Dumme Gans?
Im Herbst fallen sie in Scharen ein: Wildgänse. Mancher Bauer verscheucht sie mit Fuchsattrappen und meint, das dumme Federvieh fällt auf jeden Trick herein. Doch Gänse haben mehr im Kopf, als ihr Ruf vermuten lässt."Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen?", fragt eine der bösen Stiefschwestern im Märchen Aschenputtel der Brüder Grimm. "Dumme Gans" und "alberne Gans" hören Mädchen oft. Sogar Goethe sprach von den "dummen Gänsen". Der Volksmund weiß: Gänse sind einfältig. Sie tappen in jede Falle.
Vertraute Lockvögel
Dem entspricht eine Verhaltensweise, die Gänsefänger früher häufig nutzten. Heute passiert das gelegentlich zu Forschungszwecken: Die professionellen Jäger locken mit Hilfe zahmer Gänse ganze Scharen von Wildgänsen ins Netz. Der Anblick gezähmter Gänse ist für deren wild lebende Artgenossen nämlich höchst attraktiv: Hier gibt es Nahrung, hier ist es sicher! Dann braucht der Gänsefänger nur noch das ausgelegte Netz zuschnappen lassen. Mit Intelligenz hat solches Reinfallen auf Lockvögel wenig zu tun. Da hat der Volksmund wohl recht, oder doch nicht?
Kluge Küken
Eher nicht, denn Intelligenzleistungen von Gänsen sind nachweisbar. Wie klug das Federvieh ist, erforschen Verhaltensbiologen am Konrad-Lorenz-Forschungszentrum (KLF) in Grünau in Österreich. Jährlich werden dort Gruppen junger Gänse von Hand aufgezogen und Tests unterzogen. Es zeigte sich, dass Gänseküken schon im Alter von zehn Tagen in der Lage sind, Mütter und Geschwister von Nicht-Verwandten zu unterscheiden.
Und sie können noch mehr: Wissenschaftler am KLF fanden heraus, dass zum Beispiel Graugänse zu beachtlichen Gedächtnisleistungen in der Lage sind. Sie können Farben voneinander unterscheiden, einer Reihenfolge zuordnen und sogar logisch schließen. Damit fordern Gänse unseren Respekt, sie beweisen wirklich "Köpfchen".
Intelligente Strategie
"Köpfchen" beweisen Gänse nicht bloß im Labor. Zugvögel führen ein stressreiches Leben. Da sind Tricks schon mal gefragt. Die V-Formation auf oft tausende Kilometer langen Reisen ist ein gutes Beispiel: Dank des lang gezogenen V fliegen hintere Tiere immer im Windschatten der vorderen und sparen rund siebzig Prozent Energie. Während des Fluges tauschen Gänse mehrfach ihre Position, um sich abwechselnd zu erholen.
In der Schule
Welchen Kurs sie einhalten müssen, wo es Rastplätze gibt und ausreichend Futter für alle, wissen Gänse nicht instinktiv. Daher bleiben Jungtiere nach dem Flüggewerden mindestens bis zur nächsten Brut bei ihren Eltern; erst im dritten Lebensjahr legen Gänse Eier.
Jungtiere gehen in dieser Zeit "zur Schule" und lernen fürs Leben: Denn die Wahl ruhiger und futterreicher Rastplätze ist biologisch wichtig; Gänse brauchen auf ihren langen Reisen viel Energie und müssen Kräfte sammeln für Eiablage und Brutzeit. Haben Gänse einen sicheren Platz zum Überwintern gefunden, kehren sie jahrelang an ihn zurück, solange er weiter Sicherheit bietet.
Hetero, Homo, à trois...
Kognitive Fähigkeiten stehen in direktem Zusammenhang mit dem beziehungsreichen sozialen Gefüge von Herden, stellen Verhaltensforscher nicht nur bei Gänsen fest. Je komplexer das soziale Zusammenleben, umso schlauer sind die Herdenmitglieder - und Beziehungen gestalten sich vielfältig in Gänsescharen.
Neben heterosexuellen Paaren sind auch häufig zwei Ganter in einer Partnerschaft zu sehen. Sogar Dreiecksbeziehungen sind üblich: Junge Weibchen schließen sich an Hetero- oder Homo-Paare an; die Grundbeziehung bleibt in beiden Fällen lebenslang stabil. Brüder trennen sich von ihren Geschwistern und suchen einen neuen Gänsepartner - Schwestern bleiben oft beieinander. Familie hat unter Gänsen einen ungewöhnlich hohen Stellenwert.
Das Federvieh ist demnach keinesfalls dumm, wie im Märchen behauptet wird. Mit Erfolg haben Gänse eine Reihe von Methoden entwickelt, die ihnen das Überleben sichern und stellen ihre Intelligenz - und ihr soziales Verhalten - immer wieder unter Beweis.
Hedda Hillermann (28.10.2010)
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Zahme Vettern
Hausgänse - vor etwa viertausend Jahren wurden sie domestiziert - ähneln ihren wilden Verwandten nur noch entfernt. Sie wiegen durchschnittlich sechs Kilogramm, fast doppelt so viel wie die meisten Wildgansarten. Ihre auf Fett, Fleisch und Eierlegequalitäten gezüchteten Körper sind zu schwer zum Fliegen. Zusätzlich stutzen viele Bauern ihren Tieren regelmäßig die Flügel, um Bewegungsmöglichkeiten einzuschränken.
