Für alle
Im 18. Jahrhundert rollten nur Adel und Großbürgertum im Omnibus durch die Stadt. Die Industrielle Revolution fegte den aristokratischen Fahrgast aus dem Bus. Der egalitäre Anspruch schien in greifbarer Nähe.Das demokratischste Fahrzeug der Welt ist ein Kind des Absolutismus: 1662 händigte Sonnenkönig Ludwig XIV. dem französischen Universalgelehrten Blaise Pascal das Patent für den ersten Omnibus der Welt aus. Eigentlich wollte der weit blickende Philosoph damit den privaten Fahrdienst der Fiaker erweitern: durch den Einsatz größerer Fahrzeuge, die in verkehrsreichen Straßen fahren und an beliebten Punkten halten, sollte auch weniger betuchten Fahrgästen innerstädtische Mobilität ermöglicht werden.
Blaublütige Passagiere
Doch sein Traum vom egalitären Busverkehr scheiterte; Vorschriften untersagten dem gewöhnlichen Volk die Nutzung des neuen Verkehrsmittels. Die erste Omnibuslinie, die wenig später mit zwei Pferdestärken vom Tor St. Antoine zum Palais de Luxembourg in Paris fuhr, blieb blaublütigen Passagieren vorbehalten. Der Pöbel sollte gefälligst in seinen Quartieren bleiben!
Erster motorisierter Linienbus
Mehr als zweihundert Jahre später, diesmal im beschaulichen Rheinland, wird der erste motorisierte Omnibus in Linienbetrieb genommen: ab 1895 rollte der Patent-Motor-Wagen-Omnibus von Karl Benz auf der dreißig Kilometer langen Strecke zwischen Siegen und Netphen-Deutz. Immerhin elf Personen fanden in und auf dem Gefährt Platz, das sie in nur achtzig Minuten an ihr Ziel brachte. Zwar war nun auch dem einfachen Reisegast die Mitfahrt erlaubt, doch sorgte der stolze Preis von siebzig Pfennigen pro einfache Strecke für das "richtige" Publikum.
Die Strecke Siegen Netphen-Deutz musste noch im selben Jahr wegen der Anfälligkeit des ersten Benz-Busses eingestellt werden; die Reisenden hatten den Bus inmitten der rheinländlichen Prärie oftmals sogar anschieben müssen! Die Fahrzeugentwicklung schritt dennoch mit riesigen Schritten voran: schon in den 1890er Jahren knatterte in der Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg (MAN) der erste Dieselmotor, 1903 erfand Robert Bosch die Zündkerze.
"Stinkkarre"
Waren die neuen Motoren auch leistungsfähiger und robuster als ihre Vorgänger, sorgten Lärm- und Abgasentwicklung der motorisierten Ungetüme doch für Unmut unter den Stadt- und Landesvätern: so genehmigte die Stadt München nur den Betrieb von 25 Wagen innerhalb ihrer Stadtgrenzen, Kaiser Wilhelm II. gar weigerte sich, mit einer solchen "Stinkkarre" zu fahren.
Die wachsende Arbeiterschaft freilich war auf die Schadstoffschleudern angewiesen, um zu ihren immer weiter entfernten Industriearbeitsplätzen zu gelangen. Das Bürgertum war nach der Jahrhundertwende inmitten schwitzender Fabrikarbeiter immer seltener anzutreffen: es bevorzugte neuerdings das Automobil!
Busse von der Stange
Fuhr der gewöhnliche Arbeitnehmer in den 1920er Jahren mit dem Bus zur Arbeit, chauffierten die Omnibusse der 50er und 60er Jahre das deutsche Volk auch in den Urlaub, vor allem nach Italien und Spanien. In den 60er Jahren begann zudem die Vereinheitlichung von Bustypen durch den Verband öffentlicher Verkehrsbetriebe (VÖV), der in Zusammenarbeit mit einigen Verkehrsbetrieben Prototypen für Standard-Linienbusse entwickelte, die dann von den Herstellern adaptiert wurden.
Neue Zielgruppen
Die Fahrzeuge von der Stange transportierten in den 1970er und 80er Jahren eine neue Zielgruppe: Schüler und Rentner waren jetzt die eifrigsten Busfahrer - zumindest in Westdeutschland. Im Osten des Landes sorgte der Staat für volle Busse: ein ausgeklügeltes Wartelistensystem (für ein Automobil musste der Bürger knapp 15 Jahre innerlich anstehen) unterstützte den verkehrsdemokratischen Anspruch des Arbeiter- und Bauernstaats.
Aufmerksamen Fahrgästen fallen in den letzten Jahren Veränderungen unter den Fahrgästen auf: nicht mehr nur Schüler und Rentner sind heute in Bussen anzutreffen. Auch der gediegene Anzugträger oder die elegante Boutiquebesitzerin finden heute - ob aus ökologischen oder ökonomischen Gründen - den Weg in den Bus. Wird Blaise Pascal egalitärer Traum also endlich Wirklichkeit?
Kathleen Niebl (01.03.2006)
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Infobox
Das Schulbusphänomen
Allmorgendlicher Alptraum ist die Busfahrt für so manchen Schüler: Randalierer nutzen die tägliche Fahrt zur Lehranstalt gern für Mobbingattacken gegen unbeliebte Mitschüler oder jüngere Schulkinder. Der seelische Schaden, der durch jugendliche Gewaltausbrüche bei den Opfern hervorgerufen wird, ist oft prägend.
Und er hat einen wissenschaftlichen Namen: Experten schätzen, dass zwischen acht und zehn Prozent der Schulbusbenutzer unter dem so genannten Schulbusphänomen leiden.
Um die Gewalt im Schulbus einzudämmen, werden im Thüringischen Bad Langensalza seit 2003 von den Schülern entworfene Schulbusse eingesetzt. Die Vandalismusrate ist in den schülergerechten Fahrzeugen inzwischen um immerhin siebzig Prozent zurückgegangen.
Allmorgendlicher Alptraum ist die Busfahrt für so manchen Schüler: Randalierer nutzen die tägliche Fahrt zur Lehranstalt gern für Mobbingattacken gegen unbeliebte Mitschüler oder jüngere Schulkinder. Der seelische Schaden, der durch jugendliche Gewaltausbrüche bei den Opfern hervorgerufen wird, ist oft prägend.
Und er hat einen wissenschaftlichen Namen: Experten schätzen, dass zwischen acht und zehn Prozent der Schulbusbenutzer unter dem so genannten Schulbusphänomen leiden.
Um die Gewalt im Schulbus einzudämmen, werden im Thüringischen Bad Langensalza seit 2003 von den Schülern entworfene Schulbusse eingesetzt. Die Vandalismusrate ist in den schülergerechten Fahrzeugen inzwischen um immerhin siebzig Prozent zurückgegangen.




