Signal der Hoffnung
Im Jahr 1906 einigte man sich auf den Morsecode SOS als Notrufsignal für Schiffe. Aber der neue Hilferuf setzte sich nur langsam durch. Erst mit dem Untergang der Titanic im April 1912 sollte sich das ändern.Am 16. April 1912 hatte der New York Herald das Unglück der Titanic auf Seite eins. Dank des SOS-Signals konnten 705 Passagiere gerettet werden. Seither sind Funkgeräte auf Schiffen Pflicht.
Schiffbruch vor den Azoren
Seit 1999 ersetzt das satellitengestützte Seenot- und Sicherheitssystem GMDSS (Global Maritime Distress and Safety System) die Absendung von Nachrichten per Morsezeichen - mit einem Knopfdruck melden Schiffsoffiziere jetzt Seenotfälle, das gefunkte SOS ist mittlerweile veraltet. Genau neun Jahrzehnte zuvor war der berühmte Notruf das erste Mal gesendet worden. Das Passagierschiff Slavonia erlitt am 10. Juni 1909 vor den Azoren Schiffbruch, es funkte SOS - und wurde erhört. Alle Passagiere konnten gerettet werden.
Jahrhundertelang waren Schiffe nach Verlassen des Hafens auf sich allein gestellt. Kam es zur Havarie, gab es nur wenige Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen: in der Nacht durch Kanonen oder Leuchtraketen, am Tage halfen Flaggen - aber natürlich nur, wenn ein anderes Schiff in Sichtweite fuhr. Erst die Einführung der Funktechnik an Bord erleichterte die Kommunikation von Schiff zu Schiff und von Schiff zum Land erheblich.
Funkenschläge und Wellen
Ganz unproblematisch verlief die Entwicklung des Seefunks allerdings nicht. Doch gerade die Komplikationen sollten 1906 zur Definition eines einheitlichen, weltweit anerkannten Notrufsignals führen: SOS. Was war geschehen? 1895 versuchte der junge Italiener Guglielmo Marconi erstmals, mit Hilfe elektromagnetischer Wellen, die durch elektrische Funkenschläge erzeugt werden, kurze Botschaften zu übermitteln. Schon zwei Jahre später konnte er sein neuartiges Telegrafiersystem der Öffentlichkeit präsentieren: die Geburtsstunde der drahtlosen Nachrichtentechnik.
Guglielmo Marconi (1874 bis 1937) war Wegbereiter des Seefunks. (Foto: 1908, Library of Congress.)
"Gefühl erhöhter Sicherheit"
Marconis neues, noch relativ unausgereiftes System behauptete sich zunächst nur schwer gegen die Konkurrenz. Sein wirtschaftliches Potenzial lag einzig in Marktnischen, die aufgrund des Mangels an materiellen Verbindungen für die Funkentelegrafie prädestiniert schienen - wie etwa die Schifffahrt. 1904 war im Jahrbuch für Deutschlands Seeinteressen bereits zu lesen, dass die neue Technik "zu einem Bedürfnis" für den Schiffsverkehr geworden sei. Mit der Möglichkeit, in Richtung Land drahtlos telegrafieren zu können, bekämen Mannschaft und Gäste an Bord ein "Gefühl erhöhter Sicherheit".
Anfangs bestimmten jedoch vor allem wirtschaftliche Interessen die Einrichtung und den Betrieb drahtloser Funkstationen auf den Schiffen. Auch aus Prestigegründen ließen die großen Reedereien die neue Funktechnik an Bord installieren - was der neuen Ausrüstung unter Kritikern bald den Ruf einbrachte, nur ein "hübsches und angenehmes Spielzeug" zum Zeitvertreib reicher Passagiere zu sein.
Private Nachrichten gingen vor
Trotz ihrer unbestrittenen Möglichkeiten im Falle einer Seenot spielte die Funktelegrafie in den Sicherheitsüberlegungen der damaligen Zeit bloß eine untergeordnete Rolle. Viele Schiffe waren unzureichend ausgerüstet - und die Telegrafisten, die nur einige wenige Funkgeräte an Bord bedienten, waren durch den privaten Telegrammverkehr oft derart überlastet, dass sie wichtige Meldungen, wie zum Beispiel Eiswarnungen, zwar aufnahmen, aber nicht weiterleiteten.
SOS - berühmtestes Morsezeichen der Welt: 1906 einigte man sich in Berlin auf diese Zeichenfolge als internationales Notrufsignal.
