Gestatten, George
In der Neuen Welt jagten Seefahrer einst Heere von Schildkröten, die das Vielfache ihrer europäischen Artgenossen wogen. Auch Lonesome Georges Verwandte gehörten dazu.Vielleicht haben Sie schon von mir gehört. Mit reichlich Wehmut - weniger mit Stolz - kann ich von mir behaupten, in den letzten Jahren eine gewisse Berühmtheit erlangt zu haben: Mein Schicksal erregt in regelmäßigen Abständen immer mal wieder das Mitgefühl und die Aufmerksamkeit vieler Ihrer Artgenossen.
Am bekanntesten sind wohl Berichte über meine bisher vergebliche Brautschau. Dabei bin ich ein stattlicher Kerl - anderthalb Meter lang und knapp hundert Kilogramm schwer. Und mit meinen rund einhundert Lebensjahren zudem im besten Mannesalter - bedenkt man, dass Riesenschildkröten bis zu zweihundert Jahre alt werden können. Doch es gibt da ein Problem: Ich bin der Letzte meiner Art.
Trauriges Junggesellendasein
Ein Weibchen aus der Familie Geochelone Elephantopus Abingdoni konnte bis heute nicht gefunden werden. Und ein Exemplar einer anderen Unterart der Galápagos-Riesenschildkröten kommt für mich als Partnerin nicht in Frage. So muss ich wohl weiterhin als Lonesome George, als einsamer George, mein trauriges Junggesellendasein in der Charles-Darwin-Forschungsstation auf der Insel Santa Cruz fristen.
Hier lebe ich bereits seit 1972. Ein Jahr zuvor entdeckte mich ein Jäger auf Suche nach verwilderten Ziegen auf meiner abgelegenen Heimatinsel Pinta. Er staunte nicht schlecht, mich so quicklebendig zu sehen, galt meine Art zu dieser Zeit doch schon seit gut sechzig Jahren als ausgestorben. Seither bin ich, Lonesome George, als weltweit einziger Fall bekannt, bei dem der Bestand einer Tierart auf ein einziges Exemplar geschrumpft ist.
Ankunft erster Seefahrer auf Mauritius im Jahr 1598: Riesenschildkröten landen als lebender Proviant in den Schiffsbäuchen.
Einst zählte man auf den Galápagosinseln, wozu Santa Cruz und Pinta gehören, fünfzehn verschiedene Arten von Riesenschildkröten. Die lebten hier zu Hunderttausenden und gaben dem Archipel im Pazifik, rund tausend Kilometer vor der Westküste Südamerikas, sogar den Namen: Die spanische Bezeichnung Islas galápagos bedeutet nichts anderes als "Inseln der Schildkröten".
Flora und Fauna der rund zwanzig größeren und kleineren Galápagosinseln (ganz abgesehen von etwa fünfzig winzigen Eilanden des Archipels) sind so einzigartig, dass sich auf nahezu jeder Insel eine eigene Schildkrötenart entwickelte.
Vier Unterarten schon ausgestorben
Heute umfasst die gesamte Population der Galápagos-Riesenschildkröte wahrscheinlich keine 15.000 Exemplare mehr, vier Unterarten sind bereits ausgestorben. Die Katastrophe begann für uns Riesenschildkröten mit dem Eindringen des Menschen in die abgelegene Inselwelt. Bald nach der Entdeckung im Jahre 1535 hatten die Zweibeiner schon schlimme Schäden angerichtet.
Wie die meisten Landschildkröten sind wir sehr zählebige und genügsame Tiere; notfalls können wir monatelang ohne Nahrung und Wasser überleben. Nun, diese Eigenschaft prädestinierte meine Vorfahren über Jahrhunderte dafür, als lebende Fleischkonserven für vorbeikommende Seefahrer zu dienen.
Der Biologe Rollo Beck tötete einige der letzten Exemplare der Schildkröten von Pinta, um sie besser untersuchen zu können. Hier beim Vermessen eines noch lebenden Tiers. (Foto von 1899)
Unzählige Segelschiffe von Walfängern und Seeräubern steuerten damals die Galápagosinseln an und verstauten Hunderte Riesenschildkröten in ihrem Rumpf. Nach und nach schlachtete die Besatzung den lebenden Proviant auf den monatelangen Fahrten. Und als Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Siedler auf unseren Inseln ankamen, fanden auch sie bald Geschmack am Fleisch von uns Panzertieren. Zwischen 1830 und 1900 wurden mehr als 100.000 meiner Artgenossen von Menschen vertilgt.
Doch damit nicht genug: Mit sich führten die Menschen Hunde, Katzen, Schweine und Ratten. Nur zu gern machten die sich über die Eier und frischgeschlüpfte Jungen der Schildkröten her. Eingeschleppte "Fressfeinde", wie zum Beispiel Esel, schmälerten zudem die Nahrungsgrundlage der Schildkröten, bis die der Konkurrenz schließlich nicht mehr gewachsen waren.
Ein ehrgeiziger Biologe machte schließlich 1906 dreien der wohl fünf letzten Abingdon Island Schildkröten den Garaus: Rollo Beck fing meine Verwandten ein, vermaß und wog sie, tötete sie und untersuchte ihren Mageninhalt bevor er zu dem Schluss kam, dass wir wohl eine "äußerst seltene" Art seien…
Nur noch unter Ziegen
Nun gab es nur noch mich und eine Schildkrötendame, die aber Jägern zum Opfer fiel. Für mich wurde es jetzt auch immer enger. Nicht nur meine Einsamkeit machte mir zu schaffen: Drei gefräßige Ziegen, ein Bock und zwei Weibchen, 1958 auf meiner Insel Pinta ausgesetzt, vermehrten sich innerhalb nur weniger Jahre auf sage und schreibe vierzigtausend Exemplare! Meine Insel war nach zwanzig Jahren Ziegenhaltung kahlgefressen, die sensible Flora von den Huftieren zertrampelt. Ein Schildkröten-Leben war hier nun undenkbar.
Nachwuchs im Jurassic Parc? - Die kleine Sumpfschildkröte sieht tatsächlich aus wie ein Saurierbaby. Ob George eines Tages noch eigene Kinder schlüpfen sieht?
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Auch für mich haben meine Betreuer die Hoffnung noch nicht aufgegeben: Zehntausend Dollar Belohnung setzten sie auf den Fund eines Abingdon-Island-Weibchens aus; Zoos in der ganzen Welt unterstützen die Suche. Vielleicht hält sich meine zukünftige Braut ja auch noch irgendwo im felsigen, schwer zugänglichen Gelände Pintas versteckt. Sollten Sie sie dort zufällig entdecken, dann wissen Sie ja, wo Sie mich finden...
Ulrike Wolf (aktualisiert 09.05.2012)
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Infobox
Schildkröten
313 Arten von Wasser-, Land- und Sumpfschildkröten sind in den tropischen und gemäßigten Zonen der Erde verbreitet. Von allen heute lebenden Reptilien sind die Schildkröten am ältesten, haben sich zudem während ihrer über 200 Millionen Jahre dauernden Geschichte nur wenig verändert.
Sie besitzen einen urtümlichen Schädel und zahnlose, mit Hornscheiden bedeckte Kiefer. Der knöcherne, aus dem gewölbten Rücken- und dem flachen Bauchteil bestehende Panzer ist aus Knochenplatten zusammengefügt und meist mit Hornplatten bedeckt. Schildkröten haben kräftige Gliedmaßen.
Während sich bei Landschildkröten Finger und Zehen zurückgebildet haben, besitzen einige Wasserschildkrötenarten zwischen Fingern und Zehen Schwimmhäute. Meeresschildkröten entwickelten im Laufe der Evolution paddelartige Gliedmaßen. Die landbewohnenden Schildkröten sind Pflanzenfresser, Wasserschildkröten leben hingegen von fleischlicher Nahrung.
313 Arten von Wasser-, Land- und Sumpfschildkröten sind in den tropischen und gemäßigten Zonen der Erde verbreitet. Von allen heute lebenden Reptilien sind die Schildkröten am ältesten, haben sich zudem während ihrer über 200 Millionen Jahre dauernden Geschichte nur wenig verändert.
Sie besitzen einen urtümlichen Schädel und zahnlose, mit Hornscheiden bedeckte Kiefer. Der knöcherne, aus dem gewölbten Rücken- und dem flachen Bauchteil bestehende Panzer ist aus Knochenplatten zusammengefügt und meist mit Hornplatten bedeckt. Schildkröten haben kräftige Gliedmaßen.
Während sich bei Landschildkröten Finger und Zehen zurückgebildet haben, besitzen einige Wasserschildkrötenarten zwischen Fingern und Zehen Schwimmhäute. Meeresschildkröten entwickelten im Laufe der Evolution paddelartige Gliedmaßen. Die landbewohnenden Schildkröten sind Pflanzenfresser, Wasserschildkröten leben hingegen von fleischlicher Nahrung.
Infobox
Gepanzerte Riesen der Seychellen
Neben der Galapagos-Riesenschildkröte gehört die Seychellen-Riesenschildkröte (Geochelone gigantea) zu den letzten Exemplaren einer einst weit verbreiteten Tierart.
Als sich aber anpassungsfähigere Säugetiere im Verlauf der Jahrmillionen immer mehr ausbreiteten, starben die etwas unbeholfenen, mitunter bis zu einer Tonne schweren Riesenlandschildkröten allmählich aus. Nur an zwei entlegenen Orten der Erde - den Seychellen und den Galapagosinseln -, zu denen keine raubenden Säugetiere vordrangen, hielten sich ihre Nachkommen.
Erst als der Mensch ihren Lebensraum entdeckte, ereilte beide Familien das gleiche Schicksal - die fast völlige Ausrottung. Freilebend und in einer relativ großen Population von etwa 100.000 Tieren kommt die Seychellen-Riesenschildkröte heute nur noch auf dem abgelegenen Aldabra-Atoll vor. Das streng geschützte Atoll wurde 1982 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.
Neben der Galapagos-Riesenschildkröte gehört die Seychellen-Riesenschildkröte (Geochelone gigantea) zu den letzten Exemplaren einer einst weit verbreiteten Tierart.
Als sich aber anpassungsfähigere Säugetiere im Verlauf der Jahrmillionen immer mehr ausbreiteten, starben die etwas unbeholfenen, mitunter bis zu einer Tonne schweren Riesenlandschildkröten allmählich aus. Nur an zwei entlegenen Orten der Erde - den Seychellen und den Galapagosinseln -, zu denen keine raubenden Säugetiere vordrangen, hielten sich ihre Nachkommen.
Erst als der Mensch ihren Lebensraum entdeckte, ereilte beide Familien das gleiche Schicksal - die fast völlige Ausrottung. Freilebend und in einer relativ großen Population von etwa 100.000 Tieren kommt die Seychellen-Riesenschildkröte heute nur noch auf dem abgelegenen Aldabra-Atoll vor. Das streng geschützte Atoll wurde 1982 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.




