Menschenfresser
Sein Fell schimmert und ist weich; wie Bernstein funkeln die Augen; elegant und geschmeidig ist der Gang. Doch eine "Schmusekatze" ist der Tiger nicht. Es gibt sogar Exemplare, die den Menschen gezielt angreifen.Tiger sind ist die größten und stärksten aller Raubkatzen. Die Unterarten sehen sich sehr ähnlich. Und doch unterscheiden sie sich beträchtlich in Größe und Gewicht.
Eine Frage des Lebensraums
Entsprechend ihrer Gefährlichkeit teilt der Zoologe Hubert Hendrichs Tiger in vier Kategorien ein, A bis D. Die Mehrzahl der Tiger gehört zu Kategorie A: Das sind Tiere, die den Menschen aus dem Weg gehen und unter artgerechten Bedingungen leben; sie jagen ausschließlich ihre natürliche Beute. Kategorie B umfasst Tiger, deren Lebensraum durch die Zivilisation eingeengt wurde. Ihr Jagdrevier ist durch landwirtschaftliche Nutzflächen und Siedlungen eingeschränkt und der Bestand an natürlichen Beutetieren nimmt ab. Die Folge: Die Tiere greifen jetzt auch Rinder- oder Schafherden an und nähern sich so den Menschen.
C-Tiger attackieren Menschen nur in besonderen Fällen: Ein völlig eingeengter Lebensraum oder eine bedrohliche Situation kann aus den Tieren - eher zufällig - "Killer" machen. Für Tiger der Kategorie D gibt es allerdings keine Hemmschwelle mehr: Sie haben erkannt, dass Menschen leichte Beute sind, und machen gezielt Jagd auf Zweibeiner.
Der größte Tiger ist der Sibirische Tiger: Ausgewachsene Männchen werden bis zu dreihundert Kilogramm schwer und fast drei Meter groß.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren menschenfressende Tiger in Indien so zahlreich, dass man um das Überleben der Bewohner mancher Regionen fürchtete. Die berüchtigtsten "Man-Eater" lebten im Mangrovendschungel der Sundarbans: Dieses Gebiet ist etwa sechstausend Quadratmeter groß und erstreckt sich entlang der Grenze zwischen Indien und Bangladesch. Gerüchten zufolge sind noch heute alle Tiger dieses Gebietes - ohne Einschränkung - Menschenfresser! Auch der Natur- und Tierfilmer Werner Fend hörte von diesen Gerüchten, schenkte ihnen als Tigerfreund aber keinen Glauben. Er machte sich auf, einen Film in den Sundarbans zu drehen.
Dort wird Werner Fend bald eines Besseren belehrt. Immer wieder hört er dieselbe Geschichte: "Hier gibt es viele menschenfressende Tiger", erzählen Einheimische. "Wir haben keine Erklärung dafür, warum es so viele sind und weshalb sie das tun." Das unerklärliche und völlig untypische Verhalten der Tiere macht den Menschen der Region das Leben schwer: Holzfäller, Honigsammler und Fischer wagen sich nicht mehr in den Dschungel.
Stromgeladene Puppen erfolglos
Versuche, die Tiger von ihren Fressgewohnheiten abzubringen, bleiben erfolglos: Da helfen keine "erzieherischen" Maßnahmen wie zum Beispiel stromgeladene Puppen. Stromschläge halten die Tiger nicht von der Menschenjagd ab - nach wie vor kommen jährlich bis zu hundert Menschen durch Tiger ums Leben. Während der Filmarbeiten lernt Werner Fend schnell, dass "Fressen und Gefressenwerden" in den Mangrovensümpfen der Sundarbans zum Alltag gehört: Größere Tiere fressen die kleineren, schnellere die langsameren und stärkere die schwächeren. Alle Tiger der Region Menschenfresser? Der Filmer hat keine Zweifel mehr: Das Gerücht trifft in der Tat zu.
Menschenfresserei wegen großer Milz?
Doch der Ursprung dieses abnormen Verhaltens bereitet ihm Kopfzerbrechen. Annahmen und Theorien darüber gibt es zur Genüge: So fand man in einer wissenschaftlich fundierten Untersuchung heraus, dass die Sundarbans-Tiger alle eine etwas größere Milz oder Leber hätten als "normale" Tiger. Weiter vermutete man, das salzige Brackwasser der Sümpfe könne für die Menschenfresserei verantwortlich sein.
