Die "gemeine Hure"
Ist Geld eine zweite Natur des Menschen? Tatsächlich verging viel Zeit, bis sich Geld in allen Bereichen des Lebens etabliert hatte. Proteste gegen manche Wirkung des Geldes setzten dann aber unverzüglich ein.... dass Tieren wird die Herrschaft dieser Welt: Shakespeare artikulierte um 1606 in Timon von Athen einen der bekanntesten Proteste gegen das Geld.
Ein historisch junges Phänomen
Dabei, das Geld kam nicht mit dem Menschen auf die Welt: Jeder flüchtige Blick auf Europas Geschichte zeigt, dass die Geldwirtschaft als umfassendes Phänomen eher jung ist, und erst etwa ab dem 13. Jahrhundert existiert. Gewiss, Kaurimuscheln als Tauschmaßstab gab es woanders längst; die Antike kannte Münzen unterschiedlichster Gestalt. Fragen wir aber, von welchem Abschnitt der historischen Entwicklung an Geld tatsächlich Lebensweisen bestimmte, dann landen wir im ausgehenden Mittelalter.
Stil des Daseins
Es war der Soziologe Georg Simmel (1858 bis 1918), der auf diese fast außerökonomische Bedeutung des Geldes verwies: Je mehr das Leben der Gesellschaft geldwirtschaftlich wird, umso unausweichlicher formt es den Stil menschlichen Daseins, bis hin zu Gestik und Sprache. Dass der Protest gegen das Geld - gegen seine bis in die feinsten Verästelungen des Lebens dringende Wirkung - sich seit dem Aufkommen der Geldwirtschaft durch die Geschichte zieht, soll daher nicht verwundern.
Feld- und Beutezüge
Der französische Historiker Pierre Vilar datiert die Geburt des großen Geldgeschäfts übrigens beeindruckend genau: Gold- oder Silbergeld - zunächst nach moslemischem Vorbild - geriet massiv in Umlauf ab dem 11. Jahrhundert, parallel zu einem europäischen Wirtschaftsboom, dem wiederum erfolgreiche Feldzüge (und Beutezüge) gegen den Islam die Initialzündung gaben. Im 13. Jahrhundert begannen dann Südeuropas Handelsstädte erhebliche Mengen eigener Goldmünzen zu prägen.
Damit allerdings war die Geldwirtschaft noch keineswegs in ihrem alles umfassenden Sinn etabliert, lebte und überlebte doch die klare Mehrheit der Menschen weiterhin in einer Welt jenseits des Geldes: Naturalwirtschaft dominierte Dörfer und kleine Städte, wo Bauern und Ackerbürger einstweilen selten etwas derart Exotisches wie Münzgeld in die Hände bekamen. Das biblische Wucherverbot tat ein Übriges, Geldgeschäfte zu erschweren, wenn nicht unmöglich zu machen.
Flammende Proteste
Aber, Märkte expandieren, Zentralgewalten fordern Steuern, Städte wachsen - und mit ihnen die Vielfalt der Austauschbeziehungen. Am Ende des 14. Jahrhunderts schließlich bildet Geld das allgemeine Wertäquivalent, tritt es ein in seine universelle Funktion. Auf die ersten flammenden Proteste brauchen wir nicht lange zu warten: "Verdammt Metall, gemeine Hure du der Menschen, die die Völker tört", dichtet William Shakespeare (1564 bis 1616) um das Jahr 1606: "Denk, es empört dein Sklave sich, der Mensch! Vernichte deine Kraft sie all verwirrend, dass Tieren wird die Herrschaft dieser Welt!"
Karl Marx, 1839: seine erste Analyse des Geldes gab er 1844 in den Ökonomisch- philosophischen Manuskripten.
Spätestens jetzt ist Geld auch Symbol des Bösen, des Verkehrten und Ungerechten - und es führt ein gerader Weg zu Karl Marx' früher Analyse von 1844: "Da das Geld als der existierende und sich betätigende Begriff des Werts alle Dinge verwechselt, vertauscht, so ist es die allgemeine Verwechslung und Vertauschung aller Dinge, die verkehrte Welt, die Verwechslung und Vertauschung aller natürlichen und menschlichen Qualitäten." Das Mittel beherrscht den Zweck; Geld regiert die Welt. Irgendetwas, dies das Grundgefühl, muss schief gelaufen sein mit der Zivilisation.
"Reich der Freiheit"
Wie immer, wenn das Absurde Realität und die Realität absurd wird - also eigentlich überall und zu jeder Zeit -, tritt die Utopie auf den Plan: Weshalb der "gemeinen Hure" nicht den Laufpass geben? Die Utopie von einer Welt ohne Geld, vom "Reich der Freiheit" jenseits der Notwendigkeit des in Geld ausgedrückten Existenzmittelerwerbs, zeigte im Zwanzigsten Jahrhundert ihre fatalen Konsequenzen: Mit dem partiellen Bedeutungsverlust von Geldbeziehungen gelangte ideologisch gestützte Willkür an deren Stelle.
Wieder im Zwielicht
Von nun an schien der Teufel Geld gerechtfertigt, wurde mehr denn je zum Gott. Erst die neue Verkettung von steigender Produktivität und Massenarmut lässt ihn wieder ins Zwielicht geraten. Was bleibt, ist die Feststellung, dass Geld eine historisch entstandene, keine unerlässliche Bedingung des Menschseins ist. Warum soll es nicht ebenso eine historisch vergängliche Erscheinung sein?
Michael Schmittbetz (01.01.2007)
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