Das Kapital floss in Manufakturen, deren billig erzeugte Produkte Handwerker um ihre Existenzen brachten. Im "freien Spiel der Kräfte" - hin und wieder befördert von Bajonetten der Zentralgewalt - verloren Bauern ihre Höfe, da Ackerland als Weidefläche für Schafe benötigt wurde, deren Wolle in profitablen Textilmanufakturen landete. So standen bald "freie" Arbeitskräfte in ausreichender Zahl bereit.
Die "unsichtbare Hand"
Ideologisch flankierend schufen findige Köpfe - allen voran der schottische Nationalökonom Adam Smith (1723 bis 1790) - die liberale Wirtschaftstheorie: Der Wert jeder Ware, auch der Ware Arbeitskraft, erweist sich über den Preis. Selbstregulation heißt das non plus ultra. "Motor" und Zentrum der wunderbaren Selbstregulation ist die "unsichtbare Hand", das Prinzip der freien, anonymen Märkte. Ein "maschinelles" Gesellschaftsmodell trat da hervor, welches Folgen haben sollte.
Alptraum Fabrik
Technologisch markiert die zentrale Antriebseinheit den Übergang von der Manufaktur zur Fabrik. Sie, die den Takt vorgibt und den Einzelnen unmittelbar körperlich unterwirft, konnte zunächst eine Wassermühle sein, bald war es die Dampfmaschine. Mit der genialen Erfindung des Thomas Newcomen (1663 bis 1729) - James Watt verbesserte sie ab 1765 entscheidend - gewann das Fabriksystem an Tiefe: Nicht mehr nur Textilien, jedes Erzeugnis wurde potenziell Ergebnis fabrikmäßiger Produktion.
"Zwischen finsteren Mühlen des Satans"
Die Dampfmaschine unterwarf auch ihre eigenen "Futterquellen", die Kohlegruben, dem neuen Gesetz. Per Dampfmaschine geriet das Fabriksystem endgültig zu jenem Alptraum, den der romantische Dichter und Maler William Blake (1757 bis 1827) in poetische Worte fasste: "Und schien einst Gottes Angesicht/ Auf unsere bewölkte Flur?/ Und wurde Jerusalem erbaut/ Zwischen finsteren Mühlen des Satans nur?"
Das Paradox des Systems
Spannender als aller technologische Wandel ist für uns heute das Schicksal der Menschen, die der Moloch des Fabriksystems in seinen Bannkreis zog. War man oben angebunden auf der Maschinerie, regierten die eisernen Regeln der Konkurrenz: betriebswirtschaftliche Logik entschied über Profit oder Ruin.
Produzieren zu immer geringeren Kosten, mit immer weniger, immer billigeren "Händen" pro Ergebnis, musste von nun an die Devise sein. Das Fabriksystem erzeugte also sein eigenes Paradox: Technischer Fortschritt wendet sich gegen jene, die ihn tragen, bringt sie um Lohn und Brot. Alternativen gibt es - anscheinend - keine, weil möglichem Verweigern der Zusammenbruch des Unternehmens auf dem Fuße folgt.
Liberalismus und Staat
Die große Mehrheit freilich ist unten an die Maschinerie gebunden. Sie gilt es fortan zu disziplinieren, und an ihre wenig natürliche Haltung zu gewöhnen. Zwar ruft allein der Lohndruck immense Zwänge hervor - Kinderarbeit, zu Billiglöhnen, hat damals hohe Zeit - aber das allein kann auf Dauer nicht genügen. Genau hier braucht die unsichtbare Hand des Liberalismus wieder den Staat: Vorschriften, die bis ins Detail das Arbeitsverhalten bestimmen, Polizei, Überwachung sind die andere Seite des "selbstregulierenden" Systems.
Vor allem aber soll der historisch noch junge Zustand so rasch wie möglich als Normalität allgemeine Anerkennung finden. Konkurrenz, Lohnarbeit und soziales Aufsichselbstgestelltsein werden daher glatt als "Naturgesetze" verkauft. Wie ein Naturgesetz beschreibt etwa der Pfarrer Thomas R. Malthus (1766 bis 1834) das Phänomen der "Überbevölkerung".
Die "zu viel" sind
Die zu viel sind, das sind selbstverständlich die Mittellosen, die das Fabriksystem ausgestoßen hat: "Kriege - die stille, aber sichere Vernichtung von Menschenleben in großen Städten und Fabriken - und die engen Wohnungen und ungenügende Nahrung vieler Armen - hindern die Bevölkerung daran, über die Subsistenzmittel hinaus zu wachsen", können wir in den Schriften des Geistlichen lesen. Epidemien, so der Pfarrer, wirkten etwa in die gleiche segensreiche Richtung, weshalb man die Natur nicht hindern solle.
Ungeachtet des geballten Zynismus liberaler Intellektueller steht das junge Fabriksystem spätestens am Beginn des 19. Jahrhunderts vor einem objektiven Problem, der "sozialen Frage": Dauerüberwachung, Kriege, selbst Epidemien, verursachen immerhin Kosten, gesellschaftliche "Nebenkosten" der Fabrik.
Selbstkonditionierung statt Kontrolle
Der technologische Fortschritt ruft überdies nach einem neuen Typ des "Arbeitnehmers": "eigenverantwortlich", aktiv und technisch gebildet. Selbstkonditionierung soll also an die Stelle äußeren Druckes treten, abgestützt durch soziale Standards und klar umgrenzte Mitspracherechte. Seinen Höhepunkt erreicht all das im Gefolge weiterer industrieller Revolutionen - "Revolutionen", die das Aussehen der Fabrik gründlich ändern werden.
