Die Heimkehr
Vertrieben, gejagt, getötet: rund hundert Jahre lang gab es in Deutschland keine frei lebenden Luchse mehr. Seit den 1950ern breitet die Raubkatze sich hier wieder aus.Der Luchs: ein wildes und gefährliches Raubtier? Ihr schlechtes Image brachte die Katze an den Rand der Ausrottung.
Tierische Mordlust?
So erwarb sich die Raubkatze alsbald den Ruf eines schlimmen, verschwenderischen Raubtieres, das aus Mordlust mehr schlage als es benötige - und dann auch nur die besten Stücke verzehre. Alfred Brehm brachte es in den 1860ern auf den Punkt: "Der beste Rehstand wird von einem Luchse vernichtet, die zahlreichste Schaf- oder Ziegenherde mehr als gezehntelt."
Zum schlechten Image des Luchses trug wohl auch seine Jagdweise bei. Die Raubkatze gilt als hinterlistiges und tückisches Tier, da sie sich bei der Jagd ungehört und ungesehen an ihre Beute heranpirscht. Erst wenn der Luchs auf weniger als zwanzig Meter herangekommen ist, sprintet er los, springt mit einem Riesensatz von hinten auf sein Opfer, krallt sich fest und beißt ihm die Kehle durch. So hat das Raubtier denn auch Eingang in den Sprachgebrauch gefunden: jemandem etwas abluchsen heißt, sich hinterlistig einer Sache zu bemächtigen.
Verschwenderische, ja mordlustige Bestie: Alfred Brehms Abneigung war dem Luchs gewiss. (Bild: Brehms Tierleben, 1863)
Durch Beutezüge über Weiden und in den Wäldern hatte sich der Luchs den Menschen zum Feind gemacht. Weidmänner und Bauern sahen in der Katze nur das Raubtier, das Haustieren und Wild schadet und keinerlei Nutzen hat - und das darum aus der Lebenswelt des Menschen entfernt werden muss. Sie begannen, die größte einheimische Raubkatze gezielt zu jagen und zu töten. Aus Westfalen verschwand der Luchs 1745, aus dem Harz 1818, den hierzulande letzten seiner Art erschossen Jäger um 1850 in den Alpen. Für lange Zeit blieb das Raubtier in Deutschland von der Bildfläche verschwunden.
Eingewandert und ausgesetzt
Erst nach hundert Jahren, in den 1950ern, wurde die Großkatze im Bayerischen Wald vereinzelt wieder gesichtet. Vermutlich handelte es sich um Exemplare, die aus dem tschechischen Böhmerwald zugewandert waren. Später setzten "Tierfreunde" Luchse heimlich aus - ohne zu bedenken, dass Tieren, die in Gefangenschaft aufgewachsen sind, häufig die Fähigkeiten zum Überleben in der Wildnis fehlen. Landwirte und Jäger zeigten sich zunächst besorgt über die Rückkehr des Luchses. Die Raubkatze dezimiere die Rehwildpopulation, meinten letztere; der Luchs schlage Haustiere: Schafe und Ziegen seien nicht mehr sicher, monierten erstere.
Auf zur Jagd!
Naturschützer und Biologen hingegen begrüßten die Rückkehr des Raubtieres und wollten es genauer wissen: Wie viele Luchse leben tatsächlich hier? Wovon ernähren sie sich? Und: Pflanzen sie sich fort und schaffen es, eine stabile Population aufzubauen? Die Jagd auf die Raubkatze war wieder eröffnet - diesmal aber nicht mit der Flinte, sondern mit Notizblock und Kamera.
Dem zurückgezogen lebenden Tier auf die Spur zu kommen, ist allerdings nicht einfach, denn die Raubkatze geht dem Menschen normalerweise aus dem Weg. Ihre Anwesenheit lässt sich daher meist nur indirekt nachweisen, zum Beispiel anhand von gerissener Beute, Trittspuren, Kot und Haaren. Wissenschaftler tragen hunderte solcher Hinweise in Luchsmonitoringprojekten zusammen. Ziel dieser Projekte ist es, mehr über den Luchs zu erfahren und die Wiederansiedlung der Raubkatze zu überwachen.
