Zentrum der Revolution
Ein Paradies für Ausländer war Shanghai in den 1920er Jahren: Tanzlokale, Theater und Bordelle - Vergnügungswilligen wurde in der frivolen Stadt viel geboten. Doch wo Verschwendung auftritt, ist Unmut nicht fern.Blutige Massaker, wie hier im Japanisch- Chinesischen Krieg von 1937, musste die Stadt verkraften.
Seit fast zweihundert Jahren wandert die "Stadt über dem Meer", wie Shanghai seit dem 13. Jahrhundert genannt wird, auf dem schmalen Grat zwischen Untergang und Lebensgier. Beinahe scheint es so, als wäre Shanghai nur wegen der vielen Rückschläge, die es zu erleiden hatte, derart lebendig...
Wandel zur Metropole
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist Shanghai eine Stadt wie jede andere im Reich der Mitte. Zwar hat es sich, dank seines Hafens, bereits zum größten Handelszentrum unterhalb des Jangtse entwickelt, zur Weltmetropole aber reift die Stadt erst durch die Folgen eines Krieges - des Ersten Opiumkriegs von 1840 bis 1842. Dabei unterliegt das Kaiserreich China den Briten, welche chinesische Märkte für Europa öffnen und China somit unfreiwillig aus seiner Isolation befreien.
Regiment der Ausländer
Von nun an floriert der Handel mit Seide, Tee und Opium; der Einfluss der Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich und USA beginnt zuzunehmen. Unter dem Regiment der ungeliebten Ausländer entstehen in Shanghai Konzessionsgebiete, in denen das Recht der jeweiligen Kolonialmacht gilt. Zunächst jedoch erweisen sich die exterritorialen Bezirke als Glücksfall: Während des Taiping-Aufstands in den Jahren zwischen 1850 und 1864 fliehen Zehntausende Chinesen in den Schutz der autonomen Gebiete.
Elend, Opium, Bordelle
Die Folgen des raschen Bevölkerungsbooms aber sind schwerwiegend. In der Hafenmetropole wächst das erste städtische Proletariat Chinas heran. Elend und Arbeitslosigkeit machen sich breit, und dort, wo es etwas zu tun gibt, beuten die Kolonialherren die hart schuftenden Arbeitskräfte aus. Viele Chinesen betäuben ihr Elend mit Opium. Schon bald versinkt die Stadt in Korruption. Sittenlosigkeit und Vergnügungssucht in Bordellen, Opiumhöhlen und Nachtlokalen begründen den Ruf Shanghais als "Paris des Ostens".
Provozierter Nationalstolz
Solche Gegensätze aber machen die Hafenmetropole zur Quelle revolutionären Denkens. 1921 gründet sich hier die Kommunistische Partei Chinas. Auslöser ist auch der provozierte Nationalstolz infolge des Versailler Vertrags, in dem die Siegermächte des Ersten Weltkriegs alle deutschen Besitztümer im Land an Japan statt an China übergeben.
Unzufriedene Arbeiter und Studenten schließen sich zusammen, beginnen zu streiken und zu protestieren. Ziel des Missmuts sind in erster Linie die "ausländischen Imperialisten", aber auch die Politik der eigenen Obrigkeit. Ihr Ende findet die Bewegung erst 1927, als im so genannten Massaker von Shanghai Einheiten der Regierung die Aufständischen brutal niederschlagen und über fünftausend Menschen exekutieren.
"Hure des Kapitalismus"
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ändern sich die Vorzeichen. Acht Jahre lang war Shanghai von japanischen Truppen besetzt. Zu einer beachtlichen Anzahl europäischer Flüchtlinge vor den Nationalsozialisten gesellen sich nun Chinesen aus dem Hinterland, die vor der kommunistischen Herrschaft fliehen. 1949 besetzt die Volksbefreiungsarmee die Stadt und Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus.
Die Metropole ist am Boden und das westlich geprägte Geschäftsleben beendet. Zu allem Überfluss muss Shanghai alle verbleibenden Gewinne an Peking abtreten. Von nun an bedient sich das Reich der Mitte aus den Kassen Shanghais und lässt die "Hure des Kapitalismus" im Gegenzug verkommen. Da die Stadt 1966 wiederum Ursprungsort der Kulturrevolution ist, bleibt Shanghai auch 1978, im Jahr der Reform und Öffnung, isoliert.
Unter Deng Xiaoping gelangte Shanghai 1990 aus seiner Isolation. (Bild: NARA)
Die Wende kommt mit dem Tod Maos 1990. Die Regierung gründet in Shanghai die Sonderwirtschaftszone Pudong. Zwei Jahre später bedauert Staatspräsident Deng Xiaoping den Fehler, Shanghai nicht früher aus seiner Isolation gelöst zu haben. Mittlerweile liegt die Hafenmetropole an der Spitze des chinesischen Wirtschaftswachstums und ist das Aushängeschild chinesischer Reformpolitik.
Ignorierte Vergangenheit
Shanghai hat die entgangene Zeit mehr als nur aufgeholt. Aus allen Konflikten ging die Metropole stets gestärkt hervor. Die Vergangenheit aber wird ignoriert, denn alles Gute soll ja die Zukunft bringen. So gesehen hatte selbst der Einfluss der Kolonialmächte seine positiven Seiten. Der Fotograf und Installationskünstler Song Tao erklärt, warum: "Wir Shanghaier haben 100 Jahre Geschichte, alle anderen Chinesen 5000 Jahre. Die werden sie im Gegensatz zu uns nicht los."
Björn Radermacher (16.01.2007)
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China und das Opium
Opium, eine aus dem Milchsaft der Samenkapseln der Schlafmohnpflanze gewonnene Droge, gelangte ab Beginn des 19. Jahrhunderts in großen Mengen nach China. Hauptimporthafen war Shanghai.
Vor allem die Briten betrieben vehementen Handel mit dem Rauschmittel, um ihre Handelsbilanz zu verbessern. Das war notwendig, weil die Ankäufe von edlen Waren wie Seide und Tee viel Silber verschlangen.
Schnell wurden in China die sozialen und gesundheitlichen Folgen des Opiumgenusses offensichtlich, weswegen die chinesische Regierung die Einfuhr der Droge 1820 verbot. Opium war nun Schmuggelware, doch die jährliche Importmenge stieg weiter an.
Ab 1838 ließ der Kaiser darum chinesische Konsumenten und Zwischenhändler verhaften und ihre Ware beschlagnahmen. Ein Edikt vom März 1839 verbot auch Ausländern in China den Opiumhandel.
Auf Druck der Opiumhändler sandte das britische Unterhaus daraufhin eine Kriegsflotte ins ferne China. Schnell eroberten die Briten wichtige Städte, im August 1842 war der Erste Opiumkrieg zu ihren Gunsten entschieden. Als Folge der Niederlage musste China seine Häfen für Ausländer öffnen und weitgehend unbeschränkten Handel akzeptieren.
Der Erste Opiumkrieg gilt als Beginn der "Neueren Geschichte" Chinas, weil er das Ende der wirtschaftlichen Isolation bedeutete und den Niedergang der asiatischen Hegemonialmacht zu einem Protektorat westlicher Mächte einleitete.
Auch in den folgenden Jahrzehnten nahmen die Opiumimporte nach China zu; die Inlandsproduktion stieg ebenfalls. Zwanzig Millionen Süchtige soll es in den 1880er Jahren gegeben haben.
Der internationale Opiumhandel kam nach 1909 zum Ende, nicht aber die Produktion im eigenen Land: 1930 wurde auf einem Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche Chinas Schlafmohn angebaut. Erst nach der Machtübernahme der Kommunisten 1949 endeten in China die Opiumräusche. (up)
Opium, eine aus dem Milchsaft der Samenkapseln der Schlafmohnpflanze gewonnene Droge, gelangte ab Beginn des 19. Jahrhunderts in großen Mengen nach China. Hauptimporthafen war Shanghai.
Vor allem die Briten betrieben vehementen Handel mit dem Rauschmittel, um ihre Handelsbilanz zu verbessern. Das war notwendig, weil die Ankäufe von edlen Waren wie Seide und Tee viel Silber verschlangen.
Schnell wurden in China die sozialen und gesundheitlichen Folgen des Opiumgenusses offensichtlich, weswegen die chinesische Regierung die Einfuhr der Droge 1820 verbot. Opium war nun Schmuggelware, doch die jährliche Importmenge stieg weiter an.
Ab 1838 ließ der Kaiser darum chinesische Konsumenten und Zwischenhändler verhaften und ihre Ware beschlagnahmen. Ein Edikt vom März 1839 verbot auch Ausländern in China den Opiumhandel.
Auf Druck der Opiumhändler sandte das britische Unterhaus daraufhin eine Kriegsflotte ins ferne China. Schnell eroberten die Briten wichtige Städte, im August 1842 war der Erste Opiumkrieg zu ihren Gunsten entschieden. Als Folge der Niederlage musste China seine Häfen für Ausländer öffnen und weitgehend unbeschränkten Handel akzeptieren.
Der Erste Opiumkrieg gilt als Beginn der "Neueren Geschichte" Chinas, weil er das Ende der wirtschaftlichen Isolation bedeutete und den Niedergang der asiatischen Hegemonialmacht zu einem Protektorat westlicher Mächte einleitete.
Auch in den folgenden Jahrzehnten nahmen die Opiumimporte nach China zu; die Inlandsproduktion stieg ebenfalls. Zwanzig Millionen Süchtige soll es in den 1880er Jahren gegeben haben.
Der internationale Opiumhandel kam nach 1909 zum Ende, nicht aber die Produktion im eigenen Land: 1930 wurde auf einem Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche Chinas Schlafmohn angebaut. Erst nach der Machtübernahme der Kommunisten 1949 endeten in China die Opiumräusche. (up)



