Der letzte Zeuge
Jüdische Händler und Schmiede zogen im 11. Jahrhundert nach Prag. Das jüdische Ghetto blühte auf - auch dank großer Persönlichkeiten wie Rabbi Löw und Mordechai Maisel. Vom Schicksal der Juden in Prag erzählt.Am frühen Morgen, bevor Scharen von Touristen aus ihren Reisebussen klettern, liegt der Alte Jüdische Friedhof im Prager Viertel Josefov besonders friedlich da: Über seine Mauern steigt kein Ton, nur der Wind streicht durch das Gras, irgendwo zwitschert ein Vogel. Sonnenstrahlen fallen durch die Baumkronen auf den unebenen Boden und auf die mit Moos bedeckten Grabsteine, die kreuz und quer gewachsen zu sein scheinen. Auf einen Schlag fühlt man sich - mitten im Trubel der tschechischen Hauptstadt - in längst vergangene Zeiten versetzt.
Sechshundert Jahre Ghetto
Der malerische Friedhof ist Hinterlassenschaft einer der größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas. Vom 13. bis ins 19. Jahrhundert lag nördlich der Altstadt - da, wo die Moldau einen Knick nach Osten macht - das Prager Ghetto. Bis zu zwölftausend Juden lebten hier, oft abhängig von den Launen der jeweiligen Herrscher, bedroht von Vertreibung, Erniedrigung und Pogrom.
Von der Bildfläche verschwunden
Im heutigen Josefov erinnert nicht mehr viel an ihre Geschichte. 1848 hatten auch Juden die Bürgerrechte erhalten - eine Mehrzahl entfloh während der kommenden Jahrzehnte den engen Mauern des Ghettos und integrierte sich in das weltoffene Prag der Moderne. Zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts ließen Prags Stadtväter das Ghetto von der Bildfläche verschwinden: Bautrupps rissen rund 260 Häuser ein, vereinfachten das Straßennetz und errichteten neue Wohngebäude. Josefov wurde zu einem der prächtigsten Stadtviertel in Europa - die mittelalterliche Judenstadt existiert seither nur noch auf Fotografien und Zeichnungen.
Wenig Platz
Erhalten ist der Friedhof, dessen Anlage die Verhältnisse im Ghetto spiegelt, wie sie über Jahrhunderte bestanden: Wie einst die Lebenden, so müssen sich auch die Toten mit wenig Platz begnügen. Auf einer Fläche von lediglich einem Hektar bestatteten die Ghettobewohner vom 15. bis 18. Jahrhundert ihre Verstorbenen. Der Glaube verbot ihnen, Grabstätten aufzulösen - als der Raum eng wurde, schichtete man Gräber übereinander und gab so dem Friedhof sein Aussehen. Schätzungsweise hunderttausend Menschen haben dort die letzte Ruhe gefunden.
Die Altneusynagoge um 1900. Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts ist sie Haus des Gebets für die jüdische Gemeinde - bis heute.
Von jüdischen Traditionen und vom Leben im Ghetto berichten rund zwölftausend erhaltene Grabsteine. Jeder einzelne gibt Namen, Geburts- und Todestag des Verstorbenen wieder, häufig auch Interessantes aus dessen Leben. Symbole verraten Stammeszugehörigkeit oder Beruf: Eine Schere deutete auf einen Schneider, eine Geige auf einen Musiker. Auch Familiennamen sind symbolisiert durch Bilder von Tieren, Pflanzen und Vögeln. Der Davidstern und eine Gans, ein Himmelsbogen und Sterne schmücken etwa das Grab des Astronomen David Gans (1541 bis 1613).
"Wer schildert das Leid..."
Der älteste Grabstein auf dem Friedhof ist der des Rabbiners Avigdor Kara aus dem Jahr 1439. Vermutlich erlebte Rabbi Kara als Kind das Pogrom von 1389 mit. Juden sollen damals einen Priester ausgelacht und mit Steinen beworfen haben. Im Zorn stürmte daraufhin der Prager Mob das Ghetto, steckte Häuser in Brand und tötete dreitausend Bewohner. Kara hielt seinen Kummer später in einer Elegie fest. Seine Worte "Wer schildert das Leid, das uns geschah" erklingen bis heute alljährlich an Jom Kippur in der Altneusynagoge, nur wenige Schritte vom Grab entfernt.
Stadt in der Stadt
Die Wege innerhalb des Ghettos waren schon immer kurz, vom Rest Prags allerdings blieb die Judenstadt physisch, kulturell und politisch isoliert. Seit etwa 1230 war das Ghetto selbstständig und verfügte sogar über eine eigene Gerichtsbarkeit. Es war den Juden verboten, Land zu besitzen oder ein Handwerk zu betreiben - die einzigen Beschäftigungen, die ihnen blieben, waren Handel und Geldverleih...
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Infobox
Prag, Hauptstadt der Tschechischen Republik, ist die größte Stadt des Landes: Fast 1,2 Millionen Menschen leben hier - mehr als ein Zehntel aller Tschechen. Die Stadt ist in 22 Verwaltungsbezirke und 57 Stadtteile gegliedert. Primátor (Oberbürgermeister) Prags ist seit Oktober 2006 Pavel Bém.
Wichtige Industriezweige sind Tourismus, Film und verarbeitende Industrie. Prag ist Verkehrsknotenpunkt des Landes und beliebtes Ziel für Besucher. Zu den Sehenswürdigkeiten zählen die Prager Burg (Sitz des Ministerpräsidenten), die Karlsbrücke und der Altstädter Ring. Zahlreiche Baustile finden sich in der Stadt: Romanik, Gotik, Renaissance und Rokoko ebenso wie Empire, Kubismus und Jugendstil.
Etwa 1230 verlieh Wenzel I. Prag das Stadtrecht. Zunächst war die Stadt Residenzstadt der böhmischen Herrscher, später Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches. Bereits 1348 gründete Karl IV. hier die älteste Universität Mitteleuropas: die Karls-Universität. Zu den bekanntesten Pragern zählen Rainer Maria Rilke, Franz Kafka und Egon Erwin Kisch.
Wichtige Industriezweige sind Tourismus, Film und verarbeitende Industrie. Prag ist Verkehrsknotenpunkt des Landes und beliebtes Ziel für Besucher. Zu den Sehenswürdigkeiten zählen die Prager Burg (Sitz des Ministerpräsidenten), die Karlsbrücke und der Altstädter Ring. Zahlreiche Baustile finden sich in der Stadt: Romanik, Gotik, Renaissance und Rokoko ebenso wie Empire, Kubismus und Jugendstil.
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