Kraft des Symbols
Die weiße Taube ist einer der großen Symbolträger der Menschheit: In beinahe jeder Kultur, von den ersten Hochkulturen bis heute, begegnet man ihr in Kunst und Literatur. Die Bedeutungen, die wir an sie herantragen, sind vielfältig, aber fast durchgehend positiv: Zu den bekanntesten zählen Liebe und Fruchtbarkeit, Reinheit und Friedfertigkeit sowie der Heilige Geist im Christentum.Turtelnde Tauben
Warum die Taube als Liebessymbol gilt, lässt sich leicht anhand ihres Fortpflanzungsverhaltens erklären: Taubenpaare tauschen intensiv Zärtlichkeiten aus, führen ein Leben in Einehe und sind sehr fruchtbar. Schon in Babylonien war die Taube Begleiterin der Liebesgöttin Ischtar, in der Antike galt sie als Vogel der Venus und der Aphrodite. Während die Liebesgöttinnen aus dem Gesichtskreis verschwanden, hat sich die Taube gehalten: In Süddeutschland wiesen im 18. Jahrhundert Schilder mit schnäbelnden Tauben auf Bordelle hin. Heute werden bei Hochzeiten Tauben aufgelassen - als Zeichen von Liebe, Treue und Fruchtbarkeit.
Friedenstier
Die Taube scheint grundsätzlich ein friedfertiges und sanftmütiges Wesen zu sein. In der Bibel verkörpert sie die Versöhnung zwischen Mensch und Gott nach der Sintflut - Noah lässt eine Taube fliegen auf der Suche nach Land, sie kehrt mit einem Ölzweig im Schnabel zurück. Die Taube als Friedenssymbol taucht erneut im 14. Jahrhundert auf - in der Fabel beendet sie einen Streit unter den Vögeln. Picasso und die Antikriegsbewegung haben sie im Zwanzigsten Jahrhundert endgültig zum bekanntesten Friedenssymbol gemacht.
Zwei Gesichter
So treu und friedlich wie in der Symbolwelt benehmen sich Tauben im wirklichen Leben nicht: Zwar leben Tauben monogam, doch kommt es nicht selten vor, dass sie Seitensprünge begehen - als Inbegriff der Treue können sie nicht unbedingt dienen. Mit dem Frieden verhält es sich ähnlich: Dem Menschen gegenüber sind sie zwar sanft und friedfertig, untereinander agieren Tauben allerdings aggressiv, jähzornig und gehässig. Eine Straßentaube wird in schätzungsweise zweitausend Kämpfe im Jahr verwickelt - zum Friedenstier taugt die reale Taube wohl doch nicht so ganz. Erkannt haben das die Japaner: Bei ihnen ist sie Attribut des Shinto-Kriegsgottes Hachiman.
Die Heiliggeisttaube im Petersdom in Rom.
Seit dem 4. Jahrhundert ist die Taube christliches Symbol des Heiligen Geistes. Künstler stellten sie im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Formen dar: Das Mittelalter zeigt die Taube im Sturzflug; seit dem Beginn der Renaissance erscheint sie schwebend mit ausgebreiteten Flügeln; später nimmt sie eine aufgerichtete Stellung ein, als wolle sie landen. Nach Ansicht des Taubenexperten Daniel Haag-Wackernagel spiegelt die "immer stärker kontrollierte Flugweise der Heiliggeisttaube im Laufe der Geschichte ... wohl auch Veränderungen im Glauben selbst wider. Eine eher passive und fatalistische Einstellung des Gläubigen im Mittelalter weicht im Laufe der Geschichte einer kritischen und distanzierten Beherrschung des Glaubens in aufgeklärter Zeit."
Die Taube durch-schauen
Das Beispiel Heiliggeisttaube zeigt: Die Aussagekraft des Symbols geht über das Offensichtliche und Banale hinaus - beziehen wir äußere Entstehungseinflüsse in unsere Betrachtungen ein, stoßen wir auf weniger offensichtliche Metabotschaften. Es gibt noch einen guten Grund, Sinnbilder genauer zu prüfen: Symbole sind immer Abstraktionen der Wirklichkeit - sie geben reale Objekte und Situationen verzerrt wieder und ihre Bedeutung übersteigt oft die rationale, erklärbare Ebene.
Glück für die weiße Taube
Als Beispiel dafür hier eine Anekdote aus der Schweiz: Bei einer Taubenjagd in Basel in den 1980er Jahren wurde der einzige weiße Vogel unter einhundert gefangenen Straßentauben auf Wunsch der Marktleute verschont - sie hatten die Taube als Glücksbringer ins Herz geschlossen. Rationale Gründe gibt es dafür sicher nicht - die Taube profitierte allein von ihrer symbolischen Kraft.
Urte Paul (28.03.2007)
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Picassos Friedenstaube ziert 1949 erstmals das Plakat des Internationalen Friedenskongresses in Paris. Begleitet wird der Kongress von einem Propagandakampf zwischen der kommunistischen Friedensbewegung und deren Gegnern, die in der Friedensthematik nur eine Verschleierung sowjetischer Aufrüstung sehen. Picasso entwirft für den nächsten Kongress 1950 eine "zerrupfte" Taube - vermutlich als Reaktion auf diese Kämpfe. 1952 gestaltet der Künstler eine "zersprengte" Taube, die die Veranstalter als zu gewagt ablehnen. Schließlich schmückt eine Taube das Plakat, die zu schwer scheint, um sich überhaupt in die Lüfte erheben zu können. Auf den zweiten Blick erweist sich die Friedenstaube somit als komplex: Der Kunsthistoriker Loel Zwecker sieht in ihr die "Aufforderung, bei der Lektüre aller Botschaften zwischen den Zeilen zu lesen, mystische Dimensionen mit zu berücksichtigen."



