Typ: Busfahrer
Nicht nur der Passagier, auch der Busfahrer als sozialer Typus kann von Interesse sein. Unsere Autorin fand heraus, dass hierzulande seit Jahren industriell gefertigte Busfahrer-Modelle genutzt werden.Kaum jemand weiß, dass hier ein Roboter am Lenkrad sitzt.
Sicherheit durch Technik
Industrie und Politik haben das früh erkannt: seit den 1950er Jahren produzieren sie daher standardisierte Busfahrer-Modelle. Um den Maschinenmenschen der breiten Bevölkerung als leibhaftigen Busfahrer verkaufen zu können, hat man die Frachtroboter mit authentischen Charakter-Chips ausgestattet. Auch den Wandel der Zeit haben die findigen Fortschrittsingenieure bedacht: dem vorherrschenden Zeitgeist angepasst, haben die Busunternehmen je vier bis fünf verschiedene Modelle im Einsatz. Unsere kleine Typologie stellt die zur Zeit gängigsten Busfahrer-Typen vor.
Lüsterner Tattergreis
Ein Klassiker, der sich gerade bei der weiblichen Bevölkerung großer Beliebtheit erfreut, ist das Modell Lüsterner Tattergreis. Seit den frühen 1950er Jahren im Einsatz, zeichnet sich dieser Typus, der vorwiegend in Kleinstädten eingesetzt wird, durch seine großväterlich-zuvorkommende Art aus: will etwa eine junge Frau ihren Fahrschein bezahlen, tätschelt er vertraulich ihre Hand und fragt unverblümt nach den schulischen Leistungen und dem Befinden der Familie. Dies auch gern noch, nachdem die Betroffene die Schule bereits vor fünf Jahren verlassen hat.
Anekdoten und Gewäsch
Werkseitig wird dieses Modell zusätzlich mit der Anekdoten und sinnloses Gewäsch-Minidisc ausgeliefert. Leider ist deren Speicherkapazität begrenzt, sodass sich für regelmäßig Reisende ein quälender Wiederholungseffekt einstellen kann. Da in den 1970er Jahren die Schamgrenzen der Bevölkerung zusehends sanken, wurde Lüsterner Tattergreis kurzweilig durch Typ Sexistischer Sprücheklopfer ersetzt. Die Produktion dieses langhaarigen, ungepflegten Typus wurde nach einer mehrjährigen Testphase allerdings wieder eingestellt. Wenige Exemplare sind noch in Köln-Mühlheim im Einsatz.
Robuster Stoiker oder Möchtegern-Yuppie - es bedarf wenig Übung, um bereits beim Einsteigen den Robotertyp zu erkennen.
Robuster Stoiker
Den geringsten Herstellungsaufwand verursacht Robuster Stoiker, so getauft in Anlehnung an die genügsamen Philosophen des Altertums. Innenausstattung und Hülle genügen einfachsten Ansprüchen. Robuster Stoiker zeichnet sich durch sein gelassenes, wortkarges Wesen aus: Transportunternehmen setzen ihn bevorzugt als Reisebusführer sowie als Fahrer von Sonderbussen, etwa für Partybus- oder Klassenfahrten ein: der Leser stelle sich nur einmal vor, ein Busfahrer aus Fleisch und Blut müsste diese unkontrollierte Masse chauffieren.
Zeitschaltuhr
Um dem schweigsamen Maschinenmenschen einen menschlichen Anstrich zu verleihen, haben ihn die zuständigen Ingenieure mit einer Zeitschaltuhr ausgestattet: kurz vor Fahrbeginn (gern auch an einer roten Ampel) springt Robuster Stoiker zeitweilig aus dem Bus, um sich Zigaretten oder Kaffee zu besorgen.
Cholerischer Kotzbrocken
Das mit Abstand erfolgreichste Modell, seit einigen Jahren auch uneingeschränkter Exportschlager, ist der Typ Cholerischer Kotzbrocken. Unberechenbar thront er als übergewichtiger Gottvater des öffentlichen Transportwesens auf seinem Fahrerstuhl. Schon Grundschüler werden zwecks Einschüchterung mit diesem Modell konfrontiert.
Überzeugender Charakter
Geld nimmt Cholerischer Kotzbrocken nur passend entgegen. Peinlich genau achtet dieses Modell darauf, dass Fahrgäste für Fahrräder und Hunde einen Fahrschein lösen. An Haltestellen (so sie nicht ganz ignoriert werden) stoppt er so, dass die Fahrgäste unter keinen Umständen direkt in den Bus einsteigen können. Passagieren, die angerannt kommen, wird der Zutritt zum Bus konsequent verweigert. Jede jüngere Frau in Sichtweite wird mindestens drei Minuten angestarrt. Zur Grundausstattung gehören: vier Pornomagazine, zwei goldene Halsketten und eine Schlager-Kassette.
Kathleen Niebl (01.03.2006)
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