Der Wunderfaden
Auch wenn die scheuen Tiere oft unsichtbar bleiben, so hinterlassen sie doch ein unverkennbares Zeichen ihrer Anwesenheit: Spinnennetze. Meist ärgert man sich über sie, weil sie in Ecken, an der Decke und einfach überall hartnäckig haften. Doch solche Gebilde sind von großer Bedeutung - für die Spinnen selbst und für die Wissenschaft.Mal klebrig, mal trocken
Nicht alle Spinnen benutzen Netze für ihren Beutefang. Diese Eigenschaft ist den Webspinnen vorbehalten. Dennoch verfügen alle Arten über zwei bis acht Spinnwarzen am unteren Ende ihres Körpers. Genauso, wie sich die Arten selbst unterscheiden, gibt es auch unterschiedliche Sorten Spinnenseide. Mal klebrig, mal trocken, mal dicker, mal dünner. Spinnen sind in der Lage, je nach beabsichtigter Funktion des Fadens ihre Produktion umzustellen.
Vorbild für Architekten
Spinnennetze sind meisterhaft konstruiert: Sie trotzen Wind und Regen, sind aber gleichzeitig auch so entworfen, dass die Vibrationen eines gefangenen Insekts bis zur Spinne gelangen können. Und sie sind den Architekten Vorbild: Das Dach des Münchner Olympiastadions ähnelt dem Netz einer Baldachinspinne. Es hat eine beinahe ideale Statik, weil nur Zugkräfte auftreten.
Mehr als nur Baustoff
Aber auch die Spinnen, die keine Netze bauen, wissen mit ihrer Seide umzugehen. Viele benutzen sie, um Beute einzuwickeln. Den Springspinnen dienen die Fäden noch zu einem ganz anderen Zweck: Um nach einem Sprung den Sturz in die Tiefe zu vermeiden, sichern sich die Springspinnen mit Fäden nach Art einer Sicherheitsleine ab. Spinnfäden bestehen aus Eiweißmolekülen, wobei die Reihenfolge der Aminosäuren und ihre räumliche Anordnung das Geheimnis der Spinnen bleibt. Sie sind extrem dünn: Ein blondes Haar hat einen Durchmesser von 0,1 Millimetern; Spinnfäden dagegen nur zwischen 0,0005 und 0,005 Millimetern. Und dabei sind sie auch noch extrem belastbar.
Spinnenfäden unter dem Mikroskop: In optischen Präzisionsgeräten werden sie als Fadenkreuze verwendet. (Bild: Institut für Molekularbiologie Jena)
Dass solche Eigenschaften die Phantasie der Forscher anregen, ist mehr als verständlich. Schließlich müssen wir uns mit Baustoffen begnügen, die viel schlechter sind: Wir kennen reißfesten Stahl oder elastische Kunstfasern wie Nylon, die aber in ihren speziellen Eigenschaften nicht annähernd an die der Spinnenseide heranreichen. Unzählig wären die Anwendungsmöglichkeiten von Spinnenseide, wenn man sie kontrolliert herstellen könnte. Noch steht die Forschung am Anfang.
Gene als Schlüssel zum Erfolg?
Mittlerweile ist das Gen entschlüsselt, das für die Produktion der Fäden der Goldseidenspinne verantwortlich ist. Das Problem besteht nun darin, einen geeigneten Organismus zu finden, dem das Gen eingepflanzt werden kann. Forscher versuchten sich schon an Bakterien, Pflanzen und Ziegen, waren aber meist erfolglos.
Noch ein langer Weg
US-amerikanische Experten konnten entsprechende Proteine aus Tierzellen gewinnen und sogar zu Fäden spinnen. Die waren zwar so haltbar, aber nicht so dehnbar wie Spinnenseide. Bis sich durchgreifende Erfolge einstellen, wird noch sehr viel Geld und Zeit in die Erforschung der Spinnen-Wunderfäden fließen müssen. Kann ein so spannendes Tier noch eklig sein? Forscher jedenfalls finden sie alles andere als abstoßend. Sie schätzen die kleinen Achtbeiner und ihre Fähigkeiten. Und wer weiß, wie viele Entwicklungen in Zukunft noch auf das Vorbild Spinne bauen.
Jochen Bast (11.03.03)
Infobox
Interessante Spinnenarten
Vogelspinnen: Sie sind die bekanntesten Spinnen; bunt, beharrt und die einzige Familie, die in Terrarien erfolgreich gehalten wird. Entgegen dem allgemeinen Vorurteil sind sie nicht aggressiv und können bei Menschen fast zahm werden.
Kreuzspinnen: Sie treffen wir in unserem Garten im Sommer wieder. Dort verharren sie meist in der Mitte ihres Netzes. Auffällig ist das Kreuz auf dem Hinterkörper.
Springspinnen: Die größte Spinnenfamilie. Sie jagen ihre Beute und besitzen die besten Augen aller Spinnen. Damit nehmen sie viermal mehr Eindrücke wahr als das menschliche Sehorgan.
Australische Trichterspinne: Sie ist die giftigste Spinne und außerdem noch sehr aggressiv. Sie beißt gleich mehrmals zu. Ohne ärztliche Hilfe sterben auch Menschen schnell an der Vergiftung.
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Australische Trichterspinne: Sie ist die giftigste Spinne und außerdem noch sehr aggressiv. Sie beißt gleich mehrmals zu. Ohne ärztliche Hilfe sterben auch Menschen schnell an der Vergiftung.


