Deshalb rollten am 21. August die Panzer, deshalb marschierten sowjetische, polnische, ungarische und bulgarische Divisionen in das "Bruderland" ein. Auf direkte Mitwirkung ostdeutscher Verbände verzichtete man im letzten Augenblick. Beinahe ein Jahr dauerte es, bis der Traum ausgeträumt war, bis die Konservativen, jetzt "Normalisierer" genannt, in Prag wieder fest im Sattel saßen. Gustáv Husák, eine Moskauer Marionette, dirigierte das Land für die folgenden zwei Jahrzehnte - hart, kompromisslos, ideologisch verbissen.
Sozialismus - passé!
Die Botschaft an das düsterer gewordene "Lager" des Sozialismus hatte, so schien es, den Vorzug der Eindeutigkeit: Widerstand ist zwecklos; jedem Reformversuch folgt die Strafe auf dem Fuß. Millionen Menschen im Ostblock, nicht zuletzt in der DDR, fühlten das genau. Nach 1968 begann der große Rückzug ins Private: Die Welt endete für viele an der eigenen Wohnungstür.
Ausgeträumt
Sozialismus und Menschlichkeit, Sozialismus und Demokratie - das ging nicht zusammen, offenbar. Ein paar Versprengte, die anders dachten, galten den meisten als Spinner - und dienten den Mächtigen als Vorwand zum Ausbau des Unterdrückungsapparats. Insofern ist 1968 ein Schicksalsjahr, weil es die Haltung des Gehorsams, des sich Entziehens, der Konfliktvermeidung und Anpassung tief in den Köpfen verankert hat. Sozialismus - passé!
Oder vielleicht doch?
Immer allerdings gibt es in der Geschichte ein "Aber": Panzer zerstörten zwar die Reform, doch nicht die Gedanken der Reformer. Wer konnte, auch an ostdeutschen Hochschulen, las das Manifest der 2000 Worte, das Prager Intellektuelle im Juni 1968 verfassten. Wer konnte, der las die Texte des Parteiökonomen Ota Šik (siehe Kasten) und die Publikationen der Charta 77, mit denen der spätere tschechische Präsident Václav Havel von sich reden machte.
Zaghafte Visionen
1978 veröffentlichte eine innerparteiliche Oppositionsgruppe um den Ostberliner Ökonomieprofessor Hermann von Berg im Spiegel ihr Manifest einer alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. 1985 kam der Messias der Utopisten, kam Gorbatschow: Sozialismus, mit menschlichem Antlitz, mit effektiv arbeitender Wirtschaft, auf demokratischer Basis - vielleicht doch?
Utopie und Tragödie
Wie kaum ein anderes historisches Ereignis sandte der Prager Frühling eine doppelte Botschaft aus: Angst, Hoffnungslosigkeit, die Bankrotterklärung der sozialistischen Idee auf der einen Seite; andererseits verkörpert diese erwürgte Reform die Utopie der Reformierbarkeit des sozialistischen Gesellschaftsmodells, die Utopie eines zeitgemäßen Sozialismus, frei von Ausbeutung und Entfremdung.
Als, viel zu spät, ostdeutsche Reformer Ende 1989 ihre Stimme erhoben, lockten sie kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervor. Hell glänzte ja die wirtschaftsliberale Verheißung. Der Dritte Weg, die Schöpfung des Prager Frühlings, landete auf dem Müllhaufen der Ideologien. Ob zu Recht, ob endgültig, das steht auf einem anderen Blatt.
Michael Schmittbetz (25.08.2008, aktualisiert 11.11.2009)
Sozialismus - passé!
Die Botschaft an das düsterer gewordene "Lager" des Sozialismus hatte, so schien es, den Vorzug der Eindeutigkeit: Widerstand ist zwecklos; jedem Reformversuch folgt die Strafe auf dem Fuß. Millionen Menschen im Ostblock, nicht zuletzt in der DDR, fühlten das genau. Nach 1968 begann der große Rückzug ins Private: Die Welt endete für viele an der eigenen Wohnungstür.
Ausgeträumt
Sozialismus und Menschlichkeit, Sozialismus und Demokratie - das ging nicht zusammen, offenbar. Ein paar Versprengte, die anders dachten, galten den meisten als Spinner - und dienten den Mächtigen als Vorwand zum Ausbau des Unterdrückungsapparats. Insofern ist 1968 ein Schicksalsjahr, weil es die Haltung des Gehorsams, des sich Entziehens, der Konfliktvermeidung und Anpassung tief in den Köpfen verankert hat. Sozialismus - passé!
Während der kommunistischen Herrschaft kritisierte Václav Havel das Regime. Er war einer der Initiatoren der Charta 77.
(Bild: Martin Kozák)
(Bild: Martin Kozák)
Immer allerdings gibt es in der Geschichte ein "Aber": Panzer zerstörten zwar die Reform, doch nicht die Gedanken der Reformer. Wer konnte, auch an ostdeutschen Hochschulen, las das Manifest der 2000 Worte, das Prager Intellektuelle im Juni 1968 verfassten. Wer konnte, der las die Texte des Parteiökonomen Ota Šik (siehe Kasten) und die Publikationen der Charta 77, mit denen der spätere tschechische Präsident Václav Havel von sich reden machte.
Zaghafte Visionen
1978 veröffentlichte eine innerparteiliche Oppositionsgruppe um den Ostberliner Ökonomieprofessor Hermann von Berg im Spiegel ihr Manifest einer alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. 1985 kam der Messias der Utopisten, kam Gorbatschow: Sozialismus, mit menschlichem Antlitz, mit effektiv arbeitender Wirtschaft, auf demokratischer Basis - vielleicht doch?
Utopie und Tragödie
Wie kaum ein anderes historisches Ereignis sandte der Prager Frühling eine doppelte Botschaft aus: Angst, Hoffnungslosigkeit, die Bankrotterklärung der sozialistischen Idee auf der einen Seite; andererseits verkörpert diese erwürgte Reform die Utopie der Reformierbarkeit des sozialistischen Gesellschaftsmodells, die Utopie eines zeitgemäßen Sozialismus, frei von Ausbeutung und Entfremdung.
Als, viel zu spät, ostdeutsche Reformer Ende 1989 ihre Stimme erhoben, lockten sie kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervor. Hell glänzte ja die wirtschaftsliberale Verheißung. Der Dritte Weg, die Schöpfung des Prager Frühlings, landete auf dem Müllhaufen der Ideologien. Ob zu Recht, ob endgültig, das steht auf einem anderen Blatt.
Michael Schmittbetz (25.08.2008, aktualisiert 11.11.2009)
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Prag | ![]() |
Infobox
Ota Šik (1919 bis 2004) ist der Schöpfer der Theorie des Dritten Weges. Als Mitglied des Zentralkomitees der KPC leitete Šik ab 1964 eine Staats- und Parteikommission für Wirtschaftsreformen. Kurz nach dem 21. August 1968 enthoben ihn die neuen Machthaber um Gustáv Husák seiner Funktionen; Šik emigrierte in die Schweiz und wurde Professor an der Universität St. Gallen.
Šiks Hauptwerk Humane Wirtschaftsdemokratie erschien 1979. Eine Grundidee des Reformers sind Mitarbeitergesellschaften (MAG), also von Produzenten kontrollierte Unternehmen, die miteinander im wirtschaftlichen Wettbewerb stehen. Entscheidungsgremien, Aufsichtsräte und Vorstände, werden demokratisch gewählt. Selbstbestimmte Arbeitsgruppen fällen so weit es geht alle Entscheidungen für ihren jeweiligen Arbeitsbereich.
Šik erläuterte 1990 gegenüber der Prager Zeitschrift Mlada Fronta, dass der Dritte Weg lediglich ein "verschleierndes Manöver" gewesen sei: "Schon damals war ich überzeugt, dass die einzige Lösung für uns ein vollblütiger Markt kapitalistischer Art ist." Im Zuge der Kritik an neoliberalen Konzepten wird Šiks Theorie heute wieder diskutiert.
Šiks Hauptwerk Humane Wirtschaftsdemokratie erschien 1979. Eine Grundidee des Reformers sind Mitarbeitergesellschaften (MAG), also von Produzenten kontrollierte Unternehmen, die miteinander im wirtschaftlichen Wettbewerb stehen. Entscheidungsgremien, Aufsichtsräte und Vorstände, werden demokratisch gewählt. Selbstbestimmte Arbeitsgruppen fällen so weit es geht alle Entscheidungen für ihren jeweiligen Arbeitsbereich.
Šik erläuterte 1990 gegenüber der Prager Zeitschrift Mlada Fronta, dass der Dritte Weg lediglich ein "verschleierndes Manöver" gewesen sei: "Schon damals war ich überzeugt, dass die einzige Lösung für uns ein vollblütiger Markt kapitalistischer Art ist." Im Zuge der Kritik an neoliberalen Konzepten wird Šiks Theorie heute wieder diskutiert.
Infobox
Sozialismus mit menschlichem Antlitz - diese Formulierung im Programm der KPC faszinierte nicht nur Bürger der Tschechoslowakei. Prag wurde für nahezu ein halbes Jahr Anziehungspunkt für Menschen aus allen Ostblockländern, besonders aus der DDR. Man kaufte Bücher und Magazine, debattierte in Kneipen und Cafés, besuchte Theater und Konzerte, hörte Beat oder Jazz, genoss die Utopie einer klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft. Allein im Juni 1968 fuhren rund 244.000 DDR-Touristen in die CSSR.
Der Schock der Okkupation am 21. August saß umso tiefer. Viele Menschen äußerten Empörung und Hilflosigkeit, "andere lernten die Taktik der Anpassung ohne Selbstaufgabe, Dritte wurden zu Zynikern und Karrieristen", schreibt der Historiker Stefan Wolle. Was an sozialistischen Idealen bis ins Frühjahr 1968 überdauert hatte, verlor für die Mehrheit jede Glaubwürdigkeit.
Der Schock der Okkupation am 21. August saß umso tiefer. Viele Menschen äußerten Empörung und Hilflosigkeit, "andere lernten die Taktik der Anpassung ohne Selbstaufgabe, Dritte wurden zu Zynikern und Karrieristen", schreibt der Historiker Stefan Wolle. Was an sozialistischen Idealen bis ins Frühjahr 1968 überdauert hatte, verlor für die Mehrheit jede Glaubwürdigkeit.



