Am Ende der Welt?
Von der Gründung im Jahre 1860 an lebte Wladiwostok vom Handel und präsentierte sich als Gemisch vieler Kulturen. Doch die Geschichte von Wladiwostok verzeichnet auch lange, eher finstere Perioden.Ab 1898 war die Stadt im Osten Endpunkt der Bahn. Nahe Japan gelegen, ist sie das Fenster Russlands zum asiatischen Markt.
Beherrsche den Osten
Die Hafenstadt an der Goldenes Horn genannten fernöstlichen Bucht wurde 1860, während der Osterweiterung des Russischen Reichs unter Zar Alexander II., gegründet. Mit dem Namen der Stadt wollte der Zar ein Zeichen setzen: "Wladiwostok" bedeutet "Beherrsche den Osten!". Russlands Expansion war damit beendet - jedenfalls in diese Himmelsrichtung.
Kulturelle Vielfalt
Die Erbauer Wladiwostoks waren jedoch keine russischen Kolonisten, sondern Einwanderer aus aller Welt, darunter vor allem deutsche und französische Händler sowie chinesische und koreanische Arbeiter. Erst in den Folgejahren kamen auch vermehrt Russen in die Stadt. An der kulturellen Vielfalt änderte das wenig: Im Jahr 1880, als Wladiwostok offiziell den Status einer Stadt erhielt, war fast jeder zweite Einwohner kein Russe.
Endstation der Transsib
Mit dem Beginn der Bauarbeiten an der legendären Transsibirischen Eisenbahn im Jahr 1891 schuf man die Grundlage für weitere Zuwanderung und für den wirtschaftlichen Aufschwung. Zwölf Jahre später war die Stadt, noch heute Endstation der Transsib, durch einen beinahe neuntausenddreihundert Kilometer langen Schienenweg mit Moskau verbunden. Wladiwostok blieb multinational, was sich in steigendem Maße im Erscheinungsbild spiegelte.
Kurze Blütezeit
Noch heute sind die von den Siedlern errichteten Holzgebäude sehenswert. Unter den vielen europäischen Bauten ist das namhafteste Gebäude deutscher Einwanderer das hanseatische Kaufmannshaus Kunst & Albers - heute eine Filiale des Warenhauses GUM. Die Blütezeit Wladiwostoks war allerdings nur von kurzer Dauer.
Als Hauptstützpunkt und Heimathafen der russischen Pazifikflotte bauten zehntausende ostasiatische Arbeiter die Stadt zur Festung aus. Russlands Krieg mit Japan, wie auch die Folgen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, hemmten die weitere Entwicklung Wladiwostoks. Mehrere Jahrzehnte lang sollten staatliche Interessen den Vorzug gegenüber den Belangen der Stadt erhalten.
Jahrzehntelanges Sperrgebiet
Während des Kalten Krieges ließ die sowjetrussische Regierung Wladiwostok vor allem wegen ihrer im Hafen liegenden Atom-U-Boote für Ausländer gänzlich sperren. Einzige Ausnahme war im Jahr 1974 ein Besuch des US-Präsidenten Gerald Ford, der sich in Wladiwostok mit dem damaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Leonid Breschnew traf. Mit Beginn der 1990er Jahre wurden zwar viele Atom-U-Boote entsorgt oder in andere Häfen verlegt, Überreste der alten sowjetischen Kriegsflotte rosten jedoch noch immer in den Buchten der Stadt vor sich hin.
Seit dem Ende der Sowjetunion ist Wladiwostok wieder uneingeschränkt zugänglich und zieht Touristen aus aller Welt an. Die Besucher kommen jedoch beinahe ausschließlich während der Sommerzeit. Denn obwohl Wladiwostok in etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Florenz liegt, sind im Winter auch tagsüber Temperaturen von zehn Grad unter Null keine Seltenheit. Sehenswürdigkeiten hat die Hafenstadt, die wegen ihrer Hügellage am Pazifischen Ozean gar mit San Francisco verglichen wird, einige. Hauptattraktion ist sicherlich der malerisch in der Bucht gelegene Hafen - das kommerzielle Zentrum der Stadt.
Einzig dem US-Präsidenten Gerald Ford (hier links) war es 1974 vergönnt, das Sperrgebiet Wladiwostok zu besuchen.
