimatstadt und ihre Bewohner.
Von Alltag bis Heldenstadt
Wladimir Kaminer erzählt, was sich im Moskauer Alltag in den letzten Jahrzehnten geändert hat, beschreibt Skurrilitäten der kyrillischen Umsetzung englischer Begriffe (zum Beispiel Businessman - Бизинесмен), schildert seine Meinung zu den Wolkenkratzern in Moscow City, denkt über die Demokratie in Russland nach, erklärt, warum die Russen auch im Winter pausenlos leckeres Moskauer Eis essen, amüsiert sich über die Renaissance der russischen Filzstiefel, sagt, warum das Warenhaus GUM (Abkürzung für: Главный Универсальный Магазин, Glawni Uniwersalni Magasin, zu deutsch Hauptkaufhaus) über die Zeitenwenden hinweg so große Anziehungskraft hat, und erinnert daran, dass der Status Heldenstadt, den Moskau nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt, den einfachen Menschen kaum etwas brachte.
Von Industrie bis Ostankino
Wladimir Kaminer beschreibt die Besonderheiten der Industrie in Moskau und erläutert, was Nudeln mit Munition zu tun haben, er erzählt über den Jaroslawler Bahnhof und den Platz der drei Bahnhöfe, er schildert, wie der Kreml beinahe zu einem alltagstauglichen Kunstprojekt geworden wäre. Wir erfahren, was das Leninmausoleum mit dem Fluch der Mumie zu tun hat, was die Metro lebensgefährlich macht, wie schwer das Zusammenleben der vielen Nationalitäten in Moskau ist und ob das Fernsehprogramm aus dem Moskauer Fernsehzentrum Ostankino etwas taugt.
Von Park bis Zukunft
Die Fläche von Moskau besteht zu einem Drittel aus Grünflächen und Parks. Dennoch glaubt Wladimir Kaminer nicht so richtig an grüne Städte. Er erzählt, dass auch auf dem Roten Platz der Kommerz Einzug gehalten hat, und erklärt, wie es zur Architektur des Stalinschen Zuckerbäcker-Stils kam. Er spricht über niedrige Temperaturen und was die Moskauer dagegen tun, blickt zurück auf das Leben in der UdSSR, in der alle gleich waren und manche gleicher, erinnert sich, warum er als Kind Angst vorm Väterchen Frost hatte, wundert sich über die Beliebtheit des "russischen Nationalgetränks" Wodka, und wir erfahren, was der gebürtige Moskauer seiner Stadt für die Zukunft wünscht.
Interviews und Text für die Website: Eva Jobst (20.12.2010)
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Eine kurze Biografie
Wladimir Kaminer wurde am 19. Juli 1967 in Moskau geboren. Der Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs ging mit 14 Jahren von der Schule ab und machte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk; später studierte er Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Von den gesellschaftlichen Umwälzungen der späten 1980er Jahre bekam Kaminer fast nichts mit: Er saß im Wald und absolvierte den Militärdienst. Bei seiner Rückkehr nach Moskau stellte Kaminer 1989 fest, dass die meisten seiner Freunde ins Ausland emigriert waren.
Im Februar 1990 beschloss die DDR ein Flüchtlingskontingentgesetz, das jüdischen Bürgern der Sowjetunion gestattete, in die DDR überzusiedeln. Der 22jährige Kaminer machte sich daraufhin auf den Weg nach Ostberlin; bei sich hatte er lediglich ein paar Dokumente, Kleidung und eine Briefmarkensammlung. Nach ein paar Monaten in einem Ausländerwohnheim besetzte der Exilant eine Wohnung am Prenzlauer Berg, Kaminer lernte Deutsch und bekam die Staatsbürgerschaft der DDR.
