Das reinste Glück
Schon als junger Gelehrter gelangt Wilhelm Ostwald mit dem Lehrbuch der allgemeinen Chemie zu internationalem Ruhm; 1909 erhält er den Nobelpreis. Ostwalds Antrieb ist die Freude am Entdecken.Genau genommen hat Wilhelm Ostwald zwei Geburtstage - den 2. September 1853 nach gregorianischem Kalender, den 21. August nach julianischem Kalender, der in seiner unter russischer Oberherrschaft stehenden Geburtsstadt Riga galt. Wilhelm ist der zweite von drei Söhnen eines armen Böttchers und einer ebenso armen Bäckerstochter. Seine Eltern gehörten der deutschen Bevölkerungsmehrheit an, die Großeltern stammten aus Preußen und Hessen.
Alles selbst machen
Von den Eltern hat er neben der "heiteren und tatfreudigen Natur" auch die Liebe zur Kunst geerbt - vom Vater das Interesse an der Malerei, von der Mutter den Hang zu Literatur und Theater. Bei den Klassenkameraden macht er sich schon bald durch ausgeprägten Erfindergeist beliebt. Der entsteht aus dem unbändigen Willen, "all die merkwürdigen Dinge selbst zu machen und zu erleben, an denen meine jugendliche Begeisterung entflammte." Die Chemie befriedigt dieses Bedürfnis am besten, die Experimente aus den Lehrbüchern kann er selbst nachvollziehen.
Junger Erfinder
Ostwalds erste Tüfteleien ähneln denen anderer elfjähriger Jungen: er baut Feuerwerke. Die Gier nach neuen Büchern, Experimenten und Erfindungen wird durch Geldmangel stets nur vorübergehend gebremst, Ostwald entwickelt unternehmerisches Talent: Indem er die selbst gebastelten Feuerwerkskörper an Schulkameraden verkauft, nimmt er genug zur Materialanschaffung für neue Experimente ein. Schon damals empfindet er wie später "die Erregung des Erwartens beim entscheidenden Versuch und die an Schmerz grenzende Fülle des Glücks beim Gelingen".
Ostwalds Heimatstadt Riga, um 1900. Von 1881 bis 1887 arbeitete der Chemiker an Rigas Technischer Universität.
Durch die vielen außerschulischen Aktivitäten kommt die Schule zu kurz. Vor allem mit dem Russischen hapert es. Mehrfach muss er deswegen die Klasse wiederholen. Auch in der Abschlussprüfung wird die ungeliebte Fremdsprache zum Stolperstein, die zum Bestehen des Examens notwendige Eins in Russisch schafft er nicht. Bei der Nachprüfung nimmt sich Ostwald deswegen die anderen Schüler zum Vorbild - er betrügt und kommt durch.
Experimente mit Alkohol
1872 wird er an der Universität in Dorpat aufgenommen. Nun könnte er sich ganz seiner Leidenschaft widmen - der Chemie. Ostwalds Elan wird aber sofort ausgebremst, ein Freund führt ihn in die Rigenser Burschenschaft ein. Unter den Kameraden ist es verpönt, sich in den ersten Semestern bei Vorlesungen blicken zu lassen. Experimentiert wird höchstens am eigenen Körper: Wie viel Alkohol und Zigarren kann der wohl vertragen?
Nach drei so "verbummelten" Semestern hat nicht nur der Vater, sondern auch Ostwald selbst genug von der Faulenzerei. Die praktische Arbeit im Labor entfacht erneut eine so große Begeisterung in ihm, dass er von nun an die meisten Stunden hier verbringt. Sein Fleiß wird bald belohnt: 1878 promoviert Ostwald, 1881 erhält er eine Professur für Chemie in Riga. Weltweit berühmt macht ihn das 1885 und 1887 in zwei Bänden erscheinende, vielfach übersetzte Lehrbuch der allgemeinen Chemie.
Papier im Ostwaldschen Weltformat: auch beim Halbieren der Oberfläche behält es das Seitenverhältnis von 1 zu Wurzel 2.
