Reineke Fuchs
Der schlaue Fuchs bewegt seit längerem die Phantasie. Ein ganz schön ausgebuffter Politiker muss er sein, glaubt man einer Geschichte des Dichters Goethe."Dass ich erkenne, was die Welt, im Innersten zusammenhält", ist das große Anliegen des goetheschen Faust. Eine andere Frage nach dem Kern hat der Dichter im Reineke Fuchs zum Thema gemacht: Es ist die Frage des inneren Zusammenhalts der Gesellschaft, des Prinzips, das die Leute hindert, chaotisch übereinander herzufallen und sich die Köpfe einzuschlagen. Das Prinzip heißt Herrschaft.
Alte Geschichte...
Goethes Reineke Fuchs erschien am 22. November 1794. Damals schlugen sich im Nachbarland diverse Leute die Köpfe ein: Frankreichs Revolution hatte ihre terroristische Phase erreicht. Grund genug für solch ein Büchlein über Macht und Intrige? Gleichwohl, die Fabel vom schlauen Fuchs, der am Hof des Königs der Tiere, des Löwen Nobel, seine Ränke spinnt sowie kleine und große Verbrechen begeht, ist älter: 1498 schon fand eine niederdeutsche Volksdichtung - Reynke de Vos - in Lübeck ihr Publikum.
...die immer wiederkehrt
Seither hat es immer wieder Varianten und Variationen des Reineke gegeben - offenbar ist die Geschichte zeitlos gut. Wen wunderts, begegnet uns doch Machtausübung, mit all ihren Schattenseiten, in stets unvermeidlich wiederkehrenden Gestalten. Hexameter - das klassisch-zeitlose Versmaß - sind wohl auch deshalb die Form, in der Goethe den uralten Stoff neu gestaltete. Genau 4.312 solcher Hexameter sollen es sein, aus denen der Text besteht, zusammengefasst in zwölf Gesängen.
Satire, Anklage: die alte Fabel gibt das her, so ist sie über Jahrhunderte gelesen worden, als bissiger Kommentar zum Zeitgeschehen. Gegen Betrug, Heuchelei, Intrige, Gier und Machtmissbrauch die moralisierende Stimme zu erheben fällt nicht schwer. Ob im Fußballverein, in der Firma oder in den hohen Rängen der Politik, überall wird ja fündig, wer sich lange genug im Schmutz zu wühlen überwindet. Was aber macht Goethes Reineke, den perfiden Intriganten, besonders? Was macht ihn - sympathisch?
Rolle: Identifikationsfigur
Reineke, wie er aus Goethes Feder kommt, ist die Rolle der Identifikationsfigur auf den Pelz geschneidert. Er entlastet, im befreienden Lachen über seine Cleverness, statt als schlimmes Beispiel zu belasten. "Nun, so spiel ich halt auch mein Spiel und denke daneben / Öfters bei mir: es muss ja wohl recht sein, tuns doch so viele!", kündet Reineke seinem Vertrauten und Beichtvater, dem Dachs Grimbart. Genau! Ein Fuchs wie du und ich.
König Nobel hält Hof. Die im Jahre 1846 erschienene, von Wilhelm von Kaulbach illustrierte Ausgabe des Reineke ist eine der berühmtesten.
Immerhin, man ist auf dem Weg zum Hofe König Nobels, die Kläger warten, man hat allerlei Federvieh gefressen, Wolf und Bär recht übel zugesetzt mit List und Tücke, das Kaninchen gequält, dem Hasen den Kopf abgebissen... Aber Zweifel? Nein, Zweifel spürt man nicht, geht man doch konform mit den Regeln des diplomatischen Spiels, voller Witz und Verstand. Den Beherrschten, ganz nebenbei, steht kaum Besseres zu, denn: "... was hilft dichs, der Beste zu sein, es bleiben die Besten / Doch nicht unberedet in diesen Zeiten vom Volke ... Wenig Gutes ist in der Gemeine, und wirklich verdienen / Wenige darunter auch gute, gerechte Herren zu haben."
Dass Wolf Isegrim, auch er ein Mächtiger im Hofstaat, sich nicht besänftigen lässt, gar zum Zweikampf fordert, ist dramatisches Beiwerk im Grunde. Gut eingeölt behält Reineke die Oberhand, mit einem sehr unerlaubten Griff unter die Gürtellinie. Alle Klagen sind fortan vergessen, Fuchs wird Kanzler, etabliert sich, auf Dauer, im Palast. Der Sieger hat Recht.
Als Vernunftwesen frei...