Einprägsames Klangbild
Die erste Welt-Funkkonferenz in Berlin sollte das ändern. Am 10. Oktober 1906 unterzeichneten 27 Länder ein Abkommen zur Annahme und Weiterleitung von Funkmeldungen. Ein Bestandteil dieser Regelung war auch die Einigung auf ein einheitliches und verbindliches Notrufsignal. Das leicht zu morsende und eindeutige SOS löste das schwer verständliche, bereits 1904 von Marconi eingeführte Notrufsignal CQD (Seek you! Distress! = "An alle! Notlage!") ab. Später wurde die neue Buchstabenkombination von einigen Zeitschriften mit Save Our Souls übersetzt - tatsächlich war die Zeichenfolge jedoch nur wegen des einprägsamen Klangbildes gewählt worden.
Eine Anzahl von Schiffsrettungen in der Folgezeit ließ die spezifischen Möglichkeiten der Drahtlostelegrafie positiv ins Bewusstsein der Öffentlichkeit treten. Bis dahin stand man der neuen Technik eher skeptisch gegenüber und bemängelte vor allem die "Nichteinhaltung des Telegrafengeheimnisses". So wurde es als Nachteil angesehen, dass jedermann in Reichweite eines Senders die ausgestrahlten Signale empfangen konnte.
Neue Möglichkeiten
Doch bald schon erkannte man, dass eben diese Rundumwirkung den besonderen Wert jener Technologie ausmachte. 1910 schrieb die Deutsche Verkehrszeitung, dass "nicht die Möglichkeit, zwischen zwei Punkten auch ohne Drahtverbindung telegraphieren zu können" der größte Nutzen der Funktelegrafie sei, sondern ihre Eigenschaft, "dass die Botschaften überall aufgenommen werden können, wo man bereit ist, sie zu empfangen."
Eben hier aber tauchte die nächste Schwierigkeit auf: Bisher war es nicht allgemeine Pflicht, Funkgeräte an Bord zu haben. Erst der Untergang der Titanic am 15. April 1912 sollte den endgültigen Durchbruch bringen: Obwohl das sinkende Schiff SOS und CQD funkte, fing nur die Carpathia die Notrufsignale auf. Mehrere Schiffe befanden sich nur wenige Meilen von der Unglückstelle entfernt - jedoch, ohne Funkgerät an Bord konnte sie der von der Titanic gesendete Hilferuf nicht erreichen.
Hört uns jemand?
Nach diesem Unglück, das mehr als 1.500 Menschenleben forderte, einigte man sich im November 1913 auf der Londoner Titanic-Konferenz darauf, dass alle Schiffe ab einer bestimmten Größe verpflichtet sind, Funkstationen an Bord zu führen und alle halbe Stunde die Notrufsequenz nach möglichen Notrufen abzuhören.
Erst ab 1928 war dann die dauernde Notfallwache am Funkgerät vorgeschrieben. Für neun Jahrzehnte war SOS das Symbol für Warten und Hoffen: Hört uns jemand? Wer kann uns helfen? Wann kommt die Rettung? Und es war Bote herannahender oder bereits geschehener Katastrophen: Hätten wir ohne diesen Notruf per Funk je vom Schicksal der Titanic erfahren?
Ulrike Wolf (aktualisiert 02.04.2012)
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Infobox
Sieg des Unberechenbaren
Die Titanic, eines von drei Schiffen der Olympic-Klasse der britischen Reederei White Star Line, versank in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912. Über 1.500 Menschen starben im eisigen Wasser des Nordatlantik. Seitdem erschienen tausende Bücher über das Unglück, Filme wurden gedreht und jedes Einzelproblem von verschiedensten Seiten beleuchtet.
Allerdings, die Titanic-Katastrophe war schon zum Zeitpunkt des Geschehens nicht das größte Schiffsunglück der Geschichte. Und während des Zweiten Weltkriegs sollten weit opferreichere Schiffsuntergänge die Ereignisse jener tragischen Aprilnacht 1912 in den Schatten stellen. Dennoch ist die Titanic-Katastrophe der bis heute bekannteste Schiffsuntergang geblieben, hat sich am hartnäckigsten im europäischen Gedächtnis festgehakt. Warum?
Der Grund ist ein Schock: Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts, bevor die Titanic unterging, bestimmte Optimismus das Denken in den westlichen Kulturen. Es hatte den Anschein, als wären Gesellschaft und Natur in bisher ungeahntem Ausmaß beherrschbar geworden. Furchtbare Kriege aus irrationalen Gründen, gewaltige Wirtschaftskrisen, Hungersnöte, all das schien an die Ränder der zivilisierten Welt verbannt. Zum Geist der Zeit gehörte das Gefühl des Triumphs.