Während Wildgänse bei Gefahr eher flüchten und sich nur in bestimmten Situationen - wie dem Schutz der Brut - verteidigen, haben Hausgänse die Möglichkeit zur Flucht verloren. Sie sind daher meist deutlich aggressiver als ihre frei lebenden Vettern und verfügen über Methoden zur Abwehr von Feinden.
Gegen Füchse setzen sie sich mit Flügelschlägen und Bissen durch, eine ausgewachsene Hausgans kann einem Menschen sogar den Arm brechen. Als Wachtiere eignen sie sich hervorragend, da sie laut schnattern und sich gegen Eindringlinge zur Wehr setzen.
Zuchtgänse haben außerdem ihre monogame Lebensweise abgelegt. Bei einer jährlichen Eierproduktion von rund zwanzig Eiern - im Unterschied zu vier bis sechs Eiern bei Wildgänsen - und den relativ kleinen Scharen, in denen zahme Gänse gehalten werden, ist die Einehe nicht mehr zweckmäßig. Hausganter befruchten Eier verschiedener Weibchen, so sind hohe Legezahlen gewährleistet.
Hausgänse - vor etwa viertausend Jahren wurden sie domestiziert - ähneln ihren wilden Verwandten nur noch entfernt. Sie wiegen durchschnittlich sechs Kilogramm, fast doppelt so viel wie die meisten Wildgansarten. Ihre auf Fett, Fleisch und Eierlegequalitäten gezüchteten Körper sind zu schwer zum Fliegen. Zusätzlich stutzen viele Bauern ihren Tieren regelmäßig die Flügel, um Bewegungsmöglichkeiten einzuschränken.
Während Wildgänse bei Gefahr eher flüchten und sich nur in bestimmten Situationen - wie dem Schutz der Brut - verteidigen, haben Hausgänse die Möglichkeit zur Flucht verloren. Sie sind daher meist deutlich aggressiver als ihre frei lebenden Vettern und verfügen über Methoden zur Abwehr von Feinden.
Gegen Füchse setzen sie sich mit Flügelschlägen und Bissen durch, eine ausgewachsene Hausgans kann einem Menschen sogar den Arm brechen. Als Wachtiere eignen sie sich hervorragend, da sie laut schnattern und sich gegen Eindringlinge zur Wehr setzen.
Zuchtgänse haben außerdem ihre monogame Lebensweise abgelegt. Bei einer jährlichen Eierproduktion von rund zwanzig Eiern - im Unterschied zu vier bis sechs Eiern bei Wildgänsen - und den relativ kleinen Scharen, in denen zahme Gänse gehalten werden, ist die Einehe nicht mehr zweckmäßig. Hausganter befruchten Eier verschiedener Weibchen, so sind hohe Legezahlen gewährleistet.
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In den Süden
Die meisten der weltweit 15 Wildgansarten brüten in Sibirien. Wenn Mitte August die Wildgänse ihre Brutplätze in den arktischen Tundren verlassen, sind ihre Jungen erst rund zwei Monate alt und gerade flügge geworden. Die Zeit für die Aufzucht ist knapp bemessen: Verzögert sich die Schneeschmelze nur um einige Tage, haben Wildgänse in manchem Jahr keinen Bruterfolg.
Die Wege der wilden Gänse führen entlang der Nordmeerküste über das Baltikum nach Polen und schließlich nach Deutschland. Mitte September sieht man die ersten Scharen in Brandenburg, im Laufe des Oktobers werden es mehrere hunderttausend Tiere.
Anfang November ziehen die meisten Gänse weiter nach Westen an den Niederrhein, in die Niederlande und nach Belgien zum Überwintern; wenige Arten fliegen bis nach Frankreich oder Spanien.
Wildgänse richten sich bei ihren Zügen nach Landmarken wie Flüssen oder Autobahnen. Zusätzlich orientieren sie sich am Stand der Sonne.
Forscher vermuten, dass Gänse und andere Zugvögel im Auge oder im Schnabel Sensoren tragen, die den Neigungswinkel des Erdmagnetfelds erfassen. Mit diesem sechsten Sinn "berechnen" die Vögel die Flugroute. Wissenschaftlich bewiesen ist die Vermutung jedoch nicht.
Die meisten der weltweit 15 Wildgansarten brüten in Sibirien. Wenn Mitte August die Wildgänse ihre Brutplätze in den arktischen Tundren verlassen, sind ihre Jungen erst rund zwei Monate alt und gerade flügge geworden. Die Zeit für die Aufzucht ist knapp bemessen: Verzögert sich die Schneeschmelze nur um einige Tage, haben Wildgänse in manchem Jahr keinen Bruterfolg.
Die Wege der wilden Gänse führen entlang der Nordmeerküste über das Baltikum nach Polen und schließlich nach Deutschland. Mitte September sieht man die ersten Scharen in Brandenburg, im Laufe des Oktobers werden es mehrere hunderttausend Tiere.
Anfang November ziehen die meisten Gänse weiter nach Westen an den Niederrhein, in die Niederlande und nach Belgien zum Überwintern; wenige Arten fliegen bis nach Frankreich oder Spanien.
Wildgänse richten sich bei ihren Zügen nach Landmarken wie Flüssen oder Autobahnen. Zusätzlich orientieren sie sich am Stand der Sonne.
Forscher vermuten, dass Gänse und andere Zugvögel im Auge oder im Schnabel Sensoren tragen, die den Neigungswinkel des Erdmagnetfelds erfassen. Mit diesem sechsten Sinn "berechnen" die Vögel die Flugroute. Wissenschaftlich bewiesen ist die Vermutung jedoch nicht.



