Eigenwillige Riesen
Der Elch ist - anders als sein naher Verwandter, das Rentier - kein Herdentier und lässt sich daher schwierig halten. Der nordische Koloss braucht seinen Freiraum und lässt sich nur aus freiem Willen zähmen.Milch - das weiße Gold. Die erste Nahrung, die ein Säugling zu sich nimmt, ist im Idealfall die Muttermilch. Auch im weiteren Leben begleitet Milch den Menschen. Ob pur, als Joghurt oder in Form von Käse ist sie aus dem Speiseplan kaum wegzudenken. Hauptlieferant von Milch ist bekanntlich die Kuh.
Allheilmittel "Elchgold"
Aber auch der größte Vertreter der Hirsche - der Elch - kann gemolken werden. Dies wird in Kostroma, 350 Kilometer nordöstlich von Moskau, auf einer Elchfarm praktiziert. Der "Saft" des Elchtiers, wie der weibliche Elch genannt wird, ist als - oder beinahe als - Allheilmittel entdeckt worden.
Larissa Denkewitsch, Chefärztin des nahe gelegenen Sanatoriums, berichtet, dass man zufällig auf die Wirkung der Elchmilch stieß. Ein Mitarbeiter der Farm begann aus Neugier das "Elchgold" zu trinken und wurde binnen weniger Wochen von seinem Magengeschwür befreit. Daraufhin entschloss sich das Iwan-Sussanin-Sanatorium, die Milch des Wiederkäuers zur Behandlung magen- und darmkranker Kurgäste zu verwenden.
Stärkung des Immunsystems
Die heilende Wirkung der Elchmilch ist auf ihre Bestandteile zurückzuführen. Verglichen mit Kuhmilch enthält sie mehr Fett, Proteine, Aminosäuren und - besonders bedeutsam - mehr Lysozyme. Diese Abwehrenzyme wirken antibakteriell und entzündungshemmend. Insgesamt hilft der Genuss von Elchmilch dem Immunsystem. Daher wird sie auch Patienten während einer Strahlentherapie oder an Morbus Chron - einer chronischen Darmkrankheit - Leidenden verabreicht, um die geschwächte Abwehr zu stärken.
Kuh-Ersatz Elch?
So weit, so gut. Warum aber ist dieses Wundermittel noch nicht überall bekannt? Könnte der bis zu 800 Kilogramm wiegende Riese nicht die Kuh ersetzen, wenn seine Milch so viel gehaltvoller ist? Was hält uns davon ab, den Elch im großen Stil zu melken? Eine Erklärung liegt im Wesen des fast drei Meter langen Tieres. Leicht zu halten ist ein Elch nämlich nicht. Anders als das Rentier, sein Verwandter, ist er kein Herdentier.
Selbstzufriedener Eremit
Die Einzelgänger kommen normalerweise nur zur Paarung zusammen. Elchmütter laufen ihrem Kalb nach etwa einem Jahr mit bis zu sechzig Kilometern pro Stunde buchstäblich davon. Nur im Winter hält sich das moose, wie der Elch in Nordamerika genannt wird, in ein und demselben Waldstück auf. Den Rest des Jahres über legt er als zufriedener Eremit große Strecken auf Nahrungssuche zurück.
Stallhaltung oder die Haltung vieler Tiere auf zu kleiner Fläche können nicht glücken. Im Russland der 1960er Jahre sollte dem Elch der Herdentrieb anerzogen werden, um durch Massenhaltung sein Fleisch in großen Mengen zu gewinnen. Dieser Versuch blieb erfolglos, denn der Elch ist anspruchsvoll, eigensinnig und individualistisch.
Kommen und Gehen
Das Geheimnis der Domestikation der Tiere ist offenbar: sie nicht zu gewöhnlichen Haustieren zu machen. Die Elche auf der Farm im russischen Kostroma können kommen und gehen, wann sie wollen. Hier lebende Elche sind per Hand aufgezogen. Die Tiere der Farm haben eine sehr enge Bindung zu ihren Pflegern, angeblich sogar eine engere als zu ihren Kälbern. Ställe gibt es nicht. Zwar ist die Farm umzäunt, aber mit Toren versehen, die meist offen stehen.