Durch die Professur finanziell abgesichert, kann Ostwald mit seiner Frau Helene - 1879 hat er geheiratet - einen eigenen Hausstand gründen. Doch die junge Frau merkt schnell, dass das Eheleben allein sie nicht ausfüllen kann, da Ostwald auch abends und am Wochenende mit seinen Studien beschäftigt ist. So sucht sie sich ihrerseits häusliche Aufgaben, schließlich beanspruchen die fünf Kinder den größten Teil ihrer Aufmerksamkeit. Ihr Mann hat nur im Urlaub wirklich Zeit für den Nachwuchs, dann aber widmet er sich - in der Hängematte liegend - ganz dessen Fragen.
Spaß mit Bezahlung
Die größte Erfüllung findet Wilhelm Ostwald in der Arbeit. Von Kindheit an bis ins hohe Alter bildet sie "die reichste und reinste Quelle" seiner "mannigfaltigen Lebensfreuden". Auch ist das Glücksgefühl des Forschers - im Gegensatz zu vielen anderen - dauerhaft. Lange Zeit kann es Ostwald kaum fassen, dass er für den Spaß sogar bezahlt wird.
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Wilhelm Ostwald...
gilt als Begründer der Physikalischen Chemie, die den Verlauf chemischer Reaktionen mit Hilfe physikalischer Methoden erforscht. Die Entdeckung der Gesetzmäßigkeiten der Katalyse brachte ihm 1909 den Nobelpreis ein. Weitere bedeutende Leistungen sind das Wilhelm-Ostwald-Verfahren (Gewinnung von Salpetersäure durch Oxydation von Ammoniak) und das Ostwaldsche Verdünnungsgesetz (die molekulare Leitfähigkeit einer Säure nimmt proportional zum Grad ihrer Verdünnung zu). Auch der Begriff Mol für molekulare Masse geht auf Ostwald zurück. Diese und andere ostwaldsche Erkenntnisse waren industriell nutzbar und trugen zum Aufschwung der chemischen Industrie im 19. Jahrhundert bei.
Das hohe Ziel universaler wissenschaftlicher Kooperation suchte Ostwald durch ehrgeizige Projekte zu realisieren: Die 1911 gegründete Organisation Die Brücke diente der Sammlung und Ordnung allen Wissens. Zur Vereinfachung internationaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit schlug er die Verwendung einer Welthilfssprache (Esperanto, später Ido) vor und entwickelte darüber hinaus ein Weltformat für alle wissenschaftlichen Publikationen. Dieses Format ist die Grundlage der heutigen DIN-Norm.
gilt als Begründer der Physikalischen Chemie, die den Verlauf chemischer Reaktionen mit Hilfe physikalischer Methoden erforscht. Die Entdeckung der Gesetzmäßigkeiten der Katalyse brachte ihm 1909 den Nobelpreis ein. Weitere bedeutende Leistungen sind das Wilhelm-Ostwald-Verfahren (Gewinnung von Salpetersäure durch Oxydation von Ammoniak) und das Ostwaldsche Verdünnungsgesetz (die molekulare Leitfähigkeit einer Säure nimmt proportional zum Grad ihrer Verdünnung zu). Auch der Begriff Mol für molekulare Masse geht auf Ostwald zurück. Diese und andere ostwaldsche Erkenntnisse waren industriell nutzbar und trugen zum Aufschwung der chemischen Industrie im 19. Jahrhundert bei.
Das hohe Ziel universaler wissenschaftlicher Kooperation suchte Ostwald durch ehrgeizige Projekte zu realisieren: Die 1911 gegründete Organisation Die Brücke diente der Sammlung und Ordnung allen Wissens. Zur Vereinfachung internationaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit schlug er die Verwendung einer Welthilfssprache (Esperanto, später Ido) vor und entwickelte darüber hinaus ein Weltformat für alle wissenschaftlichen Publikationen. Dieses Format ist die Grundlage der heutigen DIN-Norm.



