Große Erwartungen
Der Seehafen Rostock feiert 2010 seinen 50. Geburtstag: Am 30. April 1960 legte das erste Schiff am größten Überseehafen der DDR an. Trotz einiger Rückschläge - die Geschichte des Hafens ist eine Erfolgsgeschichte.Der Seehafen Rostock im Jahr 1961: Mit Hilfe unzähliger Freiwilliger entstanden in den 1950er Jahren die ersten Anlagen. (Bild: Bundesarchiv; Lizenz: Creative Commons)
65.000 Tonnen Steine
Szenen wie diese spielen sich Ende der 1950er Jahre an vielen Orten in der DDR ab. Der Grund: Rostock braucht Steine. In der Stadt an der Warnowmündung, so gibt die SED-Führung im Oktober 1957 bekannt, soll der größte Überseehafen der DDR entstehen. Nur leider fehlt es an Material und Arbeitskräften. Also spannt man die Bürger der Republik mit ein: Pioniere und FDJler sammeln 65.000 Tonnen Feldsteine für die Erneuerung und Verlängerung der Molen an der Warnowmündung; fast vier Millionen Mark an Spenden kommen zusammen; eine halbe Million Arbeitsstunden leisten Freiwillige beim Bau von Kaimauern, Verwaltungsgebäuden und Lagerhallen.
Auf dem neuesten Stand
Umschlaggeschwindigkeit und Mechanisierung des Hafens sollen dem neuesten Stand der Technik entsprechen; die Planer dürfen sogar nach Bremen reisen, um sich von erfahrenen Hafenbauern beraten zu lassen. Als jährliche Umschlagleistung strebt die SED-Führung 1,25 Millionen Tonnen im Handelshafen und 1 Million Tonnen im Ölhafen an. Am 30. April 1960, 29 Monate nach dem ersten Spatenstich, ist es soweit: Das erste Schiff, die MS Schwerin, legt im Rostocker Seehafen an.
An Weihnachten 1988 herrscht im Hafen Hochbetrieb - mit Exporten versucht die DDR-Führung, die marode Wirtschaft am Leben zu erhalten. (Bild: Bundesarchiv; Lizenz: Creative Commons)
Der Seehafen wird ein wirtschaftlicher Erfolg. Zehn Jahre nach Eröffnung hat sich der Warenumschlag bereits verzehnfacht. Anlagen, Ausrüstung und Belegschaft wachsen rasant, ständig muss ausgebaut werden. Ab 1968 werden in Rostock Container abgefertigt; 1969 eröffnet eine Rohