Aus der Tiefe ans Licht
Oft nutzen Horrorfilme das Motiv der gestaltlosen Bestie aus der Tiefe, um Schrecken zu erzeugen; beliebt ist das Sujet auch unter Seeleuten. Dass der Gruselgeschichte ein wahrer Kern innewohnt, weiß man heute.20.000 Meilen unter dem Meer heißt der Roman von Jules Verne, worin der Autor seinen im U-Boot reisenden Helden eine Horde Riesenkraken auf den Hals hetzt. (Illustration von 1870)
Vielarmiger Fischdieb
Seit der Antike bildeten Kraken immer wieder den Mittelpunkt von Schauergeschichten und Anekdoten, die unter Fischern und Matrosen umliefen. Der römische Schriftsteller Plinius der Ältere (23 oder 24 bis 79 n. Chr.) überlieferte die Mär, ein zehn Meter langer und rund siebenhundert Pfund wiegender Polyp habe sich an den eingepökelten Fischvorräten eines südspanischen Küstenstädtchens gütlich getan - so lange, bis mehrere bewaffnete Männer das Untier zur Strecke brachten.
Groß wie eine Insel
Auch die Wikinger kannten ein Wesen, das im Meer lebt, viele Arme hat und - so groß wie eine Insel ist. 1755 beschrieb Erik Ludvigsen Pontoppidan (1698 bis 1764), Bischof von Bergen, in seiner Naturgeschichte Norwegens solch ein Ungetüm. Dabei stützte er sich auf Fakten - einiges ist korrekt referiert -, doch verschmolz er die mit der Sagenwelt seines Kulturkreises: Das Wort "Krake" stammt aus dem Norwegischen und bezeichnet in der nordischen Mythologie ein gefährliches, im Meer lebendes Fabeltier.
Um Sachlichkeit bemüht
Pontoppidan hätte die Ausmaße "seines" Tintenfisches wohl nach unten korrigiert, wären ihm Björn von Skardsas (1574 bis 1655) Isländische Annalen bekannt gewesen. 1639 wurde an der Küste Islands ein toter Riesenkalmar gefunden, von dem uns Skardsa ein recht exaktes Bild vermittelt. Im Unterschied zum Bischof von Bergen bemühte sich der isländische Chronist um Sachlichkeit und gab die Dimensionen des Kopffüßers wahrheitsgetreu wieder.
Monster aus der Tiefsee
Außerhalb Islands fanden seine Annalen jedoch nur wenig Publikum, und so rankten sich im Laufe der Jahrhunderte unzählige Gerüchte und Legenden um das Monster aus der Tiefsee, das ganze Schiffe mit sich in die kalte Finsternis reiße. Jene Legenden kamen auch besagtem Pierre de Montfort zu Ohren und stachelten seinen Forschergeist an. Montfort machte es sich zur Aufgabe, die Aussagen von Augenzeugen zu sammeln und so zu einer realistischen Beschreibung des Riesenkraken zu gelangen.
Haushoch und gierig nach jeder Art von Beute greifend: so stellten Seeleute sich den Riesenkraken vor. (Pierre Dénys de Montfort, Naturgeschichte der Mollusken von 1802)
Also sprach Montfort mit Walfängern; sie erzählten ihm von langen Tentakeln mit Saugnäpfen, die sie in den Mägen von Pottwalen gefunden hätten. Er unterhielt sich mit Seeleuten, die sich an Angriffe des Untiers auf ihre Schiffe erinnern wollten.
Und er erfuhr von einer Attacke, die sich vor der angolanischen Küste ereignet hatte: Ein monströser Krake hatte sich auf ein aus Nordfrankreich stammendes Segelschiff gestürzt. Gerade noch konnte die Besatzung den Untergang verhindern, indem sie dem Tier die Fangarme mit Beilen abhieb. Aus Dankbarkeit über die Rettung stiftete die Mannschaft ein Gemälde, das Montfort in der Kapelle St. Thomas in Saint-Malo (Bretagne) sah und abzeichnete. Es zeigt den Moment des Überfalls.
Phänomen Riesenkrake
Montfort nahm all diese Geschichten für bare Münze, ungeachtet mancher Verzerrungen - die Angst lässt vieles größer erscheinen, als es in Wirklichkeit ist. Selbst wenn sämtliche Berichte wahr gewesen wären - der Forscher hätte den Gegenstand aus kritischer Distanz betrachten müssen. Montfort gelang dies nicht: Er ließ sich von den Übertreibungen seiner Gesprächspartner mitreißen. Trotz aller Mängel gebührt dem Franzosen jedoch der Lorbeer, sich als erster Wissenschaftler dem Phänomen Riesenkrake genähert zu haben...
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Umgangssprachlich...
werden die Mitglieder der Familie der Octopoda, also Oktopusse, oft als Kraken bezeichnet. Daraus entsteht eine gewisse Begriffsverwirrung, denn auch Seeleute nannten die vielarmigen Ungeheuer ihrer Erzählungen "Kraken". Oktopusse sind jedoch äußerst scheue Wesen, die die meiste Zeit in Höhlen am Meeresgrund verbringen und im Schutz der Felsen auf Beute lauern.
Zudem werden auch die Größten unter ihnen kaum länger als vier Meter und selten über sechzig Kilogramm schwer. Wenn überhaupt Weichtiere dafür in Frage kommen, nach Schiffen zu grapschen, dann sind es Riesenkalmare. Kalmare haben, im Unterschied zu den achtarmigen Oktopussen, zehn Arme - acht Fangarme und zwei längere Tentakel. Auch die Körperformen sind verschieden: sackartig beim Oktopus, torpedoförmig mit Flossen beim Kalmar.
werden die Mitglieder der Familie der Octopoda, also Oktopusse, oft als Kraken bezeichnet. Daraus entsteht eine gewisse Begriffsverwirrung, denn auch Seeleute nannten die vielarmigen Ungeheuer ihrer Erzählungen "Kraken". Oktopusse sind jedoch äußerst scheue Wesen, die die meiste Zeit in Höhlen am Meeresgrund verbringen und im Schutz der Felsen auf Beute lauern.
Zudem werden auch die Größten unter ihnen kaum länger als vier Meter und selten über sechzig Kilogramm schwer. Wenn überhaupt Weichtiere dafür in Frage kommen, nach Schiffen zu grapschen, dann sind es Riesenkalmare. Kalmare haben, im Unterschied zu den achtarmigen Oktopussen, zehn Arme - acht Fangarme und zwei längere Tentakel. Auch die Körperformen sind verschieden: sackartig beim Oktopus, torpedoförmig mit Flossen beim Kalmar.



