Die "klassische" Erklärung des Stockholm-Syndroms: Opfer fallen in kindliche Muster zurück. (Nachgestellte Szene)
Rationales Opferverhalten
Aus der Perspektive solcher "Notgemeinschaften" betrachtet, sei das Verhalten des Opfers sogar rational: Es gestatte "freundliche" Beziehungen zum Täter, entspanne die Lage und habe den Vorteil optimaler "Existenzsicherung" für sich. Doch warum setzt sich, wie Beobachtungen zeigen, das positive, hoch emotionale Verhältnis vieler Opfer zu "ihren" Tätern auch nach der Befreiung fort? Neuerdings neigen Fachleute dazu, einerseits das Stockholm-Syndrom als besondere, klinisch klar abgrenzbare Erscheinung in Frage zu stellen - und ihm andererseits eine viel umfassendere Bedeutung zu geben: Stockholm ist nämlich (fast) überall!
Geliebte, Mitarbeiter, Soldaten
Zumindest ist es tendenziell überall dort, wo zwischen Menschen hierarchische Abstufungen bestehen. Unausgewogene Liebesbeziehungen, die Beziehung des Angestellten zum autoritären Chef, die Beziehung des Soldaten zum Vorgesetzten, der ihn in die Gefahrenzone treibt - sie alle sind ja nicht selten emotional positiv besetzt, von einer Außenstehenden häufig unverständlichen Anhänglichkeit, einer den sachlichen "Erwachseneninteressen" des Opfers zuwiderlaufenden Verehrung gezeichnet.
Folterinstrumente, wie sie im Mittelalter zum Einsatz kamen. Auch bei Folteropfern wurden positiv besetzte Bindungen an Täter, ähnlich dem Stockholm-Syndrom, beobachtet (siehe Infobox).
Markiert die Geiselnahme, als extrem unbalancierte Machtrelation, nur die Spitze des Eisbergs, dessen Basis in kindlicher Sozialisation, in fortgesetzter sozialer Übung liegt? Aus Existenzangst, mehr noch aus Angst vor psychisch schwer zu ertragenden Konstellationen, die Widerstand und Abgrenzung mit sich brächten, könnten Menschen ganz allgemein dazu neigen, sich mit dem Unterdrücker, dem Täter, zu identifizieren, dessen Ziele und Werte zu übernehmen.
Anthropologische Konstante?
Die Regression auf kindliche Handlungsmuster fände dann eben nicht nur in Extremsituationen statt, viel öfter hingegen - obwohl weniger augenfällig - in der täglichen Normalität. Keineswegs pathologisch wäre folglich auch das Verhalten der verliebten Geisel: Es würde schlicht auf eine Grundtatsache gesellschaftlichen Daseins verweisen, vielleicht sogar auf eine anthropologische Konstante - untrennbar mit dem Menschsein verknüpft.
Ohne Bewusstsein keine Autonomie
Dergleichen Theorie wirft mehr Fragen auf als sie beantworten kann. Klar ist jedoch: Quelle von Autonomie, von kritischer Distanz zu jeder Form von Unterdrückung, sind die bewussten Kräfte des menschlichen Gehirns. Das Bewusstmachen unbewusster Zusammenhänge dürfte hier sinnvoll und notwendig sein. Die Geiselnahme am Norrmalmstorg endete übrigens mit einer kurzen, wirkungsvollen Machtdemonstration: Als sonst nichts mehr half, pumpten Polizisten Betäubungsgas in den Kassenraum - durch das Loch, durch das vorher der Einblick per Kamera möglich war. Zu Schaden kam nur eine Geisel, indem sie sich mit Bankräuber Olsson verlobte. Wie die Liaison ausging, blieb unbekannt.
Michael Schmittbetz (31.01.2008)
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Infobox
Treten dem Stockholm-Syndrom ähnelnde Erscheinungen auch bei Folteropfern auf? Diese Frage wird eher kontrovers diskutiert. Zwar ist die Traumatisierung des Opfers vermutlich noch weit erheblicher als bei einer Entführung oder Geiselnahme, doch die eindeutige Brutalität von Folter erschwert normalerweise Identifikationen des Opfers mit Zielen und Werten des Täters.
Ein Spezialfall, und gleichzeitig die psychologisch wohl abgefeimteste Art von Folter, lässt sich bildlich so beschreiben: mit der rechten Hand einen Menschen quälen, und mit der linken - dessen Hände streicheln. Tatsächlich ist das Entstehen von positiv besetzten Bindungen des Opfers an den Folterer möglich und auch beobachtet worden.
Bemerkenswert ist, dass dies wahrscheinlich kaum je bei politischen Folteropfern der Fall war: Die bewusste und klare Frontstellung scheint hier eventuell ablaufende unterbewusste Prozesse und Regressionen zu kompensieren.
Ein Spezialfall, und gleichzeitig die psychologisch wohl abgefeimteste Art von Folter, lässt sich bildlich so beschreiben: mit der rechten Hand einen Menschen quälen, und mit der linken - dessen Hände streicheln. Tatsächlich ist das Entstehen von positiv besetzten Bindungen des Opfers an den Folterer möglich und auch beobachtet worden.
Bemerkenswert ist, dass dies wahrscheinlich kaum je bei politischen Folteropfern der Fall war: Die bewusste und klare Frontstellung scheint hier eventuell ablaufende unterbewusste Prozesse und Regressionen zu kompensieren.



