Schlange ohne Kopf
Staus treiben Autofahrer in den Wahnsinn. Für Physiker hingegen sind sie spannend. Vor allem der Phantomstau, eine spontane Verkehrsstörung ohne erkennbaren Grund, beschäftigt die Forscher.Staus - hier im Berufsverkehr von Kairo - stellen die Verkehrsplaner vor Probleme. Erkenntnisse der Stauforschung sollen beim Planen von Verkehrswegen helfen.
Aus heiterem Himmel
Rund fünfzig Prozent aller Staus, schätzen Experten, entstehen aufgrund einer konkreten Ursache: Baustelle, Fahrbahnverengung, ungünstiges Wetter, Unfall. Und dann gibt es noch Staus, bei denen sich kein Auslöser feststellen lässt - die berüchtigten und gefürchteten Staus aus dem Nichts oder Phantomstaus. "Eine Schlange ohne Kopf? Unmöglich", dachten Forscher lange Zeit. "Geht doch", bewiesen die Physiker Kai Nagel und Michael Schreckenberg Anfang der 1990er Jahre mittels eines mathematischen Modells.
Stillstand nach zwanzig Autos
Die Voraussetzungen für Phantomstaus sind denkbar einfach: Man nehme eine Autobahn und jede Menge Fahrzeuge, die sich darauf bewegen - ab einer Dichte von etwa zweieinhalbtausend pro Stunde und Fahrbahn dürfte es klappen. An irgendeiner Stelle fährt ein Autofahrer zu dicht auf den Vorgänger auf und muss bremsen. Der Fahrer dahinter muss nun ebenfalls bremsen, und zwar schärfer als der vor ihm. Nun muss wiederum der Fahrer dahinter noch ein bisschen schärfer bremsen, der dahinter noch schärfer... Das Resultat: nach etwa zwanzig Fahrzeugen kommt es zum Stillstand.
Blick aus dem MDR-1 Verkehrsflieger auf die A72 zwischen Hof und Chemnitz: Dem Auge des Piloten Rico Dinter entgeht kein Stau auf Sachsens Autobahnen.
Das Gemeine daran ist, dass der erste Fahrer in der Schlange gar nicht mitbekommt, was er anrichtet. Die Stauwelle erwischt die Fahrzeuge hinter ihm und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von rund fünfzehn Kilometern pro Stunde gegen die Fahrtrichtung. Solange die Verkehrsdichte nicht abnimmt, löst sich solch ein Stau auch nicht auf - das passiert erst, wenn hinten weniger Autos ankommen, als vorne abfahren. Gummibandeffekt nennen Stauforscher das.
Immer im Kreis
Was Schreckenberg und Nagel einst theoretisch beschrieben, haben Experimente inzwischen bestätigt. Eine Forschergruppe um den japanischen Physiker Yuki Sugiyama ließ 2007 eine variierende Zahl von Autos auf einem 230 Meter langen Rundkurs fahren. Die Fahrer erhielten die Anweisung, mit konstanter Geschwindigkeit und ausreichend Sicherheitsabstand zu fahren. Es nützte nichts: War die Verkehrsdichte hoch genug, führten kleine Unregelmäßigkeiten in der Fahrweise irgendwann dazu, dass es zu Bremsmanövern und schließlich zum Stau kam.
Wie lassen sich also Phantomstaus verhindern? Theoretisch klappt das dann, wenn sich alle Fahrer mit konstanter Geschwindigkeit und gleich bleibendem Abstand bewegen - denn diese Fahrweise ist am effektivsten und ermöglicht den reibungslosesten Verkehrsfluss. Dass der Mensch dazu nicht in der Lage ist, hat das Experiment in Japan gezeigt. In der Realität ist es so, dass Autofahrer in der Regel gar nicht gleichmäßig fahren wollen. "Autofahren ist nichts anderes als das Spiel 'Wer ist am schnellsten am Ziel?'", fasst Michael Schreckenberg das Interesse der Autofahrer zusammen.
Riskante Spurwechsel - oft zu sehen auf der Autobahn: Bei viel Verkehr reicht so eine kleine Störung schon aus, um einen Stau zu verursachen.
Und so kommt es, dass sich Menschen im Stau irrational und ineffektiv verhalten und damit Verkehrsstörungen noch verschlimmern: "Autofahrer versuchen in jeder Situation, mit Millimeterarbeit ihren Vorsprung zu verteidigen", erläuterte Schreckenberg in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Jede Lücke wird sofort geschlossen. So kann kein Reißverschlusssystem funktionieren, so stockt jeder Verkehrsstrom."
Disziplinierte Krabbeltiere
Kluge Tiere sind da viel geschickter, weiß der Experte: "Im Unterschied zum Menschen stellen Ameisen einen geordneten Verkehrsfluss her, indem sie sich gegenseitig pulkweise durchlassen, sie drängeln nicht, es gibt keine Zusammenstöße." Dank ihrer Verkehrsorganisation verbringen die Krabbeltierchen relativ auch weniger Zeit im Stau als der Mensch.
Die Sensiblen...
Wer im Stau steht und auf die Kooperation der Mitleidenden setzt, hat also schlechte Karten: Schon zehn Prozent "egoistische" Autofahrer reichen aus, um minutenlange Verzögerungen hervorzurufen. Vielleicht wäre es ja schlauer, den Stau zu umfahren, um schneller ans Ziel zu kommen? Das Problem daran ist, dass ziemlich viele Leute auf die gleiche Idee kommen könnten: In einer Studie Michael Schreckenbergs waren es 44 Prozent der Autofahrer, die auf Staumeldungen reagierten und Alternativrouten wählten. Die Sensiblen nannte sie der Forscher.
Den Stau umfahren oder geduldig hinten anstellen? Forscher fanden heraus, dass langfristig am besten fährt, wer immer die gleiche Strecke nimmt und Staumeldungen ignoriert.
Das Verhalten der Sensiblen wollte eine andere Gruppe nutzen: Die Taktiker - 14 Prozent der Leute in Schreckenbergs Studie - steuerten gezielt Straßen an, von denen Staus gemeldet wurden, weil sie glaubten, dass andere Autofahrer die Störung umfahren und sich der Stau daher bald verflüchtigen würde. Und immerhin 42 Prozent - die Konservativen - ließen sich von Verkehrsmeldungen nicht beeinflussen und fuhren einfach, wie es ihnen passte.
Und der Gewinner heißt...
Ergebnis der Studie: Weder die Taktiker noch die Sensiblen waren die schnellsten. Am besten gefahren ist eine kleine, nur anderthalb Prozent der Teilnehmer umfassende Untergruppe der Konservativen: die Stoiker, die immer, komme was wolle, die gleiche Route nahmen. "Allerdings funktioniert das Prinzip nicht mehr, wenn auf einmal alle Stoiker werden", schränkt Michael Schreckenberg die Anwendbarkeit des Prinzips ein. Um dem Stau zu entkommen, gibt es daher nur eine sichere Strategie: Dort fahren, wo sonst keiner fährt.
Urte Paul (aktualisiert 25.03.2010)
Infobox
Der Staupilot
Den besten Überblick über Sachsens Straßen hat Rico Dinter: Der Freiberger Pilot ist offizieller Verkehrsflieger für MDR1 - Radio Sachsen. Etwa achthundert Stunden pro Jahr ist Dinter für den MDR in einer Cessna 172 (Baujahr 1978) unterwegs, um über die Verkehrslage zu berichten und Ausweichempfehlungen zu geben.
Vom Flugplatz in Langhennersdorf bei Freiberg aus fliegt der Pilot jeden Wochentag rund sechshundert Kilometer Autobahn ab. Seine Daten übermittelt er an die Verkehrsredaktion im Landesfunkhaus in Dresden. Drei- bis viermal täglich berichtet der Verkehrsflieger auch live im Radioprogramm: um 15:40 Uhr, 16:40 Uhr, 17:40 Uhr, freitags außerdem um 14:30 Uhr. Ergänzt werden die Beobachtungen Rico Dinters durch Meldungen der Polizei, des ADAC und mehrerer hundert ehrenamtlicher Staumelder.
Den besten Überblick über Sachsens Straßen hat Rico Dinter: Der Freiberger Pilot ist offizieller Verkehrsflieger für MDR1 - Radio Sachsen. Etwa achthundert Stunden pro Jahr ist Dinter für den MDR in einer Cessna 172 (Baujahr 1978) unterwegs, um über die Verkehrslage zu berichten und Ausweichempfehlungen zu geben.
Vom Flugplatz in Langhennersdorf bei Freiberg aus fliegt der Pilot jeden Wochentag rund sechshundert Kilometer Autobahn ab. Seine Daten übermittelt er an die Verkehrsredaktion im Landesfunkhaus in Dresden. Drei- bis viermal täglich berichtet der Verkehrsflieger auch live im Radioprogramm: um 15:40 Uhr, 16:40 Uhr, 17:40 Uhr, freitags außerdem um 14:30 Uhr. Ergänzt werden die Beobachtungen Rico Dinters durch Meldungen der Polizei, des ADAC und mehrerer hundert ehrenamtlicher Staumelder.