Waren es früher vor allem Schiffsindustrie und Fischerei, von denen sich die Einwohner ernährten, kommen heute weitere Einnahmequellen hinzu. Im Fokus der Geschäftsleute stehen dabei die asiatischen Nachbarn. Vor allem der Fährverkehr nach Japan scheint eine wichtige Rolle zu spielen: So hat der Autohandel mit Gebrauchtwagen aus Nippon derzeit Konjunktur - ganz Russland wird von hier aus mit asiatischen Kleinwagen versorgt. Dass die Zukunft Wladiwostoks im Handel mit den angrenzenden Staaten liegt, belegen zudem die rund zwanzig Schiffe aus Südkorea, Japan und China, die jeden Monat den Hafen erreichen.
"Gelbe Gefahr"
Die russische Regierung indes vernachlässigt und ignoriert noch immer die Belange der Region Primorje, deren Hauptstadt Wladiwostok ist. Zudem ist für Moskau die Nähe der asiatischen Nachbarländer eher Sorge als Lichtblick. Mit Japan befindet sich Russland nicht nur wegen der Kurilen-Inseln in einem Dauerkonflikt und um die Beziehungen zu China ist es nicht viel besser bestellt. Das alte Sowjet-Feindbild von Asien als "gelber Gefahr" pflegte man noch bis zuletzt - natürlich auch, um von den eigenen Problemen abzulenken.
Moskauer Desinteresse
Die Folgen des Moskauer Desinteresses an einem sich entwickelnden Wladiwostok verleiten gerade junge und gebildete Menschen aus der Region zum Umzug ins westliche Russland. Derzeit leben knapp sechshunderttausend Einwohner in der östlichsten Metropole Russlands – damit liegt Wladiwostok auf Rang dreiundzwanzig der größten russischen Städte. Für die Daheimgebliebenen besteht dennoch Hoffnung: Laut eines Rankings der UNESCO gehört Wladiwostok zu den zehn perspektivreichsten Städten der Russischen Föderation. Tatsächlich sind russische Hochspannungsleitungen und Pipelines in den asiatischen Raum geplant, wovon auch die Region Primorje auf kurz oder lang profitieren dürfte.
Brücke zwischen Asien und Europa
Einst war Wladiwostok Aushängeschild der Macht Russlands im ostasiatischen Raum. Für lange Zeit jedoch schien statt "Beherrsche den Osten!" das Motto "Bestehe im Osten!" zu gelten. Die Lage Wladiwostoks am östlichen Ende Russlands und als Tor zu Asien ist Problematik und Chance zugleich. Die Zukunft der Stadt "liegt in der Weltoffenheit". Larissa Dmitrijewna Belobrowa, bekannteste Theaterschauspielerin Ostrusslands, ist sicher: "Sie macht uns zur Brücke zwischen Asien und Europa."
Björn Radermacher (08.01.2007)
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Wissenswertes auf einem Blick
Wladiwostok ist Hauptstadt der Region Primorje im Fernen Osten Russlands, nahe der chinesischen Grenze. Die Hafenstadt am Pazifischen Ozean zählt gut 587000 Einwohner.
Im Jahr 1860 gegründet, wurde Wladiwostok bereits 1872 zum Hauptstützpunkt der russischen Pazifikflotte ausgebaut.
Noch heute ist die fernöstliche Stadt Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Wladiwostok ist der mitteleuropäischen Zeit neun Stunden voraus und liegt in etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Florenz.
Oberbürgermeister ist seit Juli 2004 Wladimir Nikolajew, dem russische Medien Verbindungen zum kriminellen Milieu unterstellen.
Sehenswürdigkeiten der Stadt sind der Hafen, das Ozeanarium, die einzige Zahnradbahn Russlands, der alte Bahnhof, der mitten im Zentrum gelegene Strand und das Gründungsdenkmal der Transsibirischen Eisenbahn.
Wladiwostok ist Hauptstadt der Region Primorje im Fernen Osten Russlands, nahe der chinesischen Grenze. Die Hafenstadt am Pazifischen Ozean zählt gut 587000 Einwohner.
Im Jahr 1860 gegründet, wurde Wladiwostok bereits 1872 zum Hauptstützpunkt der russischen Pazifikflotte ausgebaut.
Noch heute ist die fernöstliche Stadt Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Wladiwostok ist der mitteleuropäischen Zeit neun Stunden voraus und liegt in etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Florenz.
Oberbürgermeister ist seit Juli 2004 Wladimir Nikolajew, dem russische Medien Verbindungen zum kriminellen Milieu unterstellen.
Sehenswürdigkeiten der Stadt sind der Hafen, das Ozeanarium, die einzige Zahnradbahn Russlands, der alte Bahnhof, der mitten im Zentrum gelegene Strand und das Gründungsdenkmal der Transsibirischen Eisenbahn.



