White out
So sicher Seilbahnen sind - Unfälle können trotzdem passieren. Meist sind externe Faktoren schuld. Das Unglück von Cavalese im Februar 1998 war so ein Fall, und noch dazu mit enormer politischer Sprengkraft.Blick auf die verschneiten Dolomiten: Nur wenig höher flog am 3. Februar 1998 der Jet des US-Marinekorps.
Schlagzeilen im Hintergrund
Was ist der 3. Februar für ein Tag? Was bewegt am Anfang des Jahres 1998 die Gemüter? Auch wer kaum politische Interessen hat, kennt wahrscheinlich das Stichwort Lewinsky-Affäre. Am 26. Januar hat US-Präsident Bill Clinton eine eidesstattliche Erklärung abgegeben: Nein, er habe mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky (geboren 1973) keine außereheliche Beziehung gehabt. Spötter sprechen vom Oral Office, wenn sie das Oval Office - den Arbeitsraum des Präsidenten - meinen.
Voller Unbehagen
Wer seine Zeitungen gründlicher liest, dem sind ganz sicher noch andere Schlagzeilen gegenwärtig: Am 11. Dezember 1997 wird auf der Klimakonferenz im japanischen Kyoto ein Procedere vorgestellt, das den Weg zur Reduzierung von CO2-Emissionen öffnen könnte. Verbissenen Widerstand, so erfährt der europäische Medienkonsument, leisten fast allein die USA, mit unglaublicher Ignoranz. Und sie alle - ob Boulevard- oder "Qualitäts"zeitungsleser - verbindet ein unangenehmes Gefühl. Es ist die Angst vor dem bevorstehenden Krieg: Eben, am 17. Januar, hat Iraks Staatschef Saddam Hussein mit dem Abbruch jeglicher Kooperation gedroht. US-Kampfflugzeuge patrouillieren über dem Norden des arabischen Landes.
Ashby und Schweitzer
Beinahe im selben Augenblick, in dem die zwanzig Touristen am Berg Cermis ihre Seilbahngondel besteigen, startet auf dem italienischen Luftwaffenstützpunkt Avioni ein Jet des US-Marinekorps. Am Steuerknüppel sitzt Captain Richard Ashby, damals 30 Jahre alt. Sein Navigator, auf dem Platz hinter ihm, ist der ein paar Jahre jüngere Captain Joseph Schweitzer. Ashby und Schweitzer haben brandneue, geheime Hard- und Software im Cockpit. Ihr Kurs ist vorgeschrieben. Dass es so ist, und warum, wird später für das Verhalten eines US-Militärgerichts wichtig sein.
Spezialist in der Aufklärung
Der EA-6 Prowler, jener Jet, den die beiden Marines an diesem sonnigen, wunderbar klaren Nachmittag fliegen, ist eine Version des Grumman A-6 Intruder - eines Modells, das während des Vietnamkriegs, also in den 1970er Jahren, seine hohe Zeit erlebte. Dutzende Male hat man die Bordelektronik des Prowler seitdem modernisiert. Der Prowler ist kein "Dogfighter", der hoch am Himmel oder dicht über dem Boden irre Kurven dreht, um Luftkampfgegner auszutricksen; der Prowler ist ein Spezialist, zum Zweck der elektronischen Kriegführung konzipiert. Dazu zählen zum Beispiel das Stören feindlicher Radarsignale oder Aufklärung nahe der Erdoberfläche.
Der EA-6 Prowler hat nicht nur direkte Kampfaufgaben. Dank hochgezüchteter Hardware an Bord ist er auch für die elektronische Kriegführung ausgelegt.
Der Zusammenstoß
Um 15:15 Uhr, am 3. Februar 1998, sind die zwanzig Seilbahnpassagiere tot. Zwanzig Leben sind binnen Sekunden ausgelöscht. Bei einer Kollision, die es nach aller Wahrscheinlichkeit nie hätte geben dürfen, hat der EA-6 Prowler das Drahtkabel der Seilbahn, kurz vor der Mittelstation, durchtrennt. Die Gondel stürzt über dreihundert Meter in die Tiefe; ein tonnenschwerer Stahlhaken, der Gondel und Seil verband, kracht durch das Kabinendach und tötet jeden, der den Absturz vielleicht überlebte. Ashby und Schweitzer fliegen mit ihrer leicht beschädigten Maschine ins rund 90 Kilometer entfernte Aviani zurück.
Das "Weltstrafgericht"
Zunächst dominieren Betroffenheit und Trauer. Dann gibt es ein Tauziehen um Entschädigungsansprüche. Mittlerweile schreitet das Jahr 1998 voran. Am 18. Juli beschließt eine Staatenkonferenz in Rom die Gründung eines ständigen internationalen Strafgerichtshofs. Das "Weltstrafgericht" soll bei Verdacht auf Völkermord, bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit und bei Kriegsverbrechen tätig werden. Ein erkennbarer Zusammenhang zum Cavalese-Unglück besteht nicht. Die USA lehnen das neue Gericht ab. Begründung: Es könnten auch US-Soldaten im Ausland, außerhalb der eigenen Gerichtsbarkeit, zur Verantwortung gezogen werden. Wieder mal ist in den Medien von Arroganz und Ignoranz die Rede. Am 17. August gesteht Präsident Clinton seine "unangemessene Beziehung" zur Praktikantin Lewinsky ein.