Michael Schmittbetz (30.11.2006)
Die "unsichtbare Hand"
Ideologisch flankierend schufen findige Köpfe - allen voran der schottische Nationalökonom Adam Smith (1723 bis 1790) - die liberale Wirtschaftstheorie: Der Wert jeder Ware, auch der Ware Arbeitskraft, erweist sich über den Preis. Selbstregulation heißt das non plus ultra. "Motor" und Zentrum der wunderbaren Selbstregulation ist die "unsichtbare Hand", das Prinzip der freien, anonymen Märkte. Ein "maschinelles" Gesellschaftsmodell trat da hervor, welches Folgen haben sollte.
Alptraum Fabrik
Technologisch markiert die zentrale Antriebseinheit den Übergang von der Manufaktur zur Fabrik. Sie, die den Takt vorgibt und den Einzelnen unmittelbar körperlich unterwirft, konnte zunächst eine Wassermühle sein, bald war es die Dampfmaschine. Mit der genialen Erfindung des Thomas Newcomen (1663 bis 1729) - James Watt verbesserte sie ab 1765 entscheidend - gewann das Fabriksystem an Tiefe: Nicht mehr nur Textilien, jedes Erzeugnis wurde potenziell Ergebnis fabrikmäßiger Produktion.
"Zwischen finsteren Mühlen des Satans"
Die Dampfmaschine unterwarf auch ihre eigenen "Futterquellen", die Kohlegruben, dem neuen Gesetz. Per Dampfmaschine geriet das Fabriksystem endgültig zu jenem Alptraum, den der romantische Dichter und Maler William Blake (1757 bis 1827) in poetische Worte fasste: "Und schien einst Gottes Angesicht/ Auf unsere bewölkte Flur?/ Und wurde Jerusalem erbaut/ Zwischen finsteren Mühlen des Satans nur?"
Das Paradox des Systems
Spannender als aller technologische Wandel ist für uns heute das Schicksal der Menschen, die der Moloch des Fabriksystems in seinen Bannkreis zog. War man oben angebunden auf der Maschinerie, regierten die eisernen Regeln der Konkurrenz: betriebswirtschaftliche Logik entschied über Profit oder Ruin.
Produzieren zu immer geringeren Kosten, mit immer weniger, immer billigeren "Händen" pro Ergebnis, musste von nun an die Devise sein. Das Fabriksystem erzeugte also sein eigenes Paradox: Technischer Fortschritt wendet sich gegen jene, die ihn tragen, bringt sie um Lohn und Brot. Alternativen gibt es - anscheinend - keine, weil möglichem Verweigern der Zusammenbruch des Unternehmens auf dem Fuße folgt.
Durch Dampfmaschinen, hier ein Exponat des Industriemuseums Chemnitz , gewann das Fabriksystem an Tiefe: Nahezu alles konnte nun zur Fabrikware werden.
Die große Mehrheit freilich ist unten an die Maschinerie gebunden. Sie gilt es fortan zu disziplinieren, und an ihre wenig natürliche Haltung zu gewöhnen. Zwar ruft allein der Lohndruck immense Zwänge hervor - Kinderarbeit, zu Billiglöhnen, hat damals hohe Zeit - aber das allein kann auf Dauer nicht genügen. Genau hier braucht die unsichtbare Hand des Liberalismus wieder den Staat: Vorschriften, die bis ins Detail das Arbeitsverhalten bestimmen, Polizei, Überwachung sind die andere Seite des "selbstregulierenden" Systems.
Vor allem aber soll der historisch noch junge Zustand so rasch wie möglich als Normalität allgemeine Anerkennung finden. Konkurrenz, Lohnarbeit und soziales Aufsichselbstgestelltsein werden daher glatt als "Naturgesetze" verkauft. Wie ein Naturgesetz beschreibt etwa der Pfarrer Thomas R. Malthus (1766 bis 1834) das Phänomen der "Überbevölkerung".
Die "zu viel" sind
Die zu viel sind, das sind selbstverständlich die Mittellosen, die das Fabriksystem ausgestoßen hat: "Kriege - die stille, aber sichere Vernichtung von Menschenleben in großen Städten und Fabriken - und die engen Wohnungen und ungenügende Nahrung vieler Armen - hindern die Bevölkerung daran, über die Subsistenzmittel hinaus zu wachsen", können wir in den Schriften des Geistlichen lesen. Epidemien, so der Pfarrer, wirkten etwa in die gleiche segensreiche Richtung, weshalb man die Natur nicht hindern solle.
Ungeachtet des geballten Zynismus liberaler Intellektueller steht das junge Fabriksystem spätestens am Beginn des 19. Jahrhunderts vor einem objektiven Problem, der "sozialen Frage": Dauerüberwachung, Kriege, selbst Epidemien, verursachen immerhin Kosten, gesellschaftliche "Nebenkosten" der Fabrik.
Selbstkonditionierung statt Kontrolle
Der technologische Fortschritt ruft überdies nach einem neuen Typ des "Arbeitnehmers": "eigenverantwortlich", aktiv und technisch gebildet. Selbstkonditionierung soll also an die Stelle äußeren Druckes treten, abgestützt durch soziale Standards und klar umgrenzte Mitspracherechte. Seinen Höhepunkt erreicht all das im Gefolge weiterer industrieller Revolutionen - "Revolutionen", die das Aussehen der Fabrik gründlich ändern werden.
Michael Schmittbetz (30.11.2006)
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