Übrigens: Kurze Zeit bevor Goethe seinen Reineke Fuchs verfasste, ist, 1788, das Werk einer anderen Geistesgröße unter die Leute gekommen: Immanuel Kants Kritik der praktischen Vernunft. Der Mensch sei, als Vernunftwesen, frei, lesen wir dort. Daher vermöge er über instinktbestimmtes Reagieren ebenso hinauszugehen wie über rein interessegeleitetes Handeln, etwa aus bloß taktischen Motiven. "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne", fordert der Philosoph aus Königsberg.
...bloß wozu?
Irgendwie muss Reineke Fuchs das missverstanden haben. Oder lag dieser ausgebuffte Politiker am Ende gar nicht so weit daneben? Denn das Prinzip der Herrschaft gilt ja allgemein, nichts anderes macht Reineke zur Maxime seines Willens. Illusionslos geht der schlaue Fuchs an die Dinge heran, frei von Skrupeln und Vorurteilen. Exakt darin liegt seine Vernunft - und seine Macht. So füllt er Kants leere Formel mit lebendigem Inhalt, was Sache der Sieger, der Herrschenden ist - immer und allerorten.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 15.04.2010)
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Der schlaue Fuchs als Fabeltier...
entstammt nicht allein dem europäischen Kulturkreis. Ursprünge der vielschichtigen Motivik lassen sich bis ins vorchristliche Indien zurückverfolgen. Der altgriechische Fabeldichter Äsop brachte das Märchen vom verschlagenen Schakal nach Europa, wo es von den Dichtern Phädrus, Babrios und Avianus aufgegriffen und verbreitet wurde. Später wanderte das Motiv vom lateinischen in den französischen (Roman de Renart) und von dort über den flämischen (Van den vos Reynaerde) in den niederdeutschen Sprachraum.
Im Laufe der Jahrhunderte fand die Figur des Reineke Fuchs Eingang in Literatur, Volksdichtung und Kunst. So wurde die Fabelgestalt auf Gemälden, Spielkarten, Uhren, Porzellantellern und unzähligen Dingen mehr verewigt. Über zweitausend Kunstschätze dieser Art hat der Sammler Friedrich von Fuchs in den vergangenen fünf Jahrzehnten zusammengetragen. In seiner Sammlung befinden sich unter anderem graphische Blätter und illustrierte Buchausgaben, darunter auch die Erstausgabe des Goetheschen Reineke von 1794 sowie Original-Stahlstiche Wilhelm von Kaulbachs.
Als weltweit einzige ihrer Art wurde die Sammlung 1996 mit einem Eintrag im Guinness Buch der Rekorde gewürdigt. Mit Leidenschaft und wissenschaftlicher Akribie beschriftet, katalogisiert und dokumentiert Friedrich von Fuchs seine Exponate. Einen Eindruck vom außergewöhnlichen Hobby des gelernten Kunsthandwerkers kann sich der Interessierte in der Villa zum Fuchsbau verschaffen. So nennt der Sammler sein Haus im hessischen Linden; und hier hat er 1985 das Reineke-Fuchs-Museum eingerichtet.
Im Laufe der Jahrhunderte fand die Figur des Reineke Fuchs Eingang in Literatur, Volksdichtung und Kunst. So wurde die Fabelgestalt auf Gemälden, Spielkarten, Uhren, Porzellantellern und unzähligen Dingen mehr verewigt. Über zweitausend Kunstschätze dieser Art hat der Sammler Friedrich von Fuchs in den vergangenen fünf Jahrzehnten zusammengetragen. In seiner Sammlung befinden sich unter anderem graphische Blätter und illustrierte Buchausgaben, darunter auch die Erstausgabe des Goetheschen Reineke von 1794 sowie Original-Stahlstiche Wilhelm von Kaulbachs.
Als weltweit einzige ihrer Art wurde die Sammlung 1996 mit einem Eintrag im Guinness Buch der Rekorde gewürdigt. Mit Leidenschaft und wissenschaftlicher Akribie beschriftet, katalogisiert und dokumentiert Friedrich von Fuchs seine Exponate. Einen Eindruck vom außergewöhnlichen Hobby des gelernten Kunsthandwerkers kann sich der Interessierte in der Villa zum Fuchsbau verschaffen. So nennt der Sammler sein Haus im hessischen Linden; und hier hat er 1985 das Reineke-Fuchs-Museum eingerichtet.
Infobox
Den kompletten Reineke Fuchs gibt es im Projekt Gutenberg zum Nachlesen. Die größte deutschsprachige Literatursammlung im Internet ist auch sonst den Besuch wert: Auf rund 420.000 Textseiten präsentieren die Anbieter dort zum Beispiel 1.700 vollständige Romane, Erzählungen und Novellen.