Über seine ersten Monate im noch nicht wiedervereinten Deutschland sagte Kaminer später: "Es war ja damals so eine spannende Zeit, so eine Zwischenzeit, wo die DDR zwischen Sozialismus und Kapitalismus schwankte. Der Staat zog sich zurück - der alte ging kaputt, der neue war noch nicht richtig da. Und in dieser Pause, zwischen zwei Staatlichkeiten, entstand eine sehr menschliche Welt. Da hat es gereicht, eine Kiste Bier auf die Straße zu stellen und schon hattest du deine eigene Kneipe."
Neben der Arbeit bei Theatergruppen und -projekten begann Kaminer bald zu schreiben. Mit in deutscher Sprache verfassten Werken erzielte der Autor ab 1998 erste Erfolge auf Berliner Lesebühnen. Zum Verkaufsschlager avancierte die 2000 erschienene Erzählsammlung Russendisko. Kaminers skurril-ironische Schreibweise und sein Blick aus Migrantenaugen auf Bekanntes und Unbekanntes trafen einen Nerv beim Publikum.
Weitere Erfolge folgten, zum Beispiel 2002 Die Reise nach Trulala und 2007 Mein Leben im Schrebergarten. Kaminer schrieb außerdem unter anderem für die tageszeitung und startete eine wöchentliche Radiosendung namens Wladimirs Welt. Im August 2010 erschien sein neuestes Buch, Meine kaukasische Schwiegermutter. Der Autor lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.
(Urte Paul)
Wladimir Kaminer wurde am 19. Juli 1967 in Moskau geboren. Der Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs ging mit 14 Jahren von der Schule ab und machte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk; später studierte er Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Von den gesellschaftlichen Umwälzungen der späten 1980er Jahre bekam Kaminer fast nichts mit: Er saß im Wald und absolvierte den Militärdienst. Bei seiner Rückkehr nach Moskau stellte Kaminer 1989 fest, dass die meisten seiner Freunde ins Ausland emigriert waren.
Im Februar 1990 beschloss die DDR ein Flüchtlingskontingentgesetz, das jüdischen Bürgern der Sowjetunion gestattete, in die DDR überzusiedeln. Der 22jährige Kaminer machte sich daraufhin auf den Weg nach Ostberlin; bei sich hatte er lediglich ein paar Dokumente, Kleidung und eine Briefmarkensammlung. Nach ein paar Monaten in einem Ausländerwohnheim besetzte der Exilant eine Wohnung am Prenzlauer Berg, Kaminer lernte Deutsch und bekam die Staatsbürgerschaft der DDR.
Über seine ersten Monate im noch nicht wiedervereinten Deutschland sagte Kaminer später: "Es war ja damals so eine spannende Zeit, so eine Zwischenzeit, wo die DDR zwischen Sozialismus und Kapitalismus schwankte. Der Staat zog sich zurück - der alte ging kaputt, der neue war noch nicht richtig da. Und in dieser Pause, zwischen zwei Staatlichkeiten, entstand eine sehr menschliche Welt. Da hat es gereicht, eine Kiste Bier auf die Straße zu stellen und schon hattest du deine eigene Kneipe."
Neben der Arbeit bei Theatergruppen und -projekten begann Kaminer bald zu schreiben. Mit in deutscher Sprache verfassten Werken erzielte der Autor ab 1998 erste Erfolge auf Berliner Lesebühnen. Zum Verkaufsschlager avancierte die 2000 erschienene Erzählsammlung Russendisko. Kaminers skurril-ironische Schreibweise und sein Blick aus Migrantenaugen auf Bekanntes und Unbekanntes trafen einen Nerv beim Publikum.
Weitere Erfolge folgten, zum Beispiel 2002 Die Reise nach Trulala und 2007 Mein Leben im Schrebergarten. Kaminer schrieb außerdem unter anderem für die tageszeitung und startete eine wöchentliche Radiosendung namens Wladimirs Welt. Im August 2010 erschien sein neuestes Buch, Meine kaukasische Schwiegermutter. Der Autor lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.
(Urte Paul)






