"Einsamkeit ist ein dichter Mantel, und doch friert das Herz darunter."
Erwin Guido Kolbenheyer, Amor Dei: Ein Spinoza-Roman, 1912
Die Einsamkeit der Frostbeulen
Das Wort von der "sozialen Kälte" kommt der Wahrheit näher als gedacht. In einsamen Momenten sinkt die gefühlte Temperatur auf Tiefstwerte. Kein Wunder.Ein kalter Januarmorgen beim Warten auf den Bus: Die feinen Härchen der Unterarme richten sich auf, Arme und Beine zittern und der Körper wird von Niesattacken geschüttelt; am besten wäre jetzt ein gemütliches Plätzchen am Kamin oder ein heißes Bad. Was ist passiert? Ganz klar: wir frieren!
Zankobjekt Heizregler
Die Symptome des Fröstelns sind bei jedem gleich, doch der Punkt, ab wann es unangenehm kalt wird, ist individuell verschieden: In gemeinsamen Büro- oder Wohnräumen werden Heizungsregler zu Zankobjekten; während der Eine die "Hitze" bei Stufe 5 im T-Shirt kaum aushält, klebt der andere - besser bekannt als Frostbeule - am liebsten dick eingemummelt am Heizkörper und bewacht die Temperatureinstellung. Mediziner sprechen in diesem Zusammenhang von individueller Kälteempfindlichkeit, die meist veranlagt ist und keinen Krankheitswert hat.
So gibt es Gruppen, die prädestiniert sind, zu frieren: Die klassische Frostbeule ist die sehr schlanke Frau mit niedrigem Blutdruck. Bekannte physiologische Faktoren, die das Kälteempfinden erhöhen, sind die Dicke der Fettschicht unter der Haut, das Geschlecht sowie Stoffwechsel und Kreislauf.
Wenn die Seele friert...
Soweit so gut. Neu ist allerdings die wissenschaftliche Erkenntnis, dass nicht nur solche körperlichen Faktoren eine Rolle spielen, ob ein Mensch besonders kälteanfällig ist, sondern auch sein seelisches Befinden: Menschen, die sich einsam fühlen, nehmen ihre Umgebung kälter wahr als Menschen mit ausgeprägten sozialen Kontakten.
Das belegt eine Studie der Universität Toronto aus dem Jahr 2007: In gleich zwei Experimenten fanden Sozialpsychologen heraus, dass Probanden, die sich sozial ausgeschlossen fühlten, die Temperatur des Versuchsraumes als niedriger empfanden als solche, die sich gut integrieren konnten. So bat man die Teilnehmer der ersten Gruppe, sich an Erlebnisse zu erinnern, in denen sie einsam waren. In der zweiten Gruppe sollten Positiverfahrungen, das Gefühl der sozialen Aufnahme, ins Gedächtnis gerufen werden.
Emotionale Temperatur
Die gefühlte Temperaturspanne war erstaunlich groß: Zwischen zwölf und vierzig Grad Celsius schwankten die Schätzungen der Probanden. Im Schnitt lagen die Temperatureinschätzungen der ersten Gruppe - der "Einsamen" - um fünf Grad tiefer. Das verblüffende Fazit: Schon der Gedanke an soziale Isolation lässt das subjektive Temperaturempfinden in den Keller sinken.
In einem zweiten Versuch setzten die Wissenschaftler ihre Versuchspersonen vor ein Video-Ballspiel, bei dem einige Teilnehmer nur selten angespielt wurden. Diese ausgegrenzten Spieler wählten bei der anschließenden Frage nach Essenswünschen eher die warmen Speisen und Getränke, die oft angespielten Versuchspersonen bevorzugten hingegen vermehrt Kaltes.
Volksweisheiten
"Erfahrungen sozialer Isolation fühlen sich buchstäblich kalt an", schlussfolgert Versuchsleiter Chen-bo Zhong. "Deshalb benutzen wir zur Beschreibung solcher Erfahrungen Metaphern, die sich auf die Temperatur beziehen." "Soziale Kälte", "eisige Stimmung" und "jemandem die kalte Schulter zeigen" sind alltägliche Redewendungen, die zeigen, dass sich Menschen des Zusammenhangs zwischen psychischem und physischem Wärmeempfinden instinktiv bewusst sind.
Frühkindliche Erfahrungen lassen Menschen die Nähe zu Anderen mit Wärme assoziieren. Schon Neugeborene erfahren auf den Armen ihrer Mutter, dass Nähe, Wärme und Wohlbefinden eng miteinander verbunden sind. Kommen wir einer Person sehr nah, wird uns buchstäblich "warm ums Herz".
Keine heißen Flirts in der Eisdiele
Eine Studie der Yale University von John Bargh und Lawrence Williams aus dem Jahr 2008 bestätigt das spiegelbildlich: Ist uns warm, gehen wir offener auf Mitmenschen zu und sind nachsichtiger. Versuchsteilnehmer wurden aufgefordert, Personen mittels vorgegebener Charaktermerkmale einzuschätzen. Zuvor hatten Laborassistenten die Probanden gebeten, kurz eine Tasse Kaffee oder aber ein Glas Eistee zu halten.
"Warm, sozial, großzügig" lauteten die wohlwollenden Wertungen der Teilnehmer mit dem Heißgetränk. Die andere Gruppe - die mit dem Eistee - bewertete deutlich zurückhaltender. Beim ersten Date sollte man die auserwählte Person also vorsichtshalber nicht auf ein Eis einladen, sondern besser auf einen heißen Kaffee.
Bargh und Lawrence begründen den Zusammenfall von Sympathie und Wärme neurologisch: Ein Teil der Großhirnrinde, die Insula, beeinflusse die Wahrnehmung der Körpertemperatur sowie das allgemeine seelische Wohlbefinden. Hier komme es zur Vermischung sozialer Wahrnehmung und körperlichem Temperaturempfinden.
Kann eine heiße Suppe schon Frieden stiften?
Die Insula, eine Gehirnregion etwa so groß wie eine Zwei-Euro-Münze, ist bei Menschen aktiv, die Warmes oder Kaltes berühren - aber auch bei Personen, die sich angenommen oder zurückgewiesen fühlen.
"Alles in allem beeinflusst die physische Empfindung von Temperatur unsere Eindrücke und unser Verhalten gegenüber anderen, und zwar ohne dass wir uns dessen bewusst wären", fassen die amerikanischen Wissenschaftler die Versuchsergebnisse zusammen.
Wärme gegen Einsamkeit
Zhong und seine Kollegen von der Universität Toronto wollen weiter an der Wechselwirkung zwischen Umgebungstemperatur und psychologischem Befinden forschen. Einiges deutet darauf hin, dass Wärme kontaktfreudiger macht. Kann durch gezielte Temperatursteuerung auch der Gruppenzusammenhalt gestärkt werden, kann Einsamkeit gemindert werden? Wir werden sehen.
Sandra Thiele (08.01.2012)
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Was passiert beim Frieren?
Frieren ist eine normale Reaktion des Organismus auf niedrige Umgebungstemperaturen. Die Temperaturregulation sowie das Wärme- und Kälteempfinden des Körpers steuert der Hypothalamus im Gehirn. Er veranlasst den Körper zum Frieren.
Frieren soll verhindern, dass die Körpertemperatur sinkt. Zu diesem Zweck laufen verschiedene Vorgänge im Körper ab: Die Durchblutung der Extremitäten (Finger, Zehen, Nase) sinkt, um die Versorgung lebenswichtiger Organe wie Herz, Gehirn und Nieren sicherzustellen. Die Blutgefäße ziehen sich zusammen, wodurch die Haut blass wird, und die Muskeln beginnen zur Wärmeerzeugung zu zittern.
Ein weiterer Mechanismus des Frierens ist die Gänsehaut, dabei stellen sich die Körperhärchen auf und bilden ein Luftpolster über der Hautoberfläche.
Frieren ist eine normale Reaktion des Organismus auf niedrige Umgebungstemperaturen. Die Temperaturregulation sowie das Wärme- und Kälteempfinden des Körpers steuert der Hypothalamus im Gehirn. Er veranlasst den Körper zum Frieren.
Frieren soll verhindern, dass die Körpertemperatur sinkt. Zu diesem Zweck laufen verschiedene Vorgänge im Körper ab: Die Durchblutung der Extremitäten (Finger, Zehen, Nase) sinkt, um die Versorgung lebenswichtiger Organe wie Herz, Gehirn und Nieren sicherzustellen. Die Blutgefäße ziehen sich zusammen, wodurch die Haut blass wird, und die Muskeln beginnen zur Wärmeerzeugung zu zittern.
