Das böse Tier
In Märchen, Mythen, Alpträumen begegnet uns der Wolf als gelbäugiges Monster und hungriges Untier. Im Mittelalter wurden vermeintliche Werwölfe gar verbrannt. Woher kommen solche Vorurteile?Im Märchen der Gebrüder Grimm treffen sie aufeinander: das arme Rotkäppchen und der böse Wolf! Aus einer Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen von 1888 stammt diese Buchillustration.
Fatale Sichtweise
Mythen und Märchen wie dieses sind weit verbreitet. Sie zeichnen das Bild des Wolfs als Untier, das Schafe reißt, Menschen mordet, uns als gelbäugiges Schattenwesen in Albträumen heimsucht. Diese fatale Sichtweise ist wie mit Wolfsklauen in unser kollektives Gedächtnis eingegraben. Und hat doch mit der Realität nichts gemein. Sie ist lediglich ein Zerrbild. Weil sie sich jedoch so überzeugend gehalten hat, drängt sich die Frage nach dem Ursprung auf: Warum ist der Wolf böse?
Leitwölfe
Unsere jagenden Urahnen fragten etwas ganz anderes: Was haben wir mit dem Wolf gemeinsam? Sie bewunderten den starken Jäger, verehrten ihn deshalb als Ahnherrn und riefen seinen Geist um Jagd-Beistand an. Gemeinsam haben Mensch und Wolf Züge der Sozialisierung: Die Jäger großer Beutetiere bilden in Anpassung an ihre Ernährungsweise Großfamilien - Wolfsrudel und Menschensippen. Ein Anführer, Familienoberhaupt und Leitwolf, führt die Jagd an und zeugt die meisten Nachkommen. Soviel zum einsamen Wolf - er ist eine Seltenheit: Es handelt sich dabei um schwache oder ausgestoßene Tiere. Der Wolf lebt, wie der Mensch, in der Gruppe.
Töten ohne zu fressen
Nachdem er dessen ausgeprägtes Sozialverhalten erkannt hatte, begann der Mensch, den Wolf zu domestizieren. Der Hunde-Stammvater half beim Jagen und beschützte die wachsenden Siedlungen. Der Mensch weitete seinen Lebensraum aus, beackerte das Land und ließ sein Vieh weiden. Die Beute des Wolfs aber verschwand mit dem Roden der Wälder. Aus Hunger riss er Weidevieh, und wurde von da an gnadenlos verfolgt.
Aus dieser Zeit stammen auch die Berichte vom blutrünstigen Räuber, der ganze Schafherden vernichtet. Sie sind wahr, wenn auch übertrieben: Die ihres natürlichen Fluchttriebs entwöhnten Haustiere drängten sich zusammen, anstatt auseinanderzustieben, und wie die meisten Raubtiere verfiel der Wolf mit jedem weiteren Opfer in einen Blutrausch: tötete, ohne zu fressen.
Mit dem Teufel im Bunde
Irrwitzige mystische Geschichten rankten sich um ihn; sein furchteinflößendes Heulen, des Nachts weithin hörbar, trug dazu bei. Zunehmend wurde der Wolf dämonisiert. Besonders schlimm kam es in den Werwolfprozessen der frühen Neuzeit. Wie im gleichzeitig tobenden Hexenwahn reichte schon der kleinste Verdacht oder eine durch Folter erzwungene Denunziation zur Verurteilung aus. Kirche und aufgestachelter Pöbel machten dem Gestaltwandler, der mit dem Teufel im Bunde sein musste, kurzen Prozess. Es ging sogar so weit, dass gefangene Wölfe angeklagt und verbrannt wurden...
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Infobox
Der Wolf und der Kranich
Ein Wolf hatte ein Schaf erbeutet und verschlang es so gierig, dass ihm ein Knochen im Rachen stecken blieb. In seiner Not setzte er demjenigen eine große Belohnung aus, der ihn von dieser Beschwerde befreien würde.
Der Kranich kam als Helfer herbei; glücklich gelang ihm die Kur, und er forderte nun die wohlverdiente Belohnung.
"Wie?", höhnte der Wolf, "du Unverschämter! Ist es dir nicht Belohnung genug, dass du deinen Kopf aus dem Rachen eines Wolfes wieder herausbrachtest? Gehe heim, und verdanke es meiner Milde, dass du noch lebest!"
Hilf gern in der Not, erwarte aber keinen Dank von einem Bösewichte, sondern sei zufrieden, wenn er dich nicht beschädigt.
(Aesop)
Ein Wolf hatte ein Schaf erbeutet und verschlang es so gierig, dass ihm ein Knochen im Rachen stecken blieb. In seiner Not setzte er demjenigen eine große Belohnung aus, der ihn von dieser Beschwerde befreien würde.
Der Kranich kam als Helfer herbei; glücklich gelang ihm die Kur, und er forderte nun die wohlverdiente Belohnung.
"Wie?", höhnte der Wolf, "du Unverschämter! Ist es dir nicht Belohnung genug, dass du deinen Kopf aus dem Rachen eines Wolfes wieder herausbrachtest? Gehe heim, und verdanke es meiner Milde, dass du noch lebest!"
Hilf gern in der Not, erwarte aber keinen Dank von einem Bösewichte, sondern sei zufrieden, wenn er dich nicht beschädigt.
(Aesop)
Infobox
Der Esel und der Wolf
Ein Esel begegnete einem hungrigen Wolfe. Habe Mitleiden mit mir, sagte der zitternde Esel; ich bin nur ein armes, krankes Thier; sieh nur, was für einen Dorn ich mir in den Fuß getreten habe! -
Wahrhaftig, du dauerst mich; versetzte der Wolf. Und ich finde mich mit meinem Gewissen verbunden, dich von diesen Schmerzen zu befreien. -
Kaum war das Wort gesagt, so ward der Esel zerrissen.
(Gotthold Ephraim Lessing)
Ein Esel begegnete einem hungrigen Wolfe. Habe Mitleiden mit mir, sagte der zitternde Esel; ich bin nur ein armes, krankes Thier; sieh nur, was für einen Dorn ich mir in den Fuß getreten habe! -
Wahrhaftig, du dauerst mich; versetzte der Wolf. Und ich finde mich mit meinem Gewissen verbunden, dich von diesen Schmerzen zu befreien. -
Kaum war das Wort gesagt, so ward der Esel zerrissen.
(Gotthold Ephraim Lessing)