Kriegsgefahr
Drei Tage später beschießen US-Luftstreitkräfte Ausbildungslager islamischer Extremisten in Afghanistan und im Sudan. Im Monat darauf wird die Aufzeichnung der Vernehmung des US-Präsidenten vor einer Grand Jury des Kongresses weltweit im Fernsehen ausgestrahlt. Jede Stammtischrunde debattiert nun angeregt über den berühmtesten Blow Job der Weltgeschichte. Am 14. November gibt Saddam Hussein in letzter Minute vor einem amerikanischen Militärschlag nach und sichert den Vereinten Nationen die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit zu. Niemand glaubt, dass die Kriegsgefahr gebannt ist.
Präsident Bill Clinton im Jahr 1997 bei seiner Rede an die Nation.
"Hypermacht ohne Skrupel"
Bald schon sehen sich die USA als Ganzes am Pranger: "Imperiales Auftrumpfen", "Kluft zwischen Europa und Amerika", "Hypermacht ohne Skrupel", titelt Der Spiegel in seiner Ausgabe 10/1999. Cavalese, vor allem das Urteil des Militärgerichts, ist wie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die USA sind nun, wie es scheint endgültig, das "Neue Rom", verachtenswert, letztlich kulturlos in ihrer zynischen Beschränkung auf reines Machtkalkül.
Ende der Geschichte
Am Ende der Cavalese-Sache steht, nebensächlich angesichts der Toten, ein Kompromiss: Die Familien der Opfer erhalten je 3,8 Millionen Mark. 75 Prozent der Gesamtsumme tragen die USA, den Rest, gemäß Nato-Statut, der italienische Staat. Am Ende der Geschichte steht eigentlich der 11. September 2001. Hier beginnt die Gegenwart. Und die ist, wie üblich, komplizierter.
Keine Cowboys
Übrigens: Pilot Ashby - und wenig später sein Navigator Schweitzer - wurden wohl zu Recht freigesprochen (auch wenn sie sich kurz danach wegen Rechtsbehinderung erneut vor Gericht verantworten mussten). Sie sind vermutlich keine "Cowboys" und keine "Killer". Manches deutet darauf hin, dass der EA-6 Prowler an diesem 3. Februar mit sehr speziellem Auftrag flog. Digitized Battlefield hieß das Projekt. Ashby und Schweitzer, so die Hypothese, hatten Bodendaten "abzugrasen", die in Echtzeit, per Uplink, vom Flugzeug an einen Satelliten übermittelt wurden. Dass der Einsatzbefehl keine Abweichungen von Kurs und Flughöhe erlaubte, liegt nahe. Nahe liegt auch, wo die Schuld tatsächlich zu suchen ist: nicht in irgendeiner US-typischen Rambomentalität sondern in der Schlamperei höherer Kommandostellen.
Sonne und Schnee
Was weiter zu Ashbys Gunsten spricht, ist ein Gutachten von Psychologen: White out nennen Experten das im Bergsport gut bekannte Phänomen: Schnee und starkes Sonnenlicht verwischen Konturen, Einzelheiten lösen sich auf. Angst, Orientierungsverlust und mangelhafter Gleichgewichtssinn sind die Folgen. Der Himmel war klar am 3. Februar 1998, die Dolomiten von Schnee bedeckt. Aber Details sind eben wichtig, will man differenziert urteilen und reagieren. Im Cockpit - wie im eher irdischen Leben.
Michael Schmittbetz (24.01.2008)
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Das Urteil
Letztlich sprach das Militärgericht in Camp Lejeune Ashby und Schweitzer doch noch schuldig, in einer anderen Sache: Am 9. Mai 1998 hatte die New York Times berichtet, ein Videoband aus dem Cockpit sei möglicherweise gelöscht worden. Wirklich hatten Ashby und Schweitzer - vermutlich in privater Initiative - den Anfang des Fluges per Videokamera aufgezeichnet und das Band später vernichtet.
Als Grund gab Schweitzer an, er habe an einer Stelle in die Kamera gelacht. "Was", so der Navigator, "wäre passiert, hätte man diese Passage im italienischen Fernsehen gesendet?" Laut Gerichtsurteil vom 2. April 1999 musste Schweitzer wegen Rechtsbehinderung die Marineinfanterie verlassen. Ashby wurde am 10. Mai 1999 zu sechs Monaten Haft verurteilt und ebenfalls in Unehren entlassen.
Letztlich sprach das Militärgericht in Camp Lejeune Ashby und Schweitzer doch noch schuldig, in einer anderen Sache: Am 9. Mai 1998 hatte die New York Times berichtet, ein Videoband aus dem Cockpit sei möglicherweise gelöscht worden. Wirklich hatten Ashby und Schweitzer - vermutlich in privater Initiative - den Anfang des Fluges per Videokamera aufgezeichnet und das Band später vernichtet.
Als Grund gab Schweitzer an, er habe an einer Stelle in die Kamera gelacht. "Was", so der Navigator, "wäre passiert, hätte man diese Passage im italienischen Fernsehen gesendet?" Laut Gerichtsurteil vom 2. April 1999 musste Schweitzer wegen Rechtsbehinderung die Marineinfanterie verlassen. Ashby wurde am 10. Mai 1999 zu sechs Monaten Haft verurteilt und ebenfalls in Unehren entlassen.



