Die doppelte Botschaft
In der Tschechoslowakei gibt es im Frühjahr 1968 Reformen in der Wirtschaft - zum Ärger der Mächtigen im Osten. Moskau lässt Panzer rollen. Auf die Menschen in der DDR wirkt all das auf widersprüchliche Weise.Prager Protestplakat, August 1968: Ja zum Sozialismus, nein zur Okkupation!
Da, noch liegt Dunkelheit über den Reihenhäusern, vibriert die Luft: Flugzeuge dröhnen gen Süden, olivgrüne Schützenpanzer rattern die Straße entlang, gefolgt von Lastwagen mit geschlossenen Planen. Das Radio spielt Kalten Krieg: "Truppen der Warschauer Vertragsstaaten retten unser tschechoslowakisches Bruderland vor dem westdeutschen Revanchismus." Zwei volle Tage dauert der Durchmarsch. In den Gesichtern der Erwachsenen steht Angst. Die Angst ist vermischt mit Wut - und mit Resignation. Wieviel fremde Angst spürt ein Kind?
Reform des Sozialismus?
Zwölf Jahre später studiert der inzwischen Zweiundzwanzigjährige an der Ostberliner Humboldt-Universität. Auch wenn das Lehrprogramm "auf Linie" ist, diskutiert wird heftig, meist im kleinen Kreis: Was ist das überhaupt: Prager Frühling? Existiert jenseits von staatssozialistischer Mangelwirtschaft und ausbeuterischem Kapitalismus tatsächlich ein Dritter Weg, als schöpferische Fortentwicklung der sozialistischen Idee?
Es sind Fragen, auf die erst der Anbruch der "Ära" Gorbatschow Antworten zu geben scheint: Ja, Sozialismus ist reformierbar! "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", wie ihn die Reformer des Prager Frühlings wollten, ist möglich! 1990 fallen all diese Hoffnungen in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Ein mutiger Entschluss
Die versuchte Reform der Prager Kommunisten im Frühjahr 1968 war eine Reform von oben. Flexiblere Methoden sollten das starre zentralistische System der Wirtschaftsplanung ersetzen, begleitet von einer emanzipierten Öffentlichkeit, von kultureller Freiheit, ohne Repressalien und Zensur.
Zum mutigen Entschluss getrieben hatte die tschechoslowakischen Politbürokraten eine anhaltende Wirtschaftskrise, deren Ursache nicht zuletzt in überzogener Abhängigkeit vom "Großen Bruder" im Kreml lag. Das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln, sogar die führende Rolle der Kommunisten, standen nicht zur Disposition.
"Höchste Gefahr"
Innerhalb der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPC) stritten Reformer und Konservative. Die Reformer um Alexander Dubcek siegten - am 1. Januar 1968 wählte das Zentralkomitee der KPC den unscheinbar wirkenden Wirtschaftsfachmann zum Ersten Sekretär. Das empfanden die Genossen in Moskau und Ostberlin, in Warschau, Budapest und Sofia als Bedrohung eigener Positionen. Unruhe im Volk unterdrücken - man war es gewohnt. Doch gerade weil die Reform von oben, aus dem Apparat selber kam, bedeutete sie höchste Gefahr...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Prag | ![]() |
Infobox
Ab 1963 erschüttert eine Wirtschaftskrise die Tschechoslowakei: Nahrungsmittel sind knapp, ebenso Energie und Rohstoffe.
Juli 1967: Der Prager Schriftstellerkongress "rehabilitiert" die Bücher von Franz Kafka - und fordert Presse- und Redefreiheit.
Oktober 1967: Polizei prügelt eine Protestdemonstration von Prager Studenten nieder.
Januar 1968: Spaltung der KPC in Reformer und Konservative. Alexander Dubcek, ein Reformer, wird neuer Parteichef.
April 1968: Die Parteiführung sagt Reise- und Versammlungsfreiheit sowie Reformen der Wirtschaft zu.
Mai 1968: Die Warschauer Vertragsstaaten setzen Prag mit Manövern unter Druck.
Juni 1968: Prager Intellektuelle verfassen das Manifest der 2000 Worte. Sie fordern Streikrecht und Volksbewaffnung.
Juli 1968: Machtkämpfe in Moskau. Marschall Gretschko, Verteidigungsminister und Repräsentant des militärisch-industriellen Komplexes, setzt sich gegen die vorsichtigere Strategie Breschnews durch. Unter den Führern der Ostblockstaaten positioniert sich besonders Ulbricht an der Seite Gretschkos.
Nacht vom 20. auf den 21. August: Rund eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens besetzen die Tschechoslowakei.
April 1969: Definitives Ende der Reform- bewegung. Gustáv Husák lost Parteichef Dubcek ab.
Januar 1977: Eine Bürgerrechtsbewegung aus praktisch allen Schichten des Volkes veröffentlicht die Charta 77, gerichtet gegen Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes.
Ab 1990, nach der "samtenen Revolution", ist der Prager Frühling weiterhin umstritten. Die neue liberal-konservative Regierung ist bemüht, das Ereignis als "Fraktionsgerangel" unter Kommunisten abzutun.
Juli 1967: Der Prager Schriftstellerkongress "rehabilitiert" die Bücher von Franz Kafka - und fordert Presse- und Redefreiheit.
Oktober 1967: Polizei prügelt eine Protestdemonstration von Prager Studenten nieder.
Januar 1968: Spaltung der KPC in Reformer und Konservative. Alexander Dubcek, ein Reformer, wird neuer Parteichef.
April 1968: Die Parteiführung sagt Reise- und Versammlungsfreiheit sowie Reformen der Wirtschaft zu.
Mai 1968: Die Warschauer Vertragsstaaten setzen Prag mit Manövern unter Druck.
Juni 1968: Prager Intellektuelle verfassen das Manifest der 2000 Worte. Sie fordern Streikrecht und Volksbewaffnung.
Juli 1968: Machtkämpfe in Moskau. Marschall Gretschko, Verteidigungsminister und Repräsentant des militärisch-industriellen Komplexes, setzt sich gegen die vorsichtigere Strategie Breschnews durch. Unter den Führern der Ostblockstaaten positioniert sich besonders Ulbricht an der Seite Gretschkos.
Nacht vom 20. auf den 21. August: Rund eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens besetzen die Tschechoslowakei.
April 1969: Definitives Ende der Reform- bewegung. Gustáv Husák lost Parteichef Dubcek ab.
Januar 1977: Eine Bürgerrechtsbewegung aus praktisch allen Schichten des Volkes veröffentlicht die Charta 77, gerichtet gegen Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes.
Ab 1990, nach der "samtenen Revolution", ist der Prager Frühling weiterhin umstritten. Die neue liberal-konservative Regierung ist bemüht, das Ereignis als "Fraktionsgerangel" unter Kommunisten abzutun.