Steinzeitliche Felszeichnung von Elchen im Alta Museum, Nordnorwegen. Seit 1985 gehört das Freilichtmuseum zum UNESCO- Weltkulturerbes.
Morgens und abends werden die Elchkühe, die freiwillig auf Ruf der Pfleger aus der Taiga kommen - oder auch nicht - gemolken. Das Ergebnis sind jeweils etwa drei Liter des raren und dementsprechend teuren Stoffes in der Milchperiode, die vier Monate im Jahr dauert. Zum Vergleich: Eine Milchkuh gibt pro Jahr um zehntausend Liter Milch.
Liebebedürftige Riesen
Die Freilandhaltung von Elchen wird auch in Schweden betrieben. Familie Johannson etwa, aus Bjurholm, hat sich auf die Produktion von Elchkäse und Elchparfait für Gourmets spezialisiert. Kaufkräftige Kunden finden solche extravaganten Produkte in einem Feinkostgeschäft der Stockholmer Altstadt.
Auch die Johannsons bestätigen, dass die Haltung von Elchen kein Kinderspiel ist. Ihren Angaben nach brauchen die riesigen Hirsche viel Liebe. Außerdem seien sie als Haustiere ausgesprochen anspruchsvoll: "Direkt nach der Geburt müssen wir rund um die Uhr für die Kleinen da sein und schlafen auch bei ihnen."
Wer domestiziert wen?
Man könnte fragen, wer nun wen domestiziert. Dem erfolgreichen Halter verlangt der Elch doch so einiges ab. Sicher ist jedenfalls, dass der gutmütige - und eigenbrötlerische - Gigant wohl nie die Kuh als Milchlieferant ablösen wird.
Anja Tausche (05.12.2005)
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Waldriese
Elche sind heute in den kälteren Regionen der nördlichen Halbkugel beheimatet. In Eurasien kommen sie in den Wäldern Sibiriens, Skandinaviens und des Baltikums vor. In Nordamerika bewohnen die Pflanzenfresser, die übrigens Seerosen bevorzugen, Waldgebiete Kanadas und Alaskas.
Der Bestand gilt als nicht gefährdet. Ganz im Gegenteil, die Jagd der im Grunde gemächlichen Giganten ist zu bestimmten Zeiten gestattet und auch durchaus beliebt. Sogar Komplettpakete kann der Jäger buchen: Flug direkt bis vor Ort, Übernachtung, Abschuss eines Schauflers - so die Bezeichnung des männlichen Tiers - und Geweih als Trophäe. All inclusive.
Elche sind heute in den kälteren Regionen der nördlichen Halbkugel beheimatet. In Eurasien kommen sie in den Wäldern Sibiriens, Skandinaviens und des Baltikums vor. In Nordamerika bewohnen die Pflanzenfresser, die übrigens Seerosen bevorzugen, Waldgebiete Kanadas und Alaskas.
Der Bestand gilt als nicht gefährdet. Ganz im Gegenteil, die Jagd der im Grunde gemächlichen Giganten ist zu bestimmten Zeiten gestattet und auch durchaus beliebt. Sogar Komplettpakete kann der Jäger buchen: Flug direkt bis vor Ort, Übernachtung, Abschuss eines Schauflers - so die Bezeichnung des männlichen Tiers - und Geweih als Trophäe. All inclusive.
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Karl Gustav
An einem Herbstmorgen des Jahres 2005 wird nahe dem bayrischen Wernberg-Köblitz ein riesiges Tier gesichtet. Für Josef Prölf ist nach kurzer Bedenkzeit klar, dass dieser Hirsch ein Elch sein muss. Dem "Elchfinder" stellen sich mehrere Fragen: "Was macht der bei uns? Gibt's das überhaupt?"
