Problematisches Erbe
Heute wandeln Jahr für Jahr rund drei Millionen Besucher aus aller Welt auf den Spuren Goethes und Schillers. Trotz hoher Besucherzahlen leidet die Kulturlandschaft Weimars unter der finanziellen Krise der Stadt.Unter Herzogin Anna Amalia (1739 bis 1807) begann die kulturelle und geistige Blüte der Residenzstadt Weimar.
Finanziell auf der Kippe
Zur Rekonstruktion des alten Gebäudes mit dem wunderschönen Rokokosaal - und zur Rettung zehntausender, durch Feuer oder Löschwasser beschädigter Bücher - wird nun Geld in mehrstelliger Millionenhöhe gebraucht. Groß ist die Bereitschaft vieler Menschen zu spenden; Politiker von Bund und Land haben ihre Unterstützung zugesagt. Die ist auch dringend nötig, denn Weimar selbst steht finanziell auf der Kippe.
Sechs Millionen Kulturbeflissene
Rund 105 Millionen Euro Schulden hatte die kleine 60.000-Einwohner-Stadt im Herzen des Thüringer Beckens im Jahr 2003. In den Jahren vor 1999, als Weimar Kulturhauptstadt Europas war, sind umgerechnet mehr als 600 Millionen Euro in die Rekonstruktion der Stadt geflossen. Sie erstrahlt heute in einem Glanz, wie er zu Zeiten Goethes wohl nie gesehen wurde. Über sechs Millionen Kulturbeflissene aus allen Teilen der Welt besuchten Weimar im Jahr 1999 - leider ein wohl schwer wiederholbarer Höhepunkt.
Etwa fünfzigtausend Bücher gingen durch den Brand der Bibliothek verloren.
Denn seitdem ist es ruhiger geworden in Weimar. Noch immer kommen zwar täglich die Besuchergruppen, um goetheschen Geist zu atmen - doch bei weitem nicht mehr in solchen Dimensionen. Und bei den Weimarern selbst sind die Euphorie des Kulturstadtjahres und die aufflackernde Kulturbegeisterung weitgehend erloschen. Der Alltag hat wieder Einzug gehalten in der Stadt der Dichter und Denker. Weimar ist im Grunde eine kleine Provinzstadt mit einem großen, für die Stadt fast übermächtigen Kapital - der Kultur.
Beginnende Blüte
Was die kleine Stadt einst zum Zentrum des deutschen Geisteslebens machte, lastet heute schwer auf den Schultern ihrer Bewohner. Die kulturelle Blüte Weimars begann Mitte des 18. Jahrhunderts während der Regentschaft Herzogin Anna Amalias...
Als Erzieher ihrer beiden Söhne holte die Herzogin Christoph Martin Wieland (1733 bis 1813) in die Stadt.
Weimarer Musenhof
Damit legte sie den Grundstein für den so genannten Weimarer Musenhof, denn Wielands Name zog bald andere Dichter in die Stadt. Carl August folgte dem Beispiel seiner Mutter und holte 1775 Johann Wolfgang von Goethe als Staatsminister und 1776 Johann Gottfried Herder nach Weimar. Friedrich Schiller kam 1799. Ihrer aller geistiges Schaffen machte die zuvor unbedeutende Residenzstadt in kürzester Zeit zur geistigen Metropole.
Städtisch dank Carl August
Sein Ziel, Weimar ein städtisches An- wie auch Aussehen zu geben, verwirklichte Carl August mit der Errichtung zahlreicher privater und öffentlicher Bauten, darunter das herzogliche Schloss, die berühmte Bibliothek und das Wittumspalais, in dem sich der Musenhof versammelte. Das ideelle und architektonische Erbe jener Zeit lässt sich heute beim Gang durch die Straßen allerorten hautnah erfahren.
Das Goethe-Schiller-Denkmal steht seit 1857 auf dem Weimarer Theaterplatz. Geschaffen hat es der Bildhauer Ernst Rietschel.
Goethe wie auch die anderen Mitglieder des literarischen Quartetts sind in Weimar noch immer allgegenwärtig - sei es in Form von Gingkopflanzen und anderen Souvenirs. Doch scheinen Wohn- und Gartenhäuser der toten Dichter im Grunde nur noch Touristenattraktion, an lebendiger Kultur wird zunehmend gespart. Das Stadtmuseum, erst im Kulturstadtjahr 1999 wiedereröffnet, musste 2004 schließen, und der Etat für das Weimarer Kunstfest wird rigoros zusammengestrichen.
Schock als Chance?
Ist das kulturelle Erbe Weimars mehr Bürde als Kapital? 1999 war Weimar das Aushängeschild für Deutschland, nur zehn Jahre nach der Wende. Derzeit aber ist die Stadt, mit ihrem Erbe sich selbst überlassen, scheinbar kaum in der Lage, sinnvoll damit umzugehen. So provokant es klingen mag - der katastrophale Brand der Anna-Amalia-Bibliothek hat Weimar erneut ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Möglicherweise ist das sogar die Chance, Weimars Image als kulturelles Zentrum Deutschlands mit neuer Aktivität zu beleben. Gelänge dies, so könnte der Schock des September 2004 auch heilsame Folgen haben.
Ulrike Wolf (21.09.2004)
Infobox
Die Bücher der Anna Amalia
Die Geschichte der Anna-Amalia-Bibliothek reicht bis ins 17. Jahrhundert. Damals gab Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar den Auftrag, sämtliche fürstlichen Bücher zu ordnen und zu katalogisieren. Zunächst war die Sammlung im Weimarer Stadtschloss untergebracht.
