Paradies im Dunkel
Ratten sind Kulturfolger - sie lassen sich beim Menschen nieder und ernähren sich von dessen Vorräten und Abfällen. Sehen lassen sie sich nicht so gern. Lieber ziehen sie sich zurück in die Tunnel der Kanalisation.Ratten sind nie einsam - in einem Rudel leben bis zu zweihundert Tiere.
In deutschen Großstädten, so die Schätzung, sollen auf einen menschlichen Bewohner ein bis zwei der braunen, bis zu dreißig Zentimeter langen Nager kommen. In den manchmal Tausende von Kilometern langen Tunneln und Röhren, die kaum ein Mensch betritt, haben sie ihr Reich.
Essen "frei Haus"
Wer würde sich schon solch einen Ort zum Leben aussuchen: In der Kanalisation ist es feucht und dunkel; die weit verzweigten Gänge laden geradezu dazu ein, sich in ihnen zu verlaufen. In den Rinnen fließt eine undefinierbare Brühe und der Gestank raubt einem fast den Atem.
Dennoch: Für Ratten ist diese Umgebung nicht etwa eine letzte Zufluchtsstätte, auch nicht ein Ort der Verbannung. Hier, wo die Menschen ihnen das Futter quasi vor die Haustür liefern und nur selten die Taschenlampe eines Kanalarbeiters ihr ruhiges Leben stört, haben die Ratten ein wahres Paradies gefunden.
Im Notfall Papier
Ratten sind Kulturfolger der Menschen: Sie lassen sich in ihrer Nähe nieder, um von ihren Lebensmitteln "mitzuessen" - oder von dem, was übrig bleibt. In der Kanalisation ernähren sie sich von dem, was die Menschen die Toilette hinunterspülen: Da gibt es Kartoffeln und Lasagne, Steak und Ananas. Nicht selten können sich Ratten über ein wahres Festmahl freuen. Von Natur aus Vegetarier, greifen sie auch schon mal zu Fleisch und Fisch, im Notfall verspeisen sie sogar Papier und Leder. Wegen ihres Appetits und ihrer Zahl sind Ratten übrigens nützliche Helfer bei der Reinigung der Kanalisation: In Paris verschlingen sie täglich achthundert Tonnen Abfälle.
Für den Untergrund geschaffen
In ihrem unterirdischen Reich können sich Ratten richtig austoben, denn natürliche Feinde begegnen ihnen hier nicht. Mit dem Leben im Dunkeln haben sie keine Probleme - um sich zurechtzufinden, benutzen Ratten ihren ausgezeichneten Gehör- und Tastsinn. Auch verlaufen können sie sich kaum; sie orientieren sich an der Beschaffenheit des Untergrunds und am Geruch. Ihre feine Nase lässt sie Futter über große Entfernungen erschnuppern. Per Geruchssinn identifizieren sie auch die Mitglieder ihres Rudels.
Eifrige Kommunikation
Langweilig wird es im Rattenreich nie. Die Tiere leben in Großfamilien, zu denen an die zweihundert Artgenossen gehören können. Sie gehen gemeinsam auf Futtersuche und unterstützen sich bei der Aufzucht der Jungen. Gegenseitiges Putzen oder auch Kämpfe halten die Rangordnung aufrecht und das Rudel zusammen.
Ratten haben sich außerdem unheimlich viel zu sagen. Von ihren Schreien und Rufen bekommen die Menschen jedoch nicht viel mit - der Großteil der Unterhaltung läuft im Ultraschallbereich ab.
Zähne, hart wie Stahl
Die Ratten haben sich also eingerichtet unter unseren Städten - die von Menschen erbaute Kanalisation ist ihre Heimat. Doch der Zweibeiner will den Vierbeiner loswerden, ihn aus seinem Paradies vertreiben. Der Grund dafür: Die Ratte ist ein Nagetier - mit vier Schneidezähnen, die unentwegt nachwachsen und hart wie Stahl sind, durchbeißt sie Kabel und frisst sich durch metallene Abflussrohre.
Darüber hinaus können Ratten Erreger gefährlicher Krankheiten mit sich tragen und verbreiten: etwa den der Weil-Krankheit, die ganz harmlos mit Grippesymptomen beginnt, aber zu Gelbsucht oder Nierenentzündung führen kann. Um zu verhindern, dass sich Menschen bei den Nagern anstecken, unternehmen viele Städte Anstrengungen, die Ratten aus ihrer Kanalisation zu vertreiben.
Ratten sind von Natur aus Vegetarier: Fleisch und Abfälle fressen sie nur im Notfall.
Doch wer glaubt, leichtes Spiel mit der Rattenvernichtung zu haben, hat geirrt. Die Tiere sind ziemlich gerissen, wenn es darum geht, sich und ihr Rudel vor Gefahren zu schützen. Auf alles Fremde und Unbekannte reagieren sie zunächst mit Vorsicht - Neophobie nennen Wissenschaftler diese Eigenschaft.
Wenn ein Schädlingsbekämpfer also eine Falle aufstellt, so werden die Ratten sich keineswegs sofort auf den Köder stürzen. Und selbst wenn ein Nager in die Falle geht - durch seine Rufe und Verhaltensweisen gibt er seinen Artgenossen zu verstehen, dass sie sich besser fern halten mögen.
