"Teufelsmühlen"
Zweieinhalb Jahrhunderte später ist das Streben nach Effektivität und Gewinn unverändert. Die Fabrikarbeit aber hat sich gewandelt - die Menschen verschwinden aus den Fabriken.Ein Blick auf Unterkünfte von Londoner Fabrikarbeitern. Hundeleben nannte der Maler Gustave Doré das Bild von 1872.
Nach allen Regeln der Vernunft wäre das ein höchst erfreulicher Prozess: Millionen Menschen hätten - folgte die Realität dieser Vernunft - mehr Freizeit, mehr Gelegenheit, außerhalb von Zwängen Entfaltung zu suchen. Stattdessen erzeugt der Produktivitätsfortschritt Angst: Firmen, die Gewinne erwirtschaften, bauen Arbeitsplätze ab; Technik scheint sich gegen den Menschen zu wenden. Woher kommt das? Eine Antwort liegt in der Geschichte der Industrialisierung.
"Herz der Zivilisation"
Die Geburt der Fabrik war auch die Geburt unsäglichen Elends. Zu einer Zeit, als England längst Vorbild der industriellen Revolution auf dem Kontinent geworden war, sagen wir um das Jahr 1830, bot London, das "Herz der Zivilisation", folgendes Bild: In weitem Bogen östlich der City erstreckten sich Armutsquartiere. Slums machten den übergroßen Teil des kommunalen Territoriums aus. Zwischen dem ehrwürdigen Stadtkern, mit seinen Palästen, seinen Banken und Häusern der Reichen, und dem verrufenen Londoner Osten verlief eine fast undurchlässige Grenze.
Arbeitende Arme
Dabei waren die Bewohner der Slums keinesfalls durchweg bettelnde Müßiggänger: Sie waren "arbeitende Arme" in den dampfgetriebenen Baumwollspinnereien und Eisenwerken, deren Rauchentwicklung die Stadt häufig mit dem berühmten Londoner Nebel umhüllte. Groß- und Urgroßeltern dieser Unterschichtangehörigen hatten noch als Bauern, irgendwo auf den weiten Landflächen Cornwalls und Kents, das tägliche Brot erworben.
Gewaltsamer Protest
Natürlich, auch das Leben jener Groß- und Urgroßeltern war alles andere als paradiesisch. Dennoch: Gerade neuere Forschungen belegen den dramatischen Verfall des Lebensstandards breitester Massen vom ausgehenden Mittelalter bis in die Periode der frühen Industrialisierung. Besonders daraus erklärt sich mancher Widerstand: Weil die industrielle Revolution ihren Ausgangspunkt in der Textilherstellung hatte, richteten sich frühe gewaltsame Proteste etwa gegen die Spinning Jenny des Webers und Erfinders James Hargreaves (1720 bis 1778), ebenso gegen mechanisierte Sägemühlen und Papierfabriken.
Dissonante Begleitmusik
Die Ludditen, eine Bewegung ursprünglich um den Strumpfwirker Ned "King" Ludd, wurden legendär. Als "Maschinenstürmerei" ging ihre dissonante Begleitmusik zu weiten Teilen der englischen industriellen Revolution in die Geschichtsbücher ein. Mittels regelrechter Schlachten warf britisches Militär zahlreiche Aufstände nieder.
Wichtig ist hier, was heute oft verschwiegen wird: Der Kampf galt nicht besseren Arbeitsbedingungen oder höheren Löhnen. Die Ludditen - und ihre europäischen Genossen in Geist und Tat - bekämpften das System der industriellen Warenproduktion im Ganzen, sahen darin die Maschinerie einer neuen Sklaverei.
So genannte Weberschiffchen gehören zur Webmaschine, die es seit 1800 gibt. - Das Weberhandwerk verschwand in den folgenden Jahrzehnten.
Wie und warum entstand solche Maschinerie, trotz Elends und trotz Protests? Bis in die Neuzeit hinein war der Alltag der einfachen Menschen geprägt von beinahe konkurrenzfreier Wirtschaftsweise: Landwirtschaftliche Produkte verkaufte man auf lokalen Märkten; auf dem Gebiet des Handwerks setzten Zünfte strenge Regeln und begrenzten Neuerungen, die auf Kosten der Nachbarproduzenten gegangen wären. Überdies diente ein Großteil aller Erzeugnisse der Selbstversorgung.
Akkumulation des Kapitals
Erst das Aufkommen nationalstaatlicher Mächte brach die alten Schranken entzwei. Kolonialer Handel - nun möglich dank starker Flotten - brachte Reichtümer ins Land. Adlige Grundbesitzer, assistiert von starken Zentralgewalten, akkumulierten Kapital. Beruhend auf neuem religiösen Glauben - der Calvinismus, eine Spielart des Protestantismus, spielte dabei die ausschlaggebende Rolle - wuchs unternehmerisches Denken heran.
"Freies Spiel der Kräfte"
Das Kapital floss in Manufakturen, deren billig erzeugte Produkte Handwerker um ihre Existenzen brachten. Im "freien Spiel der Kräfte" - hin und wieder befördert von Bajonetten der Zentralgewalt - verloren Bauern ihre Höfe, da Ackerland als Weidefläche für Schafe benötigt wurde, deren Wolle in profitablen Textilmanufakturen landete. So standen bald "freie" Arbeitskräfte in ausreichender Zahl bereit...
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Fabrik, Gefängnis - sowie psychiatrische Anstalt - sind drei wichtige Einrichtungen der Neuzeit, die zudem einen gemeinsamen Vorläufer haben: Es ist das Arbeitshaus, welches ungefähr ab der Mitte des 17. Jahrhunderts Entwurzelte, Arme und psychisch auffällige Menschen unter die sozialen Normen pressen sollte. Die Methode der andauernden Überwachung, Grundlage für das spätere Fabriksystem, fand bald auch ihre architektonische Idealform: Mit dem Panoptikum - einem runden, turmartigen Bau, in dem, ausgehend vom zentralen Überwachungsraum, sternförmig nach außen hin Zellentrakte verlaufen - schuf der liberale Philosoph Jeremy Bentham (1748 bis 1832) das universelle Design.



