Chaos im Wandel
Glasfassaden, freizügige Bars und elegante Restaurants prägen das Bild Shanghais ebenso wie Lärm und Staub. Immer mehr Stadtteile fallen der Bauwut zum Opfer. Shanghai ist aufregend, weil es sich stets verändert.Dort, wo der Jangtse ins Ostchinesische Meer mündet, liegt die sich am schnellsten verändernde Metropole der Welt - die Megacity Shanghai. In der 18,9-Millionen-Einwohner-Stadt wuchsen innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte rund dreitausend Wolkenkratzer in den Himmel, es entstanden ein U-Bahn-Netz, mehrstöckige Highways, Tunnel, die monumentale Xupu-Brücke über den Huangpu-Fluss und sogar komplett neue Viertel.
Stadt der Gegensätze
Sinnbild für den wirtschaftlichen Boom ist das auf Sumpfland erbaute Pudong: In dem zur Sonderwirtschaftszone erklärten Stadtteil ragen gleich mehrere Vierhunderter in die Wolken, darunter die "Perle des Ostens" - der 468 Meter hohe Fernsehturm - und der Jin-Mao-Tower. Neu geschaffene Arbeitsplätze ziehen Jahr für Jahr Tausende Chinesen an.
Für die Zugewanderten entpuppt sich die Metropole rasch als Stadt der Gegensätze. Nirgendwo sonst treffen Tradition und Moderne derart krass aufeinander: Szenerien einer hochmodernen Geschäftswelt wechseln mit Schauplätzen, die ans Mittelalter erinnern. An Straßenkünstlern laufen avantgardistische Gestalten vorbei, der Transrapid kontrastiert mit Tausenden Radfahrern, die als Schutz vor der verpesteten Großstadtluft weiße Masken über Mund und Nase stülpen.
Sinnbild des Fortschritts und markantes Wahrzeichen der Metropole: 468 Meter hoch ist der Fernsehturm.
Im Schmelztiegel Shanghai mischt sich altes und neues China mit der Kultur des Westens: So stehen dem Gassengewirr der Altstadt - dem früheren Chinesenviertel - das französische Viertel mit seinen restaurierten Villen und die europäisch geprägten Banken der Uferpromenade Bund gegenüber. Seit Beginn der 1990er Jahre lassen sich unweit der imposanten Kolonialbauten zahlreiche internationale Konzerne nieder. Ausländer, die den Lifestyle des Westens verbreiten, bevölkern die Straßen.
Gegensätze im Wechselspiel
Am auffälligsten aber ist die Kluft zwischen Arm und Superreich. Die leuchtende, sich dauernd ändernde Architektur strahlt vor allem nach außen, im Inneren bestimmen Armut und illegale Wanderarbeiter das Bild: Ob als Handlanger auf den Baustellen, als Aushilfen in den überfüllten Restaurants, als Kleinhändler, Putzkräfte, Handwerker oder als Müllentsorger, sie sind überall dort, wo besser gestellte Bewohner nicht arbeiten möchten - schon wegen der kläglichen Löhne.
Mittlerweile machen die in slumähnlichen Siedlungen lebenden Wanderarbeiter mehr als ein Sechstel der Einwohnerschaft aus. Da auch in Zukunft Bauern aus dem Hinterland in den Ballungsraum strömen werden, bleibt die Überbevölkerung ein Problem. Die Metropole indes wäre ohne die zugezogene Landbevölkerung nicht dort, wo sie ist. So prallen zwei Welten aufeinander, die nur im Wechselspiel funktionieren, aber unterschiedlicher nicht sein könnten.
Frühkapitalistischer Alptraum
Für manchen ist Shanghai eine Wunderstadt, für viele andere ein frühkapitalistischer Alptraum. In der Megacity schließen sich Kapitalismus und Kommunismus nicht aus: Die Metropole ist eine von vier regierungsunmittelbaren Städten Chinas. Die Stadt finanziert sich aber selbst und sorgt in einer Art "gemäßigten Sozialismus" für erträgliche Lebensbedingungen. Richtlinien für ansässige Firmen jedoch gibt Shanghai nur als verlängerter Arm der Regierung vor. Denn in Wahrheit ist es der Staat, der in der Manier eines Raubtierkapitalisten die wirtschaftlichen Belange steuert.
Ohne feste Ordnung
Die "Stadt über dem Meer" allerdings entzieht sich jeder Planbarkeit. In Shanghai scheint das Widersprüchliche vereint: geballte Globalisierung und Tradition. Eine feste Ordnung ergibt das nicht. Für den Stararchitekten Meinhard von Gerkan ist Shanghai "unkoordiniert und heterogen wie keine Stadt sonst", es sei "kaum ein städtebauliches Leitbild zu erkennen." Stattdessen herrsche "nur noch Chaos". Shanghai gilt als "Drachenkopf" Chinas. Ob als Vorbild für die Zukunft der Volksrepublik oder bloß als Versuchslabor - sicher ist: Wenn sich etwas im Reich der Mitte verändert, dann zuerst in Shanghai! Warum das so ist? Die Antwort liegt in der Geschichte der Stadt...
Björn Radermacher (akt. 26.04.2010)
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Die Region in Zahlen
Das Mündungsgebiet des Jangtse am Huangpu, ist seit über fünftausend Jahren besiedelt. Shanghai hat heute als regierungsunmittelbare Stadt den Status einer Provinz.
Das über sechstausend Quadratkilometer große Verwaltungsgebiet zählt fast 18,9 Millionen Einwohner. Mehr als die Hälfte davon lebt im sich ständig vergrößernden und derzeit rund tausend Quadratkilometer großen Stadtgebiet.
Shanghai ist neben Hongkong das Wirtschaftszentrum Chinas und erreicht jährlich ein zweistelliges Wirtschaftswachstum. Zudem zählt der Hafen von Shanghai zu den drei weltweit größten Frachthäfen. Unter dem Motto "Better city, better life" steht die Expo 2010. Hierfür wird das Metronetz von 5 auf 15 Linien erweitert.
Das Mündungsgebiet des Jangtse am Huangpu, ist seit über fünftausend Jahren besiedelt. Shanghai hat heute als regierungsunmittelbare Stadt den Status einer Provinz.
Das über sechstausend Quadratkilometer große Verwaltungsgebiet zählt fast 18,9 Millionen Einwohner. Mehr als die Hälfte davon lebt im sich ständig vergrößernden und derzeit rund tausend Quadratkilometer großen Stadtgebiet.
Shanghai ist neben Hongkong das Wirtschaftszentrum Chinas und erreicht jährlich ein zweistelliges Wirtschaftswachstum. Zudem zählt der Hafen von Shanghai zu den drei weltweit größten Frachthäfen. Unter dem Motto "Better city, better life" steht die Expo 2010. Hierfür wird das Metronetz von 5 auf 15 Linien erweitert.