Wandern unwahrscheinlich
Inzwischen leben wieder schätzungsweise fünfzig bis hundert Luchse in Deutschland, unter anderem im Pfälzerwald, im Erzgebirge, Harz, Schwarzwald, im Bayerischen Wald und in der Sächsischen Schweiz. Doch die dauerhafte Rückkehr der Raubkatze ist nicht gesichert: Die bestehenden Populationen sind zu klein, um sich aus eigener Kraft zu erhalten. Auch sind die Lebensräume des Luchses Inseln gleich über Deutschland verstreut. Ein genetischer Austausch zwischen den Populationen ist praktisch unmöglich, da große Entfernungen und Hindernisse wie Straßen und Städte Wanderungen der Raubkatzen verhindern. Eine natürliche Ausbreitung des Luchses ist daher unwahrscheinlich.
Heimat für den Luchs
Doch Landesregierungen, Forstämter und Naturschützer begrüßen und unterstützen die Rückkehr der Raubkatze. So versicherte Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf 2003: "Wir wollen dem Luchs in allen geeigneten Lebensräumen in Bayern eine Heimat bieten." Die Regierungen Hessens und Baden-Württembergs engagieren sich ebenfalls in Luchsprojekten; die niedersächsische Landesregierung unterstützt ein Auswilderungsprogramm im Nationalpark Harz - in den ersten drei Jahren, zwischen 2000 und 2003, wurden hier 17 Luchse für ein Leben in der Wildnis trainiert und in die Freiheit entlassen.
Schutz und Entschädigung
Anders als Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Raubkatze heute durch Gesetze und Verordnungen geschützt, die Jagd ist streng reglementiert. Durch Öffentlichkeitsarbeit haben Luchsfreunde Ängste und Skepsis in der Bevölkerung abgebaut. Zur gestiegenen Akzeptanz des Raubtieres tragen nicht zuletzt so genannte Luchsfonds bei, aus denen Halter von Haustieren und Gatterwild Entschädigungen für Verluste erhalten.
Es mag ein wenig paradox erscheinen, dass viel Engagement und Geld in die Wiederansiedlung eines Tieres fließen, das einst gezielt gejagt und getötet wurde. Luchsprojekte begründen ihr Engagement mit dem festen Platz der Raubkatze im Ökosystem und einer von allen gewünschten Artenvielfalt. Als "ein Ureinwohner dieses Landes" sei der Luchs unverzichtbar, meint auch Baden-Württembergs Minister für Ernährung und ländlichen Raum, Peter Hauk.
Natur im Gleichgewicht
Der Luchs verdankt seine heutige Popularität einem Gesinnungswandel des Menschen: Rottete der einst Tiere aus, die ihm lästig waren, wird heute das Verschwinden einer Art als Verlust angesehen. Damals galt es, die Natur zu beherrschen und nach menschlichen Bedürfnissen zu formen - heute herrscht das Ideal einer vollständigen Natur, einer Natur im Gleichgewicht, in der alle Lebewesen Platz haben. Dem Luchs hierzulande wieder ein Leben zu ermöglichen, trägt zu diesem Gleichgewicht bei und macht die Natur, und damit auch die Lebenswelt des Menschen, reicher.
Urte Paul (aktualisiert 16.08.2011)
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Die Gattung der Luchse...
ist in Nordamerika, Asien und Europa heimisch und umfasst die vier Arten Pardelluchs, Rotluchs, Eurasischer Luchs und Kanadischer Luchs. Die Tiere sind etwa schäferhundgroß, haben meist braunes, getupftes Fell, einen ausgeprägten Backenbart, Pinselohren und einen schwarzen Stummelschwanz.
Die Raubkatze hat hervorragende Augen und Ohren. Sie jagt vor allem nachts und ernährt sich von kleinen und mittelgroßen Säugern sowie Vögeln.
Der Luchs lebt als Einzelgänger: Ein männliches Exemplar, Kuder genannt, beansprucht ein Revier von 150 bis 400 Quadratkilometer Größe für sich allein, die Reviergröße der Weibchen beträgt 50 bis 200 Quadratkilometer. Männchen und Weibchen kommen nur zur Paarung zusammen, die Mutter zieht den Nachwuchs alleine auf.
ist in Nordamerika, Asien und Europa heimisch und umfasst die vier Arten Pardelluchs, Rotluchs, Eurasischer Luchs und Kanadischer Luchs. Die Tiere sind etwa schäferhundgroß, haben meist braunes, getupftes Fell, einen ausgeprägten Backenbart, Pinselohren und einen schwarzen Stummelschwanz.
