Das böse Omen
Bevor es Abwasserkanäle gab, lebten die Ratten in den Straßen und Gassen, Mensch und Tier im engsten Kontakt. Bald schon war die Ratte als Überträger von Krankheiten entlarvt."Am Morgen des 16. April trat der Arzt Bernard Rieux aus seiner Wohnung und stolperte mitten auf dem Flur über eine tote Ratte." Was sich zunächst anhört wie ein rein ästhetisches Übel, wird in Albert Camus' Roman Die Pest schnell zum bösen Vorzeichen: Die Ratten der algerischen Stadt Oran kriechen aus der Kanalisation ans Tageslicht und bringen mit sich die Pest - Tod und Verderben.
Unglücksbringer
Seit dem Mittelalter gelten Ratten als böses Omen, personifizieren Unheil und Krankheit. Der Aberglaube gründet, wie so oft, auf reale Zusammenhänge: Jeder der zahlreichen Pestepidemien des 15. bis 19. Jahrhunderts ging - genau wie es Camus in seinem Roman beschreibt - ein Rattensterben voraus.
Die Erklärung dafür ließ lange auf sich warten: Erst 1894 entdeckte der französische Arzt Alexandre Yersin den Pesterreger und konnte erklären, wie Ratten dem Schwarzen Tod auf die Sprünge helfen.
Gemeiner Floh
1894 befand Yersin sich in Ostasien, als in der Mongolei die Pest ausbrach und bald auf Südchina übergriff. In seinem Labor in Hongkong gelang es dem Spezialisten, den Erreger der Pest zu isolieren. Zu Ehren Yersins bekam der Mikroorganismus den Namen Yersinia pestis. Der französische Arzt konnte auch nachweisen, dass Yersinia pestis Ursache des Hongkonger Rattensterbens war. Das fehlende Glied in der Kette zum Menschen entdeckten drei Jahre später zwei Wissenschaftler in Bombay: den Rattenfloh. Der Rattenfloh sucht sich allerdings erst dann einen Menschen als Wirt, wenn alle Ratten gestorben sind. Darum kommt es vor dem Ausbruch von Pestepidemien zum Krepieren der Nager.
Leben und Sterben für die Wissenschaft: Pro Jahr verwenden deutsche Forscher fast 600.000 Ratten für Versuche.
Über Jahrtausende waren die Menschen der Krankheit meist hilflos ausgeliefert, Therapie und Heilung? Keine Chance! Hunderte Millionen Menschen sind im Laufe der Geschichte an der Pest verstorben, Pandemien rafften zum Beispiel ein Viertel der europäischen Bevölkerung dahin.
Da verwundert es nicht, dass die Pest wie kaum ein anderes Phänomen die Vorstellungen von Machtlosigkeit und Unglück prägte. Bereits antike Autoren, etwa Ovid, berichteten von der Seuche, Dichter des Mittelalters griffen das Thema auf. Boccaccios Novellensammlung Il Decamerone spielt auf dem Hintergrund der Pest in Florenz im Jahr 1348. Albrecht Dürer und Alfred Böcklin stellten die Pest als rasendes Monster dar.
Bis zu viertausend Fälle im Jahr
Auch heute ist die todbringende Seuche nicht ausgerottet. Wilde Nagetierpopulationen in weiten Teilen der Erde - Nordamerika, Südamerika, Südasien, Afrika - tragen den Erreger in sich. Ab und an bricht die Krankheit aus, wie 2006 im Kongo. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) treten pro Jahr zwischen fünfhundert und viertausend Pestfälle auf. Dank verbesserter hygienischer Bedingungen und gesundheitlicher Versorgung ist die Pest aber insgesamt auf dem Rückzug - aus Europa ist seit dem Zweiten Weltkrieg kein Fall mehr bekannt.
Können wir sicher sein?
Obwohl der Seuche Einhalt geboten wurde: Ratten, diese Herolde der Pest, sind immer noch das Untergangssymbol schlechthin; auch bei Gerhart Hauptmann und, in neuerer Zeit, bei Günter Grass, stehen sie für jegliche Form von Krankheit, Verfall und Tod. Zwar hat die Gesundheitsgefahr, die von Ratten ausgeht, deutlich abgenommen. Doch: Können wir wirklich sicher sein? Bernard Rieux, der Arzt in Camus' Roman, sieht den Tag kommen, "an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben."
Urte Paul (04.06.2007)
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Infobox
Laborratten
Seit mehr als hundert Jahren sind die relativ zahmen und friedlichen Albino-Wanderratten Versuchsobjekte im Labor. Wissenschaftler haben inzwischen etwa vierhundert Formen mit verschiedenen Eigenschaften gezüchtet.
Im Jahr 2005 mussten in Deutschland nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) 571.257 Ratten Medikamententests, chirurgische Eingriffe und verhaltenspsychologische Experimente über sich ergehen lassen.
Auch ohne Versuche ist das Leben im Labor unzumutbar: In den winzigen Käfigen können sich die Tiere kaum bewegen und ihr natürliches Verhalten - klettern, nagen - ausleben. Um auf ihr Leid aufmerksam zu machen, kürte der Bundesverband der Tierversuchsgegner die Ratte zum Versuchstier des Jahres 2007.
Seit mehr als hundert Jahren sind die relativ zahmen und friedlichen Albino-Wanderratten Versuchsobjekte im Labor. Wissenschaftler haben inzwischen etwa vierhundert Formen mit verschiedenen Eigenschaften gezüchtet.
Im Jahr 2005 mussten in Deutschland nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) 571.257 Ratten Medikamententests, chirurgische Eingriffe und verhaltenspsychologische Experimente über sich ergehen lassen.
Auch ohne Versuche ist das Leben im Labor unzumutbar: In den winzigen Käfigen können sich die Tiere kaum bewegen und ihr natürliches Verhalten - klettern, nagen - ausleben. Um auf ihr Leid aufmerksam zu machen, kürte der Bundesverband der Tierversuchsgegner die Ratte zum Versuchstier des Jahres 2007.



