Europa in Russland
Die Geschichte der Stadt ist turbulent - vom Auf und Ab, von großen Plänen und deren Scheitern handelt unser erster Beitrag. Weshalb St. Petersburg und das alte Russland bis heute in spannungsvollem Verhältnis leben."Es liegt etwas unaussprechlich Rührendes in unserer Petersburger Natur, wenn sie beim Herannahen des Frühlings auf einmal ihre ganze Macht, alle ihr vom Himmel gegebenen Kräfte an den Tag legt, sich belaubt und sich mit bunten Blumen schmückt ...
Sie erinnert mich an ein siechendes, kränkliches Mädchen, das man manchmal voller Mitleid, manchmal mit einer Art von bedauernder Liebe ansieht, manchmal auch nicht beachtet, das aber plötzlich, in einem Augenblick, ganz unerwarteterweise unaussprechlich, wundervoll schön wird, so dass man sich, überrascht und entzückt, unwillkürlich fragt: Welche Macht hat diese traurigen, melancholischen Augen dazu gebracht, mit solchem Feuer zu leuchten?"
(Aus Fjodor M. Dostojewskis Roman Weiße Nächte, 1848)
Tiefe Liebe
Dostojewskis Novelle Weiße Nächte erzählt nicht nur von Menschenliebe, sondern auch von der tiefen Liebe zu einer Stadt: Sankt Petersburg. Tatsächlich hat diese in ihrer Geschichte all jene Eigenschaften bewiesen, die Dostojewski dem kranken Mädchen zuschreibt, das unbändig am Leben hängt. Auch St. Petersburg kränkelte oft im Laufe seiner Entwicklung, doch immer wieder fiel es auf die Füße. Es steht wie von jeher mitten im Leben.
"Stadt aus der Retorte"
Seit der Taufe am 27. Mai 1703 haben Stadt und Bewohner sich ihre Vision erhalten. Ein Visionär war Gründer-Zar Peter der Große (1682 bis 1725), aber kein Spinner. Petersburg sollte seine politischen und sozialen Pläne für Russland verkörpern. So wurde es ein wenig wie er: Fortschrittlich aber rücksichtslos, stolz aber nicht unverwundbar, westlich orientiert - aber auf gutem russischen Boden. In nur wenigen Jahren ließ Peter der Große seine Stadt im Sumpf des Newa-Deltas errichten. Unzählige Opfer hat der rasante Bau der "Stadt aus der Retorte" gefordert. Seit 1712 musste jeder Adlige dort ein Steinhaus besitzen, wenn ihm mehr als dreißig Bauernhöfe gehörten. Nur so gelang es Petersburg, derart schnell und gewaltig zu wachsen.
Konkurrenz zu Moskau
Doch nicht nur die materiellen Verhältnisse in dem unwirtlichen Land galt es zu meistern: Stets hatte die Konkurrenz zu Moskau ideelle und politische Bedeutung. Zunächst wurde die alte Metropole architektonisch übertrumpft: In kürzester Zeit entstanden repräsentative Bauten aus Stein, mit denen sich die Holzpaläste Moskaus nicht messen konnten. An die Stadt knüpften sich handfeste Pläne: Nach dem ersehnten Sieg über Schweden sollte Russland endlich einen Zugang zur Ostsee bekommen. Am strategisch überaus wichtigen Finnischen Meerbusen erbaute Zar Peter deshalb die Peter-Pauls-Festung. Der Horizont des Stadtgründers ging aber keineswegs nur bis zum Meer: Sein Blick richtete sich gen Westen.
Europäischer Geist und Stil
Peter der Große hatte erkannt, dass Russland aus seiner östlichen und asiatischen Isolation nur heraustreten kann, wenn es sich dem fortschrittlichen Europa öffnet. Russland sollte See- und Kontinentalmacht werden. Zum großen Verdruss des alten Moskau bestimmte er die blühende Stadt am Meer 1712 sogar zum Regierungssitz. Die ur-russische Stimme im Landesinneren war beinahe vergessen, als der Zar die besten europäischen Architekten und Künstler an die Newa-Mündung holte: Seine Stadt hatte nun "europäischen" Geist und Stil. Petersburg wurde eine glanzvolle Metropole und ein bedeutendes Handelszentrum - in Europa! ...
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