Ein weiterer Mechanismus des Frierens ist die Gänsehaut, dabei stellen sich die Körperhärchen auf und bilden ein Luftpolster über der Hautoberfläche.
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Heiße Tipps für Frostbeulen
Wie stark jemand bei einer bestimmten Temperatur friert, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Einige körperliche Faktoren beeinflussen die Kälteempfindlichkeit. Dazu gehören die Dicke des isolierenden Unterhautfettgewebes und der wärmenden Muskelmasse, Müdigkeit, Durchblutung und Stoffwechsel.
Eben diese Faktoren lassen sich durch einfache Verhaltensregeln günstig beeinflussen. Zunächst einmal macht eine der Temperatur entsprechende Kleidung viel aus: Um auf Kälteempfinden schnell reagieren zu können, empfiehlt sich die altbekannte Zwiebeltechnik. Dabei werden mehrere Schichten Kleidung übereinander angezogen.
Warme Speisen und Getränke wärmen den Körper von innen. Sehr nützlich sind außerdem Bürstenmassagen, Saunieren, Wechselduschen, Ausdauersport sowie ausreichend Schlaf. Alles, was den Kreislauf stärkt und den Stoffwechsel ankurbelt, kommt Frostbeulen zugute.
Wie stark jemand bei einer bestimmten Temperatur friert, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Einige körperliche Faktoren beeinflussen die Kälteempfindlichkeit. Dazu gehören die Dicke des isolierenden Unterhautfettgewebes und der wärmenden Muskelmasse, Müdigkeit, Durchblutung und Stoffwechsel.
Eben diese Faktoren lassen sich durch einfache Verhaltensregeln günstig beeinflussen. Zunächst einmal macht eine der Temperatur entsprechende Kleidung viel aus: Um auf Kälteempfinden schnell reagieren zu können, empfiehlt sich die altbekannte Zwiebeltechnik. Dabei werden mehrere Schichten Kleidung übereinander angezogen.
Warme Speisen und Getränke wärmen den Körper von innen. Sehr nützlich sind außerdem Bürstenmassagen, Saunieren, Wechselduschen, Ausdauersport sowie ausreichend Schlaf. Alles, was den Kreislauf stärkt und den Stoffwechsel ankurbelt, kommt Frostbeulen zugute.
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Warum frieren Frauen eher als Männer?
Dass Frauen kälteempfindlicher sind, liegt keinesfalls an etwaiger Wehleidigkeit. Der weibliche Körper besteht im Durchschnitt zu 25 Prozent aus Muskeln, der männliche zu rund 40 Prozent.
Ein weiterer Grund für den Unterschied in der Temperaturwahrnehmung ist die um etwa 15 Prozent dünnere Oberhaut von Frauen. Die Kälte dringt daher leichter in den Körper, was die Durchblutung verschlechtert. Schnell ist die Haut bei Frauen trotz gleicher Umgebungstemperatur um etwa drei Grad Celsius kälter als beim Mann.
Dass Frauen kälteempfindlicher sind, liegt keinesfalls an etwaiger Wehleidigkeit. Der weibliche Körper besteht im Durchschnitt zu 25 Prozent aus Muskeln, der männliche zu rund 40 Prozent.
Ein weiterer Grund für den Unterschied in der Temperaturwahrnehmung ist die um etwa 15 Prozent dünnere Oberhaut von Frauen. Die Kälte dringt daher leichter in den Körper, was die Durchblutung verschlechtert. Schnell ist die Haut bei Frauen trotz gleicher Umgebungstemperatur um etwa drei Grad Celsius kälter als beim Mann.
Frauen verspielen ihren einzigen Vorteil in der Temperaturregelung, wenn sie zu sehr auf ihre schlanke Linie achten: Die Fettschicht - bei Frauen natürlicherweise stärker ausgebildet - dient im Winter als Wärmedämmung.
Auch die bei Frauen beliebte enge, körperbetonte Kleidung ist in der kalten Jahreszeit ungünstig: Warme, schützende Luftpolster bilden sich nur in locker sitzender Kleidung, wie sie klassischerweise Männer tragen.