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Gedränge in der Flugzeugkabine
Wer fliegen will, muss erstmal (an)stehen: durchschnittlich fünfundzwanzig Minuten dauert es, bis alle Passagiere eines Flugzeugs eingestiegen sind, ihr Gepäck verstaut und die Plätze eingenommen haben.
"Geht das nicht schneller?", fragen sich Fluggesellschaften seit Jahrzehnten. Und auch Wissenschaftler finden das Problem spannend, zum Beispiel der amerikanische Astrophysiker Jason Steffen. Achtzehn Monate lang arbeitete er an einer Simulation, die verschiedene Einsteigeprozeduren miteinander verglich.
Wenig überraschend: die ungünstigste Reihenfolge ist von vorne nach hinten. Der umgekehrte Fall, von hinten nach vorne - was, nebenbei bemerkt, bei vielen Fluggesellschaften Standard ist -, ist allerdings nicht viel effektiver: Auch hier stehen viel zu viele Leute im Gang herum und verlangsamen die Prozedur.
Jason Steffen fand heraus, dass es am effektivsten ist, wenn jeder Passagier beim Einsteigen im Gang zwei Reihen Platz hat. In ein Flugzeug von zwanzig Reihen sollten daher immer nur zehn Menschen auf einmal einsteigen, zunächst aus jeder geraden Reihe einer, dann aus jeder ungeraden Reihe einer. Die Zeitersparnis gegenüber dem ungünstigsten Fall beträgt bis zu achtzig Prozent.
Das Problem daran ist der menschliche Faktor: Reisende, die gemeinsam reisen, möchten auch gern gemeinsam anstehen und einsteigen, und nicht jeder hält sich an die von der Fluggesellschaft vorgeschlagene Reihenfolge.
Eine Billigairline löst das Problem des schnellen Einsteigens, indem sie keine festen Sitzplätze vergibt. Nach dem Motto "Auf die Plätze, fertig, los!" dürfen sich Passagiere ihren Platz selbst wählen. Kommentar einer Beteiligten: "Ich hab noch nie gesehen, dass sich ein Flugzeug so schnell füllt!"
Wer fliegen will, muss erstmal (an)stehen: durchschnittlich fünfundzwanzig Minuten dauert es, bis alle Passagiere eines Flugzeugs eingestiegen sind, ihr Gepäck verstaut und die Plätze eingenommen haben.
"Geht das nicht schneller?", fragen sich Fluggesellschaften seit Jahrzehnten. Und auch Wissenschaftler finden das Problem spannend, zum Beispiel der amerikanische Astrophysiker Jason Steffen. Achtzehn Monate lang arbeitete er an einer Simulation, die verschiedene Einsteigeprozeduren miteinander verglich.
Wenig überraschend: die ungünstigste Reihenfolge ist von vorne nach hinten. Der umgekehrte Fall, von hinten nach vorne - was, nebenbei bemerkt, bei vielen Fluggesellschaften Standard ist -, ist allerdings nicht viel effektiver: Auch hier stehen viel zu viele Leute im Gang herum und verlangsamen die Prozedur.
Jason Steffen fand heraus, dass es am effektivsten ist, wenn jeder Passagier beim Einsteigen im Gang zwei Reihen Platz hat. In ein Flugzeug von zwanzig Reihen sollten daher immer nur zehn Menschen auf einmal einsteigen, zunächst aus jeder geraden Reihe einer, dann aus jeder ungeraden Reihe einer. Die Zeitersparnis gegenüber dem ungünstigsten Fall beträgt bis zu achtzig Prozent.
Das Problem daran ist der menschliche Faktor: Reisende, die gemeinsam reisen, möchten auch gern gemeinsam anstehen und einsteigen, und nicht jeder hält sich an die von der Fluggesellschaft vorgeschlagene Reihenfolge.
Eine Billigairline löst das Problem des schnellen Einsteigens, indem sie keine festen Sitzplätze vergibt. Nach dem Motto "Auf die Plätze, fertig, los!" dürfen sich Passagiere ihren Platz selbst wählen. Kommentar einer Beteiligten: "Ich hab noch nie gesehen, dass sich ein Flugzeug so schnell füllt!"




