Stille Wächter
Wo es Wellen gibt, da gibt es Reflexionen. Diesen Umstand machen sich heute geheime Dienste und Militärs zunutze.Ein Tag im Oktober 2003, an einem geheim gehaltenen Ort: Die üblichen Verdächtigen sind beieinander. Aus den USA kommen Vertreter des Militärgeheimdienstes DIA, des Nationalen Sicherheitsdienstes NSA ("no such agency"), die Spionagesatelliten-Betreiber vom National Reconaissance Office (NRO), Repräsentanten der Missile Defence Agency und diverser Truppengattungen. Offiziere der Nato-Abteilung C3 und der Verteidigungsministerien Großbritanniens und Australiens runden den Aufmarsch ab. Der Grund des hochkarätig besuchten Treffens heißt Celldar - und ist die vorläufig spektakulärste Inkarnation einer überzeugenden Idee.
Der Mensch reflektiert...
Seit Ingenieur Hülsmeyers Tagen hat sich die Lage im Äther nämlich sehr verändert: War es damals dort eher langweilig, überfluten heute Fernseh- und Radiosender, Satelliten und Mobilfunkanlagen die Atmosphäre mit elektromagnetischen Wellen. Wer auch nur einen Finger in die Luft hält, darf sicher sein, Mengen von Reflexionen zu erzeugen. Jede Bewegung - ob von Mensch, Auto, Flugzeug oder Rakete - ist wie Schwimmen in der Wellensuppe. Könnte daraus nicht etwas zu machen sein?
...und ist zu orten!
Der Gedanke spukte schon länger in den Köpfen von Radarspezialisten: Wenn alle Körper Reflexionen abstrahlen, sind dann nicht auch alle Körper elektronisch zu orten? Wozu noch verräterische Radarpulse in Kauf nehmen, die sich an aufzuspürenden Objekten brechen sollen, entstehen die nötigen Reflexionen doch quasi von allein? Das Konzept des passiven Radars, nur noch auf einem selbst nicht ortbaren Empfänger basierend, war geboren.
Wie von vielen Köchen
Schon jubelte die Gemeinde der Schlapphüte: Zielverfolgung, ohne Aufmerksamkeit zu wecken - der Zustand wäre paradiesisch. Schon jubelten auch militärische Experten: Ihr verletzliches Bodenradar bliebe, da bald ohne eigene Sendepulse, künftig unter Garantie unentdeckt. Aber ach, noch war es nicht so weit. Denn chaotisch wie die von vielen Köchen zusammengerührte Wellensuppe sind auch die Reflexionen: mal lang, mal kurz, mal in diese, mal in jene Richtung.
Lediglich ausreichend Rechenpower kann das Problem lösen, die Knoten aus Reflexionen entwirren und in lesbare Informationen über Orte und Bewegungen transferieren. Solche Rechenpower scheint seit kurzer Zeit zur Verfügung zu stehen. Und zwar gestützt auf transportable Personalcomputer. Nötig sind nur noch mehrere, ein paar Kilometer voneinander entfernte Empfänger, die sich zum Datenaustausch miteinander verbinden lassen. Der Clou: Legt man rund 3.000 Euro auf den Tisch, ist man schon dabei. Nicht mehr kostete jedenfalls ein System der britischen Firma Roke Manor aus dem Jahr 1999. Dessen Bestandteile: die Innereien zweier Handys und ein handelsüblicher PC.
Impulse des feindlichen Radars leiten diese Rakete ins Ziel. Gegen passives Radar wäre sie ohne Chance. (Bild: US Navy)
Bei Roke Manor sitzen auch die Entwickler von Celldar (cellphone radar). Jedoch auch andere Größen der Branche reiten auf dem Trend: Mit dem Passivradar Silent Sentry (Stiller Wächter) demonstrierte der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin schon seine Fähigkeit, den kompletten Luftverkehr über Washington zu erfassen - alles anhand der stets vorhandenen Echos von Rundfunksignalen. Die tschechische Firma Era verkauft für militärische Anwendungen das passive Überwachungssystem Vera E, mit einer Reichweite bis zu 450 Kilometern.
Gemischte Gefühle
Unter Rüstungsexperten der Supermacht USA bricht nun allerdings nicht nur eitel Freude aus: Mit unguten Gefühlen sehen die meist in lukrative Rüstungsprojekte eingebundenen Wissenschaftler inzwischen voraus, dass der Radarschutz ihrer Milliarden Dollar teuren Tarnkappenbomber unwirksam werden dürfte. Die B 2 und F 117 - sie besitzen keine Waffen zur Selbstverteidigung und verlassen sich nur auf ihre Unsichtbarkeit für aktives Radar - wären dann praktisch wertlos.
So gut wie Realität
Keinerlei Einwände kommen hingegen von den zahllosen Behörden, die sich um innere oder äußere Sicherheit kümmern. Wen aber wundert´s? Denn Celldar könne sogar einzelne Menschen "auf militärisch nutzbare Entfernungen" verfolgen, behauptet Roke Manor in einer - inzwischen zurückgezogenen - Presseinformation. Der Wächter im stillen Kämmerlein, "passiv" und nicht zu orten, es ist wohl keine Big-Brother-Vision, sondern so gut wie Realität.
Michael Schmittbetz (28.04.2004)