Symbolhaft für den Triumph stand ein Gebiet, welches traditionell Inbegriff des Gefährlichen war: Wer sich auf See begibt, kommt dort irgendwann um. Das sichere Riesenschiff nun, mit seinem Luxus und mit seinen sozialen Klassen, war Zeichen des vermeintlich endgültigen Sieges. Der Sieger hieß Zivilisation, hieß Technik und rationales Kalkül. Das Unberechenbare galt als Verlierer, in den Köpfen wie in der Natur, auf dem Ozean wie in den Beziehungen zwischen den Menschen.
Der Untergang der Titanic raunte Europa die düstere Warnung zu, dass solche Siege in Wahrheit nicht möglich sind. Europa, einst Geburtsort des Fortschrittsglaubens neben den Vereinigten Staaten, traf die heraufdämmernde Erkenntnis hart. Der Schock drang tief ins kollektive Gedächtnis, vor allem im Licht dessen, was kurze Zeit später kam.
Nur gut zwei Jahre nach dem desillusionierenden Schiffsuntergang brach die Urkatastrophe über den Kontinent herein. Es war, als hätte das eine das andere vorbereitet: Der Erste Weltkrieg, ein Krieg, den niemand wollte, begann im August 1914. Die Zivilisation war sein Verlierer.
Die Titanic, eines von drei Schiffen der Olympic-Klasse der britischen Reederei White Star Line, versank in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912. Über 1.500 Menschen starben im eisigen Wasser des Nordatlantik. Seitdem erschienen tausende Bücher über das Unglück, Filme wurden gedreht und jedes Einzelproblem von verschiedensten Seiten beleuchtet.
Allerdings, die Titanic-Katastrophe war schon zum Zeitpunkt des Geschehens nicht das größte Schiffsunglück der Geschichte. Und während des Zweiten Weltkriegs sollten weit opferreichere Schiffsuntergänge die Ereignisse jener tragischen Aprilnacht 1912 in den Schatten stellen. Dennoch ist die Titanic-Katastrophe der bis heute bekannteste Schiffsuntergang geblieben, hat sich am hartnäckigsten im europäischen Gedächtnis festgehakt. Warum?
Der Grund ist ein Schock: Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts, bevor die Titanic unterging, bestimmte Optimismus das Denken in den westlichen Kulturen. Es hatte den Anschein, als wären Gesellschaft und Natur in bisher ungeahntem Ausmaß beherrschbar geworden. Furchtbare Kriege aus irrationalen Gründen, gewaltige Wirtschaftskrisen, Hungersnöte, all das schien an die Ränder der zivilisierten Welt verbannt. Zum Geist der Zeit gehörte das Gefühl des Triumphs.
Symbolhaft für den Triumph stand ein Gebiet, welches traditionell Inbegriff des Gefährlichen war: Wer sich auf See begibt, kommt dort irgendwann um. Das sichere Riesenschiff nun, mit seinem Luxus und mit seinen sozialen Klassen, war Zeichen des vermeintlich endgültigen Sieges. Der Sieger hieß Zivilisation, hieß Technik und rationales Kalkül. Das Unberechenbare galt als Verlierer, in den Köpfen wie in der Natur, auf dem Ozean wie in den Beziehungen zwischen den Menschen.
Der Untergang der Titanic raunte Europa die düstere Warnung zu, dass solche Siege in Wahrheit nicht möglich sind. Europa, einst Geburtsort des Fortschrittsglaubens neben den Vereinigten Staaten, traf die heraufdämmernde Erkenntnis hart. Der Schock drang tief ins kollektive Gedächtnis, vor allem im Licht dessen, was kurze Zeit später kam.
Nur gut zwei Jahre nach dem desillusionierenden Schiffsuntergang brach die Urkatastrophe über den Kontinent herein. Es war, als hätte das eine das andere vorbereitet: Der Erste Weltkrieg, ein Krieg, den niemand wollte, begann im August 1914. Die Zivilisation war sein Verlierer.
Infobox
Wenn ein Schiff...
in Seenot gerät, hat es die Möglichkeit, mittels Funknotruf oder anderer Notsignale auf sich aufmerksam zu machen. Bei der Verwendung von Funk hat das Notrufsignal absolute Priorität.
Nach internationalem Seerecht (Genfer Abkommen II von 1949) sind alle Schiffe, die ein solches Notrufsignal aufnehmen, dazu verpflichtet, unverzüglich darauf zu reagieren, das heißt, ihre Fahrt zu unterbrechen, um Hilfe zu leisten - es sei denn, sie würden sich beim Rettungsversuch selbst in Gefahr bringen - beziehungsweise andere Schiffe zu benachrichtigen.
Geht auf einem Schiff eine Notrufmeldung ein, hat es den Eingang zunächst einmal zu bestätigen. Danach muss es versuchen, per Funk das in Not befindliche Schiff anzupeilen und Kontakt aufzunehmen, um dessen Namen, Position und Geschwindigkeit zu erfahren.
Hat es das verunglückte Schiff schließlich erreicht, wird zunächst die Besatzung evakuiert, je nach Art der Havarie folgen dann Löschversuche, das Abbergen des Schiffes beziehungsweise das Schleppen in den nächstgelegenen Hafen. Bei größeren Havarien ist es zudem wichtig, eventuelle Umweltschäden - durch auslaufenden Treibstoff oder Ladung des in Seenot geratenen Schiffes - zu verhindern.
in Seenot gerät, hat es die Möglichkeit, mittels Funknotruf oder anderer Notsignale auf sich aufmerksam zu machen. Bei der Verwendung von Funk hat das Notrufsignal absolute Priorität.
Nach internationalem Seerecht (Genfer Abkommen II von 1949) sind alle Schiffe, die ein solches Notrufsignal aufnehmen, dazu verpflichtet, unverzüglich darauf zu reagieren, das heißt, ihre Fahrt zu unterbrechen, um Hilfe zu leisten - es sei denn, sie würden sich beim Rettungsversuch selbst in Gefahr bringen - beziehungsweise andere Schiffe zu benachrichtigen.
Geht auf einem Schiff eine Notrufmeldung ein, hat es den Eingang zunächst einmal zu bestätigen. Danach muss es versuchen, per Funk das in Not befindliche Schiff anzupeilen und Kontakt aufzunehmen, um dessen Namen, Position und Geschwindigkeit zu erfahren.
Hat es das verunglückte Schiff schließlich erreicht, wird zunächst die Besatzung evakuiert, je nach Art der Havarie folgen dann Löschversuche, das Abbergen des Schiffes beziehungsweise das Schleppen in den nächstgelegenen Hafen. Bei größeren Havarien ist es zudem wichtig, eventuelle Umweltschäden - durch auslaufenden Treibstoff oder Ladung des in Seenot geratenen Schiffes - zu verhindern.
Infobox
Seenot liegt vor,...
wenn Wasserfahrzeuge in Situationen geraten, aus denen unmittelbare und unabwendbare Gefahren für Schiff und Besatzung resultieren und ohne fremde Hilfe der Untergang des Schiffes oder Gefahr für Gesundheit und Leben von Mannschaft und Passagieren droht.
Ursachen dafür können beispielsweise schlechtes Wetter, Havarien, Manövrierunfähigkeit durch technische Defekte (wie etwa durch Brände, Explosionen, Maschinenschäden, Wassereinbruch und Ruderbruch), Grundberührung, Kollisionen mit anderen Schiffen oder Eisbergen, Fehler der Crew bei der Navigation oder Beladung des Schiffes sowie falsch gegebene beziehungsweise falsch ausgeführte Anweisungen sein.
Erleidet das Schiff jedoch Beschädigungen, von denen weder für das Fahrzeug noch für Leib und Leben der Menschen an Bord unmittelbare Gefahr ausgeht, herrscht keine Seenot. In solchen Fällen ist es nicht erlaubt, einen Notsignalruf zu senden, um die Hilfe anderer Schiffe anzufordern.
wenn Wasserfahrzeuge in Situationen geraten, aus denen unmittelbare und unabwendbare Gefahren für Schiff und Besatzung resultieren und ohne fremde Hilfe der Untergang des Schiffes oder Gefahr für Gesundheit und Leben von Mannschaft und Passagieren droht.
Ursachen dafür können beispielsweise schlechtes Wetter, Havarien, Manövrierunfähigkeit durch technische Defekte (wie etwa durch Brände, Explosionen, Maschinenschäden, Wassereinbruch und Ruderbruch), Grundberührung, Kollisionen mit anderen Schiffen oder Eisbergen, Fehler der Crew bei der Navigation oder Beladung des Schiffes sowie falsch gegebene beziehungsweise falsch ausgeführte Anweisungen sein.
Erleidet das Schiff jedoch Beschädigungen, von denen weder für das Fahrzeug noch für Leib und Leben der Menschen an Bord unmittelbare Gefahr ausgeht, herrscht keine Seenot. In solchen Fällen ist es nicht erlaubt, einen Notsignalruf zu senden, um die Hilfe anderer Schiffe anzufordern.




