Oktober in Petrograd
Unlösbar verbunden ist das Winterpalais in St. Petersburg mit einem Ereignis, welches Weltgeschichte machte: dem bolschewistischen Aufstand Ende des Jahres 1917. Was geschah in jener dunklen Nacht?Nach uns die Sintflut! Vornehmes Dinner in Petrograd am Neujahrstag 1917.
Tausende Filmtote
Wie er wirklich nicht war, der berühmte Sturm auf das Winterpalais, können wir in Sergej Eisensteins genialem Film Oktober sehen: Zehntausende bolschewistische Aufständische erobern dort die letzte Bastion des verhassten bourgeoisen Regimes, nachdem das Geschoss der Aurora gegen die Fassade krachte. Einige Tausend Helden fallen. Petrograd fiebert, an jeder Straßenecke stehen Männer mit roten Armbinden und aufgepflanzten Bajonetten. Im Smolny tagt der bolschewistische Generalstab. Lenins Getreue leiten das Geschehen souverän. Schließlich, nach harter, doch aussichtsloser Gegenwehr, ergeben sich die Bürgersöhnchen in ihren Kadettenuniformen.
Kommissar in der Jauchegrube
Tatsächlich war der Schuss der Aurora ein Blindschuss - Kartusche ohne Geschoss -, der aber um so lauter knallte; tatsächlich saßen die meisten Bürgersöhnchen, wenn es denn welche waren, längst in der Kneipe, denn Borschtsch und Fisch im Palast reichten nicht für alle. Zu den paar Leuten, die in Petrograd fieberten, gehörte Lenin, wütend über diverse Verzögerungen: Alles schien an der Unauffindbarkeit einer roten Laterne zu scheitern, die von der nahen Peter-Pauls-Festung das Angriffssignal übermitteln sollte. Kommissar Blagonrawow, der die militärisch hochwichtige Laterne im Dunklen suchte, fiel prompt in eine Jauchegrube.
Komödie mit Folgen
Dennoch, es hat ihn gegeben, den Sturm auf das Winterpalais. Und es gab sie wirklich - die Große Sozialistische Oktoberrevolution. Aber wie fast alle "historischen Ereignisse", denken wir nur an den Sturm auf die Bastille, war sie eher komisch als heroisch, ging mit viel weniger Komparsen über die Bühne, als man es später glaubhaft machen wollte. Dass die Folgen zur Tragödie gerieten, für Millionen von Menschen, hat damit wenig zu tun.
Die Bolschewiki jedenfalls, im "heroischen" Oktober 1917 bloß einige Tausend Mitglieder stark, stießen in Petrograd in ein Vakuum, als sie die Herrschaft über den Regierungssitz an sich rissen. Anfangs Verblüffung - gefolgt von Freude -, dann Unsicherheit und Angst, etwa in dieser Reihenfolge reagierten ihre Führer. Kaum jemand trat ihnen entgegen, an diesem 25. Oktober nach altem, gregorianischem Kalender.
Petrograder Frauenbataillon - Anfang 1917: Die Elitetruppe sollte das Palais verteidigen, geriet nach dem Schuss der Aurora aber in Hysterie und wurde im Keller eingesperrt.
Kaum jemand, das waren die im Winterpalais verbarrikadierten Reste eines "Frauen-Todesbataillons", einst aus kriegerischen Damen von der zaristischen Heeresleitung auf die Beine gestellt. Sie sollten damals ihren wenig motivierten männlichen Kollegen an der Front Vorbild sein. Hinzu kamen ein paar Handvoll Kosaken und loyale Soldaten, im Ganzen zum Schluss an die dreihundert "Mann".
Viel Umhergerenne
Derweil spielten Petrograds große Theater ihr normales Programm, die Straßen waren hell erleuchtet und Fußgänger promenierten auf den Boulevards. Auf dem Schlossplatz liefen zwischen zehn- und zwanzigtausend Leute umher, nur ein Bruchteil von ihnen "stürmte" dann das Palais. Später, besonders nach Eisensteins Film, meinten Hunderttausende, sie hätten mitgemacht. Erst gegen zwei Uhr morgens, schon am nächsten Tag, hatten die Bolschewiki das Winterpalais endlich in ihrer Gewalt, die erschrockenen Minister verhaftet.
Verluste im Weinkeller
"Verluste" entstanden allerdings, als der eindringende Mob, Männlein und Weiblein, einen der größten, jemals bekannten Weinkeller entdeckte: Verteidiger ebenso wie Angreifer konsumierten Tausende Flaschen Chateau d'Yquem, Jahrgang 1847, die vom letzten Zaren bevorzugte Lage. "Was wäre schon diese Revolution, ohne eine allgemeine Kopulation", sagt die Titelgestalt in Peter Weiss' Theaterstück Marat. Stellen wir es uns so ungefähr vor, mit allen Sinnenfreuden.
Petrograd mit riesigem Kater
Tage später erwachte Petrograd mit einem Riesen-Kater und mit Lenins Herrschaft. Jahre sollte es dauern, und blutige Kämpfe kosten, bis die neue Macht auf dem ganzen Gebiet der späteren Sowjetunion etabliert war. Jahrzehnte sollten vergehen, bis auch weite Teile Europas und der Welt unter kommunistischer Kontrolle standen. So war es doch eine große Revolution, damals in Petrograd, zwischen Fischgräten und zerschlagenen Flaschen?
Michael Schmittbetz (27.05.2003)
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