Die verliebte Geisel
Entführungen sind emotionale Ausnahmesituationen für alle Beteiligten. Was geht in den Opfern vor? Ein Banküberfall 1973 in Stockholm brachte überraschende Erkenntnisse zutage.In den Händen von Entführern: Manche Opfer entwickeln Sympathien für ihre Peiniger - weil es die Lage entspanne, meinen Psychologen.
131 Stunden "Party"
Olsson nimmt vier Bankangestellte als Geiseln und erreicht, dass der landesweit bekannte Verbrecher Clark Olofsson aus dem Gefängnis zu ihm gebracht wird. Außerdem fordert Olsson drei Millionen Kronen (nach heutigem Wert rund 300.000 Euro), schussfeste Westen, Helme, Waffen und Fluchtfahrzeug. 131 Stunden sollte "the party" dauern - bis zum 28. August, neun Uhr abends.
Kein gewöhnlicher Banküberfall
Bis dahin waren die vier Geiseln - Elisabeth (21), Kristin (23), Brigitte (31) und Sven (25) - in der Gewalt der Geiselnehmer. Am 26. August, knapp zwei Drittel der "Party" sind vorüber, bohren Polizisten aus dem darüber liegenden Stockwerk ein Loch in die Decke des Kassenraums. Von den Bankräubern unbemerkt installieren Techniker dort eine Überwachungskamera. Ebenjene "polizeitaktische Maßnahme" hob den Norrmalmstorg-Überfall aus der Reihe "gewöhnlicher" schwerer Banküberfälle heraus. Denn die Videoaufzeichnung förderte Überraschendes zutage.
Patty Hearst im April 1974: Sie überfällt mit ihren ehemaligen Entführern eine Bank.
Psychologen sprechen seither vom Stockholm-Syndrom, wenn es gilt, das paradox anmutende Verhalten mancher Opfer in derartigen Situationen zu charakterisieren: Auf die als natürlich empfundene Schockphase folgen nicht etwa Abwehr und Hass, sondern deutliche Zeichen von Solidarität gegenüber den Geiselnehmern. Verständnis, ja Zuneigung entstehen - je mehr, je länger die Geiselnahme dauert. Am Ende kooperieren die Opfer mit den Tätern, verweigern sogar die Flucht, selbst wenn es jede Menge Chancen gibt.
Von Peru...
Eine ganze Kette dramatischer Ereignisse scheint die These vom speziellen, krankhaften und schwer erklärbaren Syndrom zu stützen. Bekannt wurde etwa der Fall der 1974 verschleppten Enkelin des US-amerikanischen Verlegermoguls William Randolph Hearst: Patty, damals 19, schloss sich begeistert den Geiselnehmern an. 1996/97 bekundeten viele der über vierhundert Geiseln in der japanischen Botschaft in Lima Sympathie mit den politischen Zielen ihrer Peiniger.
... bis in den Irak
1996 erregte ein Foto Aufmerksamkeit, auf dem die in Costa Rica entführte Deutsche Nicola Flechthaus ihren Kidnapper küsst. Den nicht bis ins letzte geklärten Verlauf der Entführung der Archäologin Susanne Osthoff im Irak im Dezember 2005 führen Experten auf ähnliche Phänomene zurück. Und schließlich meint man, Entführungsaktionen der Rote Armee Fraktion (RAF) aus den 1960er und 1970er Jahren anhand des Stockholm-Syndroms besser deuten zu können...
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Der Fall Natascha Kampusch
Am 2. März 1998 verschwindet die 10jährige Natascha Kampusch auf dem Weg zur Schule in Wien. Eine Freundin gibt bei der Polizei an, sie habe gesehen, wie das Kind in einen Kleintransporter gezerrt wurde. Rund eintausend Fahrzeuge in und um Wien werden kontrolliert, doch die Fahndung nach der Entführten bleibt erfolglos.
Achteinhalb Jahre später die Sensation: In Strasshof in Niederösterreich taucht Natascha Kampusch wieder auf. Einzelheiten ihrer Gefangenschaft kommen ans Licht: In einer Grube unter einem Einfamilienhaus hatte ihr Entführer, der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, sie festgehalten. Anfangs blieb das Mädchen pausenlos in dem mit Bett, Fernseher, WC und Waschgelegenheit ausgestatteten Raum eingesperrt.
Später nahm Priklopil Natascha gelegentlich mit zum Einkaufen oder zum Spazierengehen. Als der Entführer seine Gefangene am 23. August 2006 im Garten für einen Augenblick aus den Augen ließ, floh sie aufs Nachbargrundstück und benachrichtigte von dort die Polizei. Priklopil konnte nicht mehr gefasst werden: Er warf sich nur wenige Stunden später vor einen Zug.
3.096 Tage war Natascha Kampusch in der Hand des Entführers. Was geht in einem Menschen dabei vor? "Schweres Stockholm-Syndrom", beurteilen einige Experten die Lage rasch: Natascha hätte Gefühle für Priklopil gehabt und wäre deswegen so lange bei ihm geblieben. Es gibt aber auch andere Erklärungen dafür: Priklopil übte wohl enormen psychischen Druck auf seine Gefangene aus und drohte ihr, sie zu töten, wenn sie mit Fremden Kontakt aufnehme. Derart eingeschüchtert, soll sie es nicht gewagt haben, sich von ihm zu entfernen.
Am 2. März 1998 verschwindet die 10jährige Natascha Kampusch auf dem Weg zur Schule in Wien. Eine Freundin gibt bei der Polizei an, sie habe gesehen, wie das Kind in einen Kleintransporter gezerrt wurde. Rund eintausend Fahrzeuge in und um Wien werden kontrolliert, doch die Fahndung nach der Entführten bleibt erfolglos.
Achteinhalb Jahre später die Sensation: In Strasshof in Niederösterreich taucht Natascha Kampusch wieder auf. Einzelheiten ihrer Gefangenschaft kommen ans Licht: In einer Grube unter einem Einfamilienhaus hatte ihr Entführer, der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, sie festgehalten. Anfangs blieb das Mädchen pausenlos in dem mit Bett, Fernseher, WC und Waschgelegenheit ausgestatteten Raum eingesperrt.
Später nahm Priklopil Natascha gelegentlich mit zum Einkaufen oder zum Spazierengehen. Als der Entführer seine Gefangene am 23. August 2006 im Garten für einen Augenblick aus den Augen ließ, floh sie aufs Nachbargrundstück und benachrichtigte von dort die Polizei. Priklopil konnte nicht mehr gefasst werden: Er warf sich nur wenige Stunden später vor einen Zug.
3.096 Tage war Natascha Kampusch in der Hand des Entführers. Was geht in einem Menschen dabei vor? "Schweres Stockholm-Syndrom", beurteilen einige Experten die Lage rasch: Natascha hätte Gefühle für Priklopil gehabt und wäre deswegen so lange bei ihm geblieben. Es gibt aber auch andere Erklärungen dafür: Priklopil übte wohl enormen psychischen Druck auf seine Gefangene aus und drohte ihr, sie zu töten, wenn sie mit Fremden Kontakt aufnehme. Derart eingeschüchtert, soll sie es nicht gewagt haben, sich von ihm zu entfernen.