Die Spur der Zyklone
Auch hieß es, der Mangel an natürlicher Beute sei Schuld am Verhalten der Tiger. Doch dieses Argument hielt nicht lange Stand: Zwanzigtausend Wildschweine, einhunderttausend Axishirsche und mehr als vierzigtausend Rhesusaffen - in den Sundarbans besteht eher ein Überangebot an Jagdbeute. Werner Fend versucht, das Rätsel anders zu lösen. Und er findet einen erstaunlichen Zusammenhang: In Bangladesch kommen jedes Jahr Tausende von Menschen durch Zyklone - verheerende Wirbelstürme - ums Leben.
Viele der Opfer - unter ihnen Holzfäller, Honigsammler und Fischer - werden nie gefunden. Starke Stürme und Regenfälle schwemmen ihre Leichen in die Sümpfe. Dort machen sich Tiger über das Aas her, ersetzt diese Mahlzeit doch das mühsame Jagen. Einmal an Menschenfleisch gewöhnt, scheuen die Tiger der Sundarbans dann nicht mehr davor zurück, den ohnehin leicht zu erbeutenden Menschen gezielt anzugreifen.
Maja Bilic/Susanne Haldrich (aktualisiert 14.09.2009)
Infobox
Panthera tigris lautet die wissenschaftliche Bezeichnung für Tiger.
Ordnung: Canivora (Raubtiere)
Familie: Felidae (Katzen)
Gattung: Panthera (Großkatzen)
Zu den Unterarten des Tigers gehören:
Panthera tigris altaica: Der Sibirische Tiger oder Amurtiger ist mit einer Körperlänge von 140 bis 280 Zentimetern die größte lebende Katze. Nachdem der Bestand 1940 auf 30 Tiere geschrumpft war, wurde er geschützt. Im fernen Osten Russlands leben heute schätzungsweise 500 Tiger.
Panthera tigris corbetti: Der Indochina-Tiger, auch Corbett-Tiger genannt, lebt vor allem in Thailand, Kambodscha und Laos. Von ihm gibt es noch zwischen 600 und 1500 Tiere. In anderen Staaten Südostasiens ist er vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben.
Panthera tigris jacksoni: Durch Genanalysen fanden Wissenschaftler 2004 heraus, dass es sich beim Malaysia-Tiger um eine eigene Unterart des Tigers handelt - vorher zählten diese Tiere zu den Indochina-Tigern. Es gibt schätzungsweise 500 bis 650 Malaysia-Tiger; sie leben in Teilen Malaysias und in Südthailand.
Panthera tigris amoyensis: Weitgehend ausgerottet ist der Südchinesische Tiger. Erst vor kurzem stellte China den Tiger unter Schutz, doch es bleibt zweifelhaft, ob die Unterart eine Überlebenschance hat. Seit 1964 wurde in freier Wildbahn kein Südchinesischer Tiger mehr gesichtet.
Panthera tigris tigris: Die bekannteste Unterart, der Königs-, Bengal- oder Indische Tiger, war infolge rücksichtsloser Jagd bereits auf einen winzigen Bestand zusammengeschrumpft. Umweltschützer geben die Zahl der Tiger mit 1200 bis 2000 an; indische Behörden schätzen, dass es noch mehr als 3500 Exemplare gibt.
Panthera tigris sumatrae: Die Zahl der Sumatra-Tiger geht stetig zurück: Lebten 1970 noch 1000 Tiger auf Sumatra, so gibt es heute nur noch etwa 250 bis 500 ausgewachsene Tiere.
Panthera tigris balica, sondaica und virgata: Der Bali-Tiger, der Java-Tiger und der persische Tiger sind bereits ausgestorben.
Ordnung: Canivora (Raubtiere)
Familie: Felidae (Katzen)
Gattung: Panthera (Großkatzen)
Zu den Unterarten des Tigers gehören:
Panthera tigris altaica: Der Sibirische Tiger oder Amurtiger ist mit einer Körperlänge von 140 bis 280 Zentimetern die größte lebende Katze. Nachdem der Bestand 1940 auf 30 Tiere geschrumpft war, wurde er geschützt. Im fernen Osten Russlands leben heute schätzungsweise 500 Tiger.
Panthera tigris corbetti: Der Indochina-Tiger, auch Corbett-Tiger genannt, lebt vor allem in Thailand, Kambodscha und Laos. Von ihm gibt es noch zwischen 600 und 1500 Tiere. In anderen Staaten Südostasiens ist er vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben.
Panthera tigris jacksoni: Durch Genanalysen fanden Wissenschaftler 2004 heraus, dass es sich beim Malaysia-Tiger um eine eigene Unterart des Tigers handelt - vorher zählten diese Tiere zu den Indochina-Tigern. Es gibt schätzungsweise 500 bis 650 Malaysia-Tiger; sie leben in Teilen Malaysias und in Südthailand.
Panthera tigris amoyensis: Weitgehend ausgerottet ist der Südchinesische Tiger. Erst vor kurzem stellte China den Tiger unter Schutz, doch es bleibt zweifelhaft, ob die Unterart eine Überlebenschance hat. Seit 1964 wurde in freier Wildbahn kein Südchinesischer Tiger mehr gesichtet.
Panthera tigris tigris: Die bekannteste Unterart, der Königs-, Bengal- oder Indische Tiger, war infolge rücksichtsloser Jagd bereits auf einen winzigen Bestand zusammengeschrumpft. Umweltschützer geben die Zahl der Tiger mit 1200 bis 2000 an; indische Behörden schätzen, dass es noch mehr als 3500 Exemplare gibt.
Panthera tigris sumatrae: Die Zahl der Sumatra-Tiger geht stetig zurück: Lebten 1970 noch 1000 Tiger auf Sumatra, so gibt es heute nur noch etwa 250 bis 500 ausgewachsene Tiere.
Panthera tigris balica, sondaica und virgata: Der Bali-Tiger, der Java-Tiger und der persische Tiger sind bereits ausgestorben.
Infobox
Tiger besiedeln...
die tropischen Wälder Südostasiens, die Laub- und Mangrovenwälder Südasiens, dichtes und hohes Gras am Fuße des Himalaja sowie die Nadel- und Birkenwälder des russischen Ostens. Vor einhundert Jahren streiften noch etwa einhunderttausend Tiere weltweit durchs Unterholz. Heute sind es nur noch fünf- bis siebentausend Tiere.
Von den neun bekannten Unterarten haben nur sechs das vergangene Jahrhundert überlebt. Der Verlust von Lebensraum - große Waldgebiete wurden für die land- und forstwirtschaftliche Nutzung gerodet -, Wilderei und schrumpfende Bestände an Beutetieren gelten als Hauptursachen für die massive Verringerung des Tigerbestands im Zwanzigsten Jahrhundert.
Hinzu kommt die große Nachfrage nach Tigerprodukten in der traditionellen asiatischen Medizin. Für Wilderer werden die Tiere deshalb zum lukrativen Geschäft. Mittlerweile hat aber beispielsweise China verboten, Tigerbestandteile in Medikamenten zu verwenden - wer sich nicht daran hält, dem drohen schwere Strafen. Alle Unterarten des Tigers stehen kurz vor der Ausrottung und deswegen unter strengem Schutz. Derzeit leben in zoologischen Gärten mehr Tiere als in Freiheit.
die tropischen Wälder Südostasiens, die Laub- und Mangrovenwälder Südasiens, dichtes und hohes Gras am Fuße des Himalaja sowie die Nadel- und Birkenwälder des russischen Ostens. Vor einhundert Jahren streiften noch etwa einhunderttausend Tiere weltweit durchs Unterholz. Heute sind es nur noch fünf- bis siebentausend Tiere.
Von den neun bekannten Unterarten haben nur sechs das vergangene Jahrhundert überlebt. Der Verlust von Lebensraum - große Waldgebiete wurden für die land- und forstwirtschaftliche Nutzung gerodet -, Wilderei und schrumpfende Bestände an Beutetieren gelten als Hauptursachen für die massive Verringerung des Tigerbestands im Zwanzigsten Jahrhundert.
Hinzu kommt die große Nachfrage nach Tigerprodukten in der traditionellen asiatischen Medizin. Für Wilderer werden die Tiere deshalb zum lukrativen Geschäft. Mittlerweile hat aber beispielsweise China verboten, Tigerbestandteile in Medikamenten zu verwenden - wer sich nicht daran hält, dem drohen schwere Strafen. Alle Unterarten des Tigers stehen kurz vor der Ausrottung und deswegen unter strengem Schutz. Derzeit leben in zoologischen Gärten mehr Tiere als in Freiheit.