Der Trick mit dem Vorkoster
Dank ihres Sozialgefüges können Ratten auch Giftköder austricksen: Findet ein Rudel eine neue Nahrungsquelle, so probiert zunächst ein Tier das Futter. Sollte der Vorkoster daraufhin Anzeichen einer Erkrankung zeigen oder gar sterben, wird keine andere Ratte von dem Schmaus essen. Diese rattige Vorsichtsmaßnahme müssen Schädlingsbekämpfer überlisten. Dazu legen sie Köder aus, die Mittel enthalten, die die Blutgerinnung behindern. Eine Ratte, die den Köder schluckt, geht erst nach ein paar Tagen an inneren Blutungen zugrunde. Die anderen Ratten können dann die Verbindung zwischen Futter und Tod nicht mehr herstellen - die Chance, dass sie den Giftköder verschmähen, ist daher geringer.
Sie zu fangen ist schwierig: Ratten sind nicht nur schlau, sondern auch flink.
Auch wenn die Menschen die Ratten so überlisten - die Natur überlistet doch schon wieder die Menschen: Die Nagetiere entwickeln Resistenzen gegen Gifte. Inzwischen lassen sich Genmutationen an Ratten nachweisen, die einige der Gifte wirkungslos machen.
Und einen weiteren Trumpf haben Ratten im "Ärmel": ihre Fruchtbarkeit. Bereits mit sechs Wochen sind sie geschlechtsreif. Ein Rattenweibchen wirft etwa siebenmal im Leben sechs bis zehn Junge. Somit kommt ein Rattenpaar im Jahr auf sechshundert Nachkommen (Kinder, Kindeskinder und so weiter). Pech für die Schädlingsbekämpfer: Selbst wenn sie neunzig Prozent einer Population vernichtet haben, vermehren sich die Ratten in kurzer Zeit wieder auf ihre ursprüngliche Anzahl.
Angst und Ekel?
Ratten sind also schwer, wenn nicht gar unmöglich in den Griff zu bekommen. Sie haben sich im Untergrund eingerichtet, von der Normalbevölkerung ungesehen und unbemerkt - sie leben sozusagen im Dunkel. Auch wenn der Gedanke an die Nager zarte Gemüter in Ekel und Angst versetzt - solange sie da unten bleiben, können sie uns Menschen nicht viel anhaben. Erst wenn sie nach oben kommen, ans Tageslicht, sollten wir uns Sorgen machen...
Urte Paul (04.06.2007)
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Ratten sind...
außer auf Feuerland, Madagaskar und in den Polargebieten auf der ganzen Welt verbreitet. Die meisten Arten der Gattung Rattus leben in den tropischen Regenwäldern Südostasiens. Der Mensch hat die Ratte von dort in die ganze Welt geschleppt. Die Nager sind Schädlinge: Sie fressen etwa ein Fünftel der weltweiten Ernte und können gefährliche Krankheiten übertragen.
In Europa gibt es zwei Arten: die schwarze, etwa zwanzig Zentimeter lange Hausratte (Rattus rattus) und die etwas größere, graubraune Wanderratte (Rattus norvegicus). Hausratten machten es sich lange auf Dachböden und in Kornspeichern bequem, sind aber heute selten geworden.
Die Wanderratte hingegen bevölkert mit geschätzten dreihundert Millionen Exemplaren die deutsche Kanalisation. Gezähmte Formen in unterschiedlichen Farbkombinationen - so genannte Farbratten - leben außerdem als Haustiere in zahlreichen Wohnzimmern.
außer auf Feuerland, Madagaskar und in den Polargebieten auf der ganzen Welt verbreitet. Die meisten Arten der Gattung Rattus leben in den tropischen Regenwäldern Südostasiens. Der Mensch hat die Ratte von dort in die ganze Welt geschleppt. Die Nager sind Schädlinge: Sie fressen etwa ein Fünftel der weltweiten Ernte und können gefährliche Krankheiten übertragen.
In Europa gibt es zwei Arten: die schwarze, etwa zwanzig Zentimeter lange Hausratte (Rattus rattus) und die etwas größere, graubraune Wanderratte (Rattus norvegicus). Hausratten machten es sich lange auf Dachböden und in Kornspeichern bequem, sind aber heute selten geworden.
Die Wanderratte hingegen bevölkert mit geschätzten dreihundert Millionen Exemplaren die deutsche Kanalisation. Gezähmte Formen in unterschiedlichen Farbkombinationen - so genannte Farbratten - leben außerdem als Haustiere in zahlreichen Wohnzimmern.
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Der Rattentempel
Im nordindischen Deshnok genießen Ratten höchste Verehrung - sie laufen frei im eigens für sie errichteten Tempel herum, aus ganz Indien kommen Besucher und füttern sie mit Süßigkeiten. Der Grund: Einer Sage nach sollen die Nachkommen der Karni Mata, einer indischen Schutzgöttin, in den Ratten wiedergeboren sein. Als besonderes Zeichen des Glücks gilt es übrigens, in den heiligen Hallen einer weißen Ratte zu begegnen.
Im nordindischen Deshnok genießen Ratten höchste Verehrung - sie laufen frei im eigens für sie errichteten Tempel herum, aus ganz Indien kommen Besucher und füttern sie mit Süßigkeiten. Der Grund: Einer Sage nach sollen die Nachkommen der Karni Mata, einer indischen Schutzgöttin, in den Ratten wiedergeboren sein. Als besonderes Zeichen des Glücks gilt es übrigens, in den heiligen Hallen einer weißen Ratte zu begegnen.



