Räuber und Retter
Lange waren Menschen überzeugt, dass Seenot Schicksal sei. Fremden zu helfen galt nicht als Verpflichtung. Erst im 19. Jahrhundert setzt der Gedanke der Humanität sich durch.Grounding nennen Seeleute das Stranden eines Schiffes. Der Sturm schlägt Brecher mit Wucht gegen das Fahrzeug.
Hohe Wellen schlagen Bordwände leck, reißen Masten und Segel ins tobende Element. Dann kommen sie! Die Retter? Auf kleinen, seetüchtigen Booten rudern Küstenbewohner der Scilly-Inseln heran, klettern an Deck, Messer und Knüppel in den Fäusten. Schafwolle ist während der nächsten Tage auf dem Markt von St. Mary's, dem Hauptort der Inselgruppe, preisgünstig im Angebot.
Strandrecht ist Faustrecht
Solche Ereignisse sind bis ins 19. Jahrhundert hinein kein Einzelfall an Europas Küsten. Ob vor den Scillys, vor Rügen oder anderswo: Küstenpiraten und Strandräuber plündern in Not geratene Schiffe, morden Besatzungen, um keine unerwünschten Zeugen zu haben. Strandrecht ist Faustrecht; der Schiffbruch - mit anschließendem Tod in den Wogen - gilt dem Seemann ohnehin als Berufsrisiko, oft gar als Fingerzeig Gottes. "Nordsee ist Mordsee", heißt eine Devise. Nicht selten helfen ganz normale Leute an den Ufern nach: Falsche Leuchtfeuer und Seezeichen gehören zu den beliebteren Methoden...
Endlich Mitgefühl!
So dünn wie die Decke der Zivilisation, so jung ist der Gedanke der Humanität auf See: Blieb auf offenem Meer meist sowieso keine Rettungschance, wurde in Küstenregionen der Mensch dem Menschen zum gefährlichsten Feind. Tatsächlich fällt zum Beispiel auf Rügen das Ende von Küstenpiraterie und regulärer Strandräuberei erst mit den Anfängen des Tourismus zusammen: Welcher gut betuchte Gast will schon bei einem Räuber wohnen? Bald ersetzt das neue Gewerbe mit Fremden den Strandraub als Einnahmequelle. Leid von Schiffbrüchigen erzeugt nun Mitgefühl.
Überdies intervenieren Staat und Kaufmannschaft, allen voran Holländer und Briten. Auch die deutsche Reichsregierung erlässt am 17. Mai 1874 eine Allgemeine Strandungsordnung. Vorher schon hat in Deutschland - im Oktober 1860 - der einstige Obersteuermann Adolph Bermpohl die Teilnahmslosigkeit der Küstenbewohner gegenüber Schiffbrüchigen öffentlich angeprangert. Erste Rettungsstationen entstehen zwischen 1861 und 1863, in Cuxhaven, Bremerhaven und Stralsund...
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Infobox
Ohne Hilfe von außen...
muss die Gefahr unabwendbar sein. Erst dann liegt, auch im juristischen Sinn, Seenot vor. Dass es sich um Gefahr für Leib und Leben von Besatzung oder Passagieren handelt, gilt ohnedies als selbstverständlich. Der Mastbruch einer Segeljacht, wenn sie noch per Motor den Hafen erreichen kann, rechnet also nicht zu den Seenotfällen. Ein Überfall durch Piraten rechtfertigt den Notruf hingegen wieder.
muss die Gefahr unabwendbar sein. Erst dann liegt, auch im juristischen Sinn, Seenot vor. Dass es sich um Gefahr für Leib und Leben von Besatzung oder Passagieren handelt, gilt ohnedies als selbstverständlich. Der Mastbruch einer Segeljacht, wenn sie noch per Motor den Hafen erreichen kann, rechnet also nicht zu den Seenotfällen. Ein Überfall durch Piraten rechtfertigt den Notruf hingegen wieder.
Infobox
Save our souls
- "Rettet unsere Seelen!" - soll der SOS-Ruf bedeuten - so sagt es die Legende. Das stimmt so nicht. Die drei Buchstaben bilden kein Kurzwort, sie wurden aus rein praktischen Erwägungen vereinbart: "...---...", die Form im Morsealphabet lässt sich eben einfach senden, ist markant, und kommt in üblichen Buchstabenkombinationen selten vor. Also ist sie auffällig genug für ein Notsignal.
Heute, im Zeitalter des Sprechfunks, ersetzt das Wort Mayday den SOS-Ruf weitgehend. Nein, auch diesmal ist das Wort nicht wörtlich zu nehmen, meint niemand einen "schönen Maientag". Was da im Seenotverkehr - über 156,800 Megahertz (Kanal 16) - ergeht, ist nur eine Verballhornung des französischen m'aidez ("Helfen Sie mir!").
- "Rettet unsere Seelen!" - soll der SOS-Ruf bedeuten - so sagt es die Legende. Das stimmt so nicht. Die drei Buchstaben bilden kein Kurzwort, sie wurden aus rein praktischen Erwägungen vereinbart: "...---...", die Form im Morsealphabet lässt sich eben einfach senden, ist markant, und kommt in üblichen Buchstabenkombinationen selten vor. Also ist sie auffällig genug für ein Notsignal.
Heute, im Zeitalter des Sprechfunks, ersetzt das Wort Mayday den SOS-Ruf weitgehend. Nein, auch diesmal ist das Wort nicht wörtlich zu nehmen, meint niemand einen "schönen Maientag". Was da im Seenotverkehr - über 156,800 Megahertz (Kanal 16) - ergeht, ist nur eine Verballhornung des französischen m'aidez ("Helfen Sie mir!").