Das zufällig aufgenommene Videomaterial und die abgenagte Rinde an den jungen Obstbäumen sind eindeutige Indizien für den Besuch von Karl Gustav, wie der Elch seit seiner Stippvisite genannt wird. Auch der oberpfälzische Raps hat dem Weitgereisten gemundet - eben ein wirklicher Feinschmecker. An die tausend Kilometer muss Karl Gustav, der vermutlich aus Polen oder Weißrussland anreiste, schon zurückgelegt haben.
Weiter geht’s Richtung Westen. Sicher kein Problem für jemanden mit solch langen Beinen...
An einem Herbstmorgen des Jahres 2005 wird nahe dem bayrischen Wernberg-Köblitz ein riesiges Tier gesichtet. Für Josef Prölf ist nach kurzer Bedenkzeit klar, dass dieser Hirsch ein Elch sein muss. Dem "Elchfinder" stellen sich mehrere Fragen: "Was macht der bei uns? Gibt's das überhaupt?"
Das zufällig aufgenommene Videomaterial und die abgenagte Rinde an den jungen Obstbäumen sind eindeutige Indizien für den Besuch von Karl Gustav, wie der Elch seit seiner Stippvisite genannt wird. Auch der oberpfälzische Raps hat dem Weitgereisten gemundet - eben ein wirklicher Feinschmecker. An die tausend Kilometer muss Karl Gustav, der vermutlich aus Polen oder Weißrussland anreiste, schon zurückgelegt haben.
Weiter geht’s Richtung Westen. Sicher kein Problem für jemanden mit solch langen Beinen...
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Jagdzauber
Die Granitfelsen am Wasserfall Nämforsen in Schweden sind über und über mit stein- und bronzezeitlichen Zeichnungen bedeckt. Das am häufigsten vorkommende Motiv ist der Elch. Von Fachleuten werden diese Zeichnungen häufig als Jagdzauber, der für Jagdglück sorgen sollte, interpretiert. Elche waren damals neben Rehen und Robben eine wichtige Beute.
Der schwedische Archäologe Anders Fandén deutet diese Zeichnungen allerdings als "Werkzeug" der Schamanen. Seiner Ansicht nach verehrte man den Elch wie einen Gott. Die Jagdvölker des Nordens glaubten an die Existenz von herrschenden und beschützenden Geistern, denen gehuldigt werden musste, um bevorstehendes Unheil abzuwehren. Dazu gehörte Fandéns Meinung nach auch der Geist des größten Landtiers der nördlichen Hemisphäre.
Der Archäologe geht davon aus, dass Schamanen zur Huldigung des Elchs und auch zur Kontaktaufnahme mit den Göttern an diesen Stromschnellen Versammlungen einberiefen. Männer tanzten sich als Medien in Trance, damit die Zeichen der Götter verstanden werden konnten. Die sanften Riesen waren demnach nicht nur Lieferanten von Fleisch, sondern Götter.
Die Granitfelsen am Wasserfall Nämforsen in Schweden sind über und über mit stein- und bronzezeitlichen Zeichnungen bedeckt. Das am häufigsten vorkommende Motiv ist der Elch. Von Fachleuten werden diese Zeichnungen häufig als Jagdzauber, der für Jagdglück sorgen sollte, interpretiert. Elche waren damals neben Rehen und Robben eine wichtige Beute.
Der schwedische Archäologe Anders Fandén deutet diese Zeichnungen allerdings als "Werkzeug" der Schamanen. Seiner Ansicht nach verehrte man den Elch wie einen Gott. Die Jagdvölker des Nordens glaubten an die Existenz von herrschenden und beschützenden Geistern, denen gehuldigt werden musste, um bevorstehendes Unheil abzuwehren. Dazu gehörte Fandéns Meinung nach auch der Geist des größten Landtiers der nördlichen Hemisphäre.
Der Archäologe geht davon aus, dass Schamanen zur Huldigung des Elchs und auch zur Kontaktaufnahme mit den Göttern an diesen Stromschnellen Versammlungen einberiefen. Männer tanzten sich als Medien in Trance, damit die Zeichen der Götter verstanden werden konnten. Die sanften Riesen waren demnach nicht nur Lieferanten von Fleisch, sondern Götter.