1766 zog die Sammlung, unter Regie der Herzogin Anna Amalia ins Grüne Schloss. Und hier kümmerte sich später auch Johann Wolfgang von Goethe um den Ausbau und die Verwaltung der Bestände.
Mit dem breiten Spektrum von Kunst, Geschichte und Literatur gehörte die Bibliothek schnell zu den zwölf bedeutendsten Deutschlands. Während des 19. Jahrhunderts wurde sie dann immer mehr zum musealen Archiv der deutschen Klassik.
Bis 1991 hieß sie deshalb Zentralbibliothek der deutschen Klassik. Seit 1998 zählt die Büchersammlung, die nun den Namen Anna-Amalia-Bibliothek trägt, zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Da der einzigartige Rokokosaal die rund 850.000 Bücher, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, nicht mehr beherbergen konnte, wurden viele von ihnen in Außenmagazinen untergebracht.
Die Geschichte der Anna-Amalia-Bibliothek reicht bis ins 17. Jahrhundert. Damals gab Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar den Auftrag, sämtliche fürstlichen Bücher zu ordnen und zu katalogisieren. Zunächst war die Sammlung im Weimarer Stadtschloss untergebracht.
1766 zog die Sammlung, unter Regie der Herzogin Anna Amalia ins Grüne Schloss. Und hier kümmerte sich später auch Johann Wolfgang von Goethe um den Ausbau und die Verwaltung der Bestände.
Mit dem breiten Spektrum von Kunst, Geschichte und Literatur gehörte die Bibliothek schnell zu den zwölf bedeutendsten Deutschlands. Während des 19. Jahrhunderts wurde sie dann immer mehr zum musealen Archiv der deutschen Klassik.
Bis 1991 hieß sie deshalb Zentralbibliothek der deutschen Klassik. Seit 1998 zählt die Büchersammlung, die nun den Namen Anna-Amalia-Bibliothek trägt, zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Da der einzigartige Rokokosaal die rund 850.000 Bücher, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, nicht mehr beherbergen konnte, wurden viele von ihnen in Außenmagazinen untergebracht.
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Gedanken zur Sicherheit
Ist es vorstellbar: eine Firmenzentrale mit schadhaften Lichtleitungen, wo jederzeit der Kurzschluss droht, ein Bankgebäude, das marode ist und in dem die eingelagerten Werte nicht mehr sicher verwahrt werden können? Weil Deutschland keine Bananenrepublik ist, würden wir dies für wenigstens ungewöhnlich halten.
Mit Kulturgütern verhält es sich da offenbar anders: Als in der Nacht auf den 3. September 2004 in der weltberühmten Anna-Amalia-Bibliothek zu Weimar rund 30.000 historische Bücher dem Feuer zum Opfer fielen - und weitere 40.000 vom Löschwasser beschädigt wurden -, reagierte die Nation geschockt.
Dabei: Ohne Vorwarnung kam die Katastrophe nicht! Im Jahre 1991 hatte Bibliotheksdirektor Michael Knoche bereits versucht, Sponsoren für die Sanierung des damals schon gefährdeten Hauses zu finden.
Vergeblich: Die jüngste Warnung des besorgten Direktors stammt vom August 2004. Weinige Wochen darauf zog Knoche das wohl wertvollste Stück seiner Sammlung, Luthers erste vollständige Bibelübersetzung, höchstpersönlich aus den Flammen.
Nach dem Unheil fließen Sponsorengelder und staatliche Zuwendungen nun anscheinend reichlich. Selbst im fernen Los Angeles will ein Klub den finanzschwachen Deutschen unter die Arme greifen. Wie wäre es, wenn wir - zum Dank und aus Gründen der Sicherheit - die Weimarer Lutherbibel mal schnell über den Atlantik verschiffen? Dort gibt es, vielleicht, noch ein kurzschlusssicheres öffentliches Gebäude. (msz)
Ist es vorstellbar: eine Firmenzentrale mit schadhaften Lichtleitungen, wo jederzeit der Kurzschluss droht, ein Bankgebäude, das marode ist und in dem die eingelagerten Werte nicht mehr sicher verwahrt werden können? Weil Deutschland keine Bananenrepublik ist, würden wir dies für wenigstens ungewöhnlich halten.
Mit Kulturgütern verhält es sich da offenbar anders: Als in der Nacht auf den 3. September 2004 in der weltberühmten Anna-Amalia-Bibliothek zu Weimar rund 30.000 historische Bücher dem Feuer zum Opfer fielen - und weitere 40.000 vom Löschwasser beschädigt wurden -, reagierte die Nation geschockt.
Dabei: Ohne Vorwarnung kam die Katastrophe nicht! Im Jahre 1991 hatte Bibliotheksdirektor Michael Knoche bereits versucht, Sponsoren für die Sanierung des damals schon gefährdeten Hauses zu finden.
Vergeblich: Die jüngste Warnung des besorgten Direktors stammt vom August 2004. Weinige Wochen darauf zog Knoche das wohl wertvollste Stück seiner Sammlung, Luthers erste vollständige Bibelübersetzung, höchstpersönlich aus den Flammen.
Nach dem Unheil fließen Sponsorengelder und staatliche Zuwendungen nun anscheinend reichlich. Selbst im fernen Los Angeles will ein Klub den finanzschwachen Deutschen unter die Arme greifen. Wie wäre es, wenn wir - zum Dank und aus Gründen der Sicherheit - die Weimarer Lutherbibel mal schnell über den Atlantik verschiffen? Dort gibt es, vielleicht, noch ein kurzschlusssicheres öffentliches Gebäude. (msz)