Die Raubkatze hat hervorragende Augen und Ohren. Sie jagt vor allem nachts und ernährt sich von kleinen und mittelgroßen Säugern sowie Vögeln.
Der Luchs lebt als Einzelgänger: Ein männliches Exemplar, Kuder genannt, beansprucht ein Revier von 150 bis 400 Quadratkilometer Größe für sich allein, die Reviergröße der Weibchen beträgt 50 bis 200 Quadratkilometer. Männchen und Weibchen kommen nur zur Paarung zusammen, die Mutter zieht den Nachwuchs alleine auf.
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Nicht nur der Luchs...
soll sich in Deutschland wieder ausbreiten: Rettungsnetz Wildkatze nennt sich ein Projekt des Naturschutzvereins BUND. Obwohl die Wildkatze ein ur-europäisches Tier ist, lebt sie heute nur noch in wenigen Regionen Deutschlands und ist vom Aussterben bedroht. Ihr natürlicher Lebensraum ist dichter, unberührter Wald - den gibt es jedoch nur noch vereinzelt.
Zwar ist die Waldfläche in Deutschland wieder angewachsen, aber die Katzen können die neuen Wälder wegen dazwischenliegender Ackerflächen und stark befahrener Straßen nicht erreichen. Auch untereinander kommen die Katzenpopulationen dadurch kaum noch in Kontakt. Der genetische Pool, dessen Vielfalt für gesunde und starke Tiere nötig ist, verkleinert sich bedrohlich.
Hier setzt das Rettungsnetz an: Mitarbeiter protokollieren zunächst die natürlichen Wanderwege der Katzen. Auf Grundlage dieser Daten schaffen Landesbehörden und Grundstücksnutzer bepflanzte Korridore, die alte und potentielle neue Lebensräume der Katzen verbinden.
Zusätzlich planen die Behörden bei Straßenbauarbeiten die alten und neuen Wanderwege der Wildkatzen ein und verlegen, falls nötig, die Streckenführung. So wurde beispielsweise 2005 die A4 nahe der thüringischen Hörselberge nach Norden verlegt, um einen Wanderkorridor der Tiere zwischen dem Thüringer Wald und dem Nationalpark Hainich zu ermöglichen.
soll sich in Deutschland wieder ausbreiten: Rettungsnetz Wildkatze nennt sich ein Projekt des Naturschutzvereins BUND. Obwohl die Wildkatze ein ur-europäisches Tier ist, lebt sie heute nur noch in wenigen Regionen Deutschlands und ist vom Aussterben bedroht. Ihr natürlicher Lebensraum ist dichter, unberührter Wald - den gibt es jedoch nur noch vereinzelt.
Zwar ist die Waldfläche in Deutschland wieder angewachsen, aber die Katzen können die neuen Wälder wegen dazwischenliegender Ackerflächen und stark befahrener Straßen nicht erreichen. Auch untereinander kommen die Katzenpopulationen dadurch kaum noch in Kontakt. Der genetische Pool, dessen Vielfalt für gesunde und starke Tiere nötig ist, verkleinert sich bedrohlich.
Hier setzt das Rettungsnetz an: Mitarbeiter protokollieren zunächst die natürlichen Wanderwege der Katzen. Auf Grundlage dieser Daten schaffen Landesbehörden und Grundstücksnutzer bepflanzte Korridore, die alte und potentielle neue Lebensräume der Katzen verbinden.
Zusätzlich planen die Behörden bei Straßenbauarbeiten die alten und neuen Wanderwege der Wildkatzen ein und verlegen, falls nötig, die Streckenführung. So wurde beispielsweise 2005 die A4 nahe der thüringischen Hörselberge nach Norden verlegt, um einen Wanderkorridor der Tiere zwischen dem Thüringer Wald und dem Nationalpark Hainich zu ermöglichen.






