Das Leben und die Fakten
Der zoologischen Lehrmeinung der Zeit stellte Alfred Brehm seine eigene Position gegenüber: Um die Welt der Tiere zu verstehen, müsse man deren Seele begreifen.Mit der Erzählung von der Löwin Bachida gab Brehm das Leitmotiv vor: Liebe zum Tier als Partner des Menschen. (Grafik aus Brehms Tierleben von 1863)
Ganze Schülergenerationen hatten solchen Unsinn auswendig zu lernen, zu pauken. Auf der Strecke geblieben wäre jedes Interesse am Tier, an der lebendigen Natur - wenn, ja wenn den geplagten Heranwachsenden nicht ein völlig anders geschriebenes Buch in die Hände geraten wäre: Alfred Brehms Illustriertes Tierleben, dessen erste Bände 1863 erscheinen.
Partner des Menschen
Heute ist die ungeheure Wirkung des Volksaufklärers Brehm kaum noch vorstellbar: Bücher, Zeitschriftenartikel, Vorträge - mit allen damals verfügbaren Mitteln machte Brehm die Idee vom fühlenden, leidenden (kurz: emotionsbegabten) Tier populär, entfaltete die Welt der Tiere vor dem von dürftigen zoologischen Fachbüchern gründlich verschreckten Publikum. Zehntausende lasen nach 1860 die Geschichte von der Löwin Bachida, Brehms Begleiterin und Freundin auf dessen Afrikatour. Wer die kleine Erzählung kennt, der kennt Brehms Hauptmotiv: die Liebe zum Tier - als Partner des Menschen, als Angehöriger ein und derselben Familie.
Alfred Brehm (1829 bis 1884): Er suchte die Seele der Tiere - und begründete die Verhaltensforschung.
Nicht das Vermessen, nicht das Zergliedern auf dem Seziertisch ist das Mittel der Wahl: Der Weg zur Erkenntnis führt über die Lebenswelt der Tiere in deren Seele. Denn Seele, davon ist Brehm überzeugt, besitzen alle Lebewesen. "Ein Buch, welches ins Volk gewirkt hat wie wenige und in einer der Natur sich entfremdenden Epoche den Sinn und die Sehnsucht nach den Naturwesen lebendig erhalten hat", sollte der Dichter Hugo von Hofmannsthal dann mit Blick auf Brehms Hauptwerk, auf das Tierleben, schreiben.
Glücklicher Zufall
Wer war dieser Alfred Eduard Brehm, der am 2. Februar 1829 im thüringischen Renthendorf zur Welt kam? Über den Vater, einen evangelischen Pastor, wissen wir, dass er als Vogelkundler beträchtliches Ansehen erlangte. Die Mutter, vertraut mit den Werken des damals noch lebenden Goethe, trug einiges zum exzellenten Schreibstil des Sohnes bei.
Reiche Ausbeute
Naturforscher, der über die Grenzen der heimischen Fauna hinausblicken durfte, wurde der junge Alfred dennoch nur per glücklichem Zufall: Ein Baron von Müller - reicher, gerade geadelter Kaufmann - bot Brehm an, ihn nach Ägypten und in den Sudan zu begleiten. Die wissenschaftliche Ausbeute der fünfjährigen Expedition (Brehm setzte sie mühsam fort, nachdem von Müller Bankrott gemacht hatte) war so ergiebig, dass die Deutsche Akademie der Naturforscher (Leopoldina) Brehm mit nur zwanzig Jahren zu ihrem Mitglied ernannte.
Wirklich Erlebtes statt Faktenwissen
Studium der Naturwissenschaft in Jena, 1855 Promotion - das sind die nächsten Lebensphasen. Wichtigstes literarisches Ergebnis der anschließenden zweijährigen Spanienreise ist die Beschreibung eines Stierkampfs, durchdrungen von Abscheu über Menschen, die sich weiden an den Qualen der Kreatur.
"Das Känguru hat einen schwachen Kopf." (aus: Brehms Tierleben, 1863)
Das dumme Känguru
Tatsächlich: Weil Brehm das Tier nicht als Objekt einer sezierenden Zoologie, vielmehr als Mitspieler im großen Spiel des Lebens sieht, vermenschlicht er es im Übermaß. Da ist der Löwe tapfer, das Maultier gesittet, der Pavian flegelhaft, das Känguru dumm. ("Das Känguru hat einen ausgesprochen schwachen Kopf. Aber in freudige Erregung kann es geraten, wenn es nach langdauernder Hirnarbeit zu der Erkenntnis kommt, dass es auch unter Kängurus zwei Geschlechter gibt.")
Dem Mops hält er gar mangelnde Schönheit vor: "Die Welt wird nichts verlieren, wenn dieses abscheuliche Tier den Weg allen Fleisches nimmt!" Nein, ein richtiger, "objektiv" vorgehender Experte vermeidet dergleichen. Beide Zitate sind übrigens dem Tierleben entnommen, "dem Brehm", der, ähnlich wie "der Brockhaus" oder "der Duden", Teil des deutschen Bildungskanons wurde...
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Infobox
2. Februar 1829: Alfred Edmund Brehm wird als Sohn des Pastors und Vogelkundlers Christian Ludwig Brehm geboren.
1847 - 1852: Afrikaexpedition, anfangs mit Baron Johann Wilhelm von Müller.
1853 - 1855: Studium der Naturwissenschaften in Jena. Promotion 1855.
1861: Ehe mit Mathilde Reiz. Das Leben der Vögel erscheint.
1862/63: Reise nach Habesch (Abessinien). Berufung als Direktor des Zoologischen Gartens nach Hamburg.
1869: Eröffnung des von Brehm geschaffenen Berliner Zoo-Aquariums am 11. Mai. Der sechste und letzte Band der ersten Ausgabe des Tierlebens kommt auf den Buchmarkt.
1874: Brehm legt sein Amt als Leiter des Berliner Aquariums nieder.
1876: Weitere Arbeit am Tierleben. Vorbereitung der zweiten Auflage.
1878: Brehms Frau Mathilde stirbt am 18. September.
1879: Freundschaft mit Kronprinz Rudolf von Habsburg. Donau- und Spanienreise.
1883 - 1884: Vortragsreise durch die USA.
11. November 1884: Tod Alfred Brehms in seinem Geburtsort Renthendorf.
1847 - 1852: Afrikaexpedition, anfangs mit Baron Johann Wilhelm von Müller.
1853 - 1855: Studium der Naturwissenschaften in Jena. Promotion 1855.
1861: Ehe mit Mathilde Reiz. Das Leben der Vögel erscheint.
1862/63: Reise nach Habesch (Abessinien). Berufung als Direktor des Zoologischen Gartens nach Hamburg.
1869: Eröffnung des von Brehm geschaffenen Berliner Zoo-Aquariums am 11. Mai. Der sechste und letzte Band der ersten Ausgabe des Tierlebens kommt auf den Buchmarkt.
1874: Brehm legt sein Amt als Leiter des Berliner Aquariums nieder.
1876: Weitere Arbeit am Tierleben. Vorbereitung der zweiten Auflage.
1878: Brehms Frau Mathilde stirbt am 18. September.
1879: Freundschaft mit Kronprinz Rudolf von Habsburg. Donau- und Spanienreise.
1883 - 1884: Vortragsreise durch die USA.
11. November 1884: Tod Alfred Brehms in seinem Geburtsort Renthendorf.



