Herr der Gänse
Sehr viel hat ein Wissenschaftler von den Gänsen gelernt: Konrad Lorenz. Er begab sich auf die verwehte Spur der Instinkte, wollte wissen, wie frühe Prägung das Leben in den Bann schlagen kann.Kanadagänse mit Küken: interessante Objekte für Verhaltensbiologen. (Bild: John Romkey, Lizenz: Creative Commons)
Watschelnd und schnatternd erwecken die Jungvögel den Eindruck, Konrad Lorenz, so der Name des älteren Herrn, bis ans Ende der Welt folgen zu wollen. Gelegentlich dreht er sich um, wartet, spricht mit den Kleinen in Gänsesprache und gönnt ihnen Verschnaufpausen. Im Teich wird Lorenz mit dieser Schar im Schlepptau ein paar Runden schwimmen; die Gänslein folgen ihm, als sei er ihre Mutter. Viele Filme, Bücher und Anekdoten berichten über Lorenz - nicht als spröden Wissenschaftler, sondern als Menschen, der es verstand, seine Mitmenschen zu begeistern. Lorenz war fasziniert vom schnatternden Federvieh.
"Eigentlich wollte ich Wildgans werden"
Schon früh ist Lorenz' Interesse entstanden: Damals, im parkähnlichen Garten seiner Eltern, beobachtete der junge Österreicher, 1903 in der Nähe von Wien geboren, verschiedene Tiere, pflegte sie und zog seine ersten Küken auf. Als sie herangewachsen waren, bewunderte er ihren Flug. Er schrieb später über sich selbst: "Eigentlich wollte ich Wildgans werden." Zoologe, Ethnologe aus Berufung - das war sein großes Ziel.
Doch zunächst studierte und promovierte der junge Mann auf Vaters Wunsch in Medizin. Im Privatzoo auf dem elterlichen Anwesen entstanden schon während des Studiums erste ornithologische Arbeiten. 1932 promovierte der Verhaltensforscher auch in Biologie und habilitierte sich 1937 als Dozent für "Vergleichende Anatomie und vergleichende Tierphysiologie". Nach vierzig Jahren Forschung erhielt Lorenz den Nobelpreis für Medizin gemeinsam mit seinen Kollegen Karl von Frisch und Nikolaas Tinbergen.
Preiswerte Gänseeier
Wie ist der als "Einstein der Tierseele" bezeichnete Lorenz ausgerechnet auf die Gans gekommen? Lorenz' privater Forschungszoo - er hielt verschiedene Vögel von Dohlen bis Enten - verschlang Unsummen. Aus ewiger Geldnot heraus kaufte der Wissenschaftler preiswerte Gänse statt teurer Enteneier. Zusammen mit seinem niederländischen Freund Nikolaas Tinbergen erforschte er spezifische Reizmuster von Gänsen, deren Reaktionen und Instinktbewegungen. Lorenz betonte, dass tierisches Verhalten zum Großteil ererbt ist, wie auch die Prägung bei Küken.
Konrad Lorenz (rechts) und sein Partner Nikolaas Tinbergen: 1973 erhielten die Verhaltensforscher, zusammen mit Karl von Frisch, den Nobelpreis.
(Bild: Max Planck Gesellschaft, Lizenz: Creative Commons)
(Bild: Max Planck Gesellschaft, Lizenz: Creative Commons)
Welche Auswirkungen hat Prägung - die instinktive Fixierung auf einen Versorger - auf das Leben von Tier und Mensch? Diese "sensible Phase" von nur wenigen Stunden nach der Geburt ist bei Tier und Mensch vorhanden. Durch sie soll das Überleben von Nachkommen gesichert werden. Bei Gänsen ist das Phänomen der Prägung so intensiv, dass Küken sich an allem orientieren, was ihnen bestimmte Schlüsselreize bietet. So wird der Mensch, ja sogar eine artfremde Attrappe, von Gänsejungen als "Mutter" akzeptiert.
Versuche mit Entenküken zeigten, dass derart fehlgeprägte Jungtiere andere Küken nicht mehr annehmen und sich nicht mehr als ihnen gleichartig betrachten. Ihren Sexualpartner sahen die Versuchsküken in Lorenz, statt in den Artgenossen. Selbst bei einem auf einen Fußball geprägten Entlein zeigte sich diese Prägungsirritation.
Und was ist mit dem Menschen?
Dass vergleichbare Muster beim Menschen vorhanden sind, lässt sich kaum bestreiten. Neugeborene sind ihrem Umfeld zwar noch hilflos ausgeliefert, umso ausgeprägter ist dafür der mütterliche Instinkt. Noch bevor sie an sich selbst denken, halten Mütter ihre Zöglinge trotz Erschöpfung, Hunger und Müdigkeit nach der Geburt in den Armen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Wir kennen die Geschichte vom ausgesetzten Menschenkind: Gefunden von wilden Wölfen, von ihnen versorgt und geprägt, erlernte es deren soziale Verhaltensweisen; benahm sich also wie ein Wolf.
Auch Kaspar Hauser oder die von Michel Foucault beschriebenen Experimente, in denen Kinder isoliert aufgezogen wurden, ohne sozialen Kontakt, ohne soziale Prägung, sind Beispiele. Falsche Prägung auszumerzen, ist schwer bis unmöglich. Unterlassene Prägung kann jede Integration in die Gesellschaft verhindern: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Konrad Lorenz, der "Herr der Gänse", hat es gewusst.
Katja Ewinger (aktualisiert 28.10.2010)
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Fünfzehn wilde Arten
In der Zoologie ist der Name "Gans" eine Sammelbezeichnung für große Entenvögel mit mittellangem Hals. Dazu zählen Echte Gänse, Schwäne und Hühnergänse. Echte Gänse lassen sich einteilen in Feld- und Meergänse, insgesamt sind 15 wilde Arten bekannt. Ihr Gefieder ist schwarzweiß, grau oder braun; Männchen und Weibchen unterscheiden sich farblich nicht.
Alle Arten Echter Gänse leben auf der Nordhalbkugel. In Mitteleuropa kennt man vor allem die Graugans, während die größere Kanadagans meist in Nordamerika vorkommt. Brutgebiete von Gänsen liegen fast ausschließlich in Sibirien: Um dem arktischen Winter zu entgehen, legen Gänsescharen im Herbst bis zu sechstausend Kilometer Richtung Südwesten zurück.
Alle Arten Echter Gänse leben auf der Nordhalbkugel. In Mitteleuropa kennt man vor allem die Graugans, während die größere Kanadagans meist in Nordamerika vorkommt. Brutgebiete von Gänsen liegen fast ausschließlich in Sibirien: Um dem arktischen Winter zu entgehen, legen Gänsescharen im Herbst bis zu sechstausend Kilometer Richtung Südwesten zurück.
Infobox
Instinkt und Dressur
Mitunter rollt ein Gänseei aus dem Nest. Ihr Instinkt veranlasst die brütende Gans, das Ei durch typische Bewegungen ins Nest zurück zu holen: Mit lang gestrecktem Hals greift sie über das Ei hinweg, und rollt es dann mit der Unterseite ihres Schnabels. Damit ihr das Ei nicht seitlich entgleitet, führt sie pendelnde Balancierbewegungen durch.
Der Clou: Wird das Ei im Experiment entwendet, praktiziert die Gans ihre "Rückholstrategie" trotzdem. Die zusätzliche Pendelbewegung allerdings unterbleibt. An diesem Beispiel unterschied Konrad Lorenz ererbtes, nicht korrigierbares Verhalten von in der Situation erworbenem.
Mitunter rollt ein Gänseei aus dem Nest. Ihr Instinkt veranlasst die brütende Gans, das Ei durch typische Bewegungen ins Nest zurück zu holen: Mit lang gestrecktem Hals greift sie über das Ei hinweg, und rollt es dann mit der Unterseite ihres Schnabels. Damit ihr das Ei nicht seitlich entgleitet, führt sie pendelnde Balancierbewegungen durch.
Der Clou: Wird das Ei im Experiment entwendet, praktiziert die Gans ihre "Rückholstrategie" trotzdem. Die zusätzliche Pendelbewegung allerdings unterbleibt. An diesem Beispiel unterschied Konrad Lorenz ererbtes, nicht korrigierbares Verhalten von in der Situation erworbenem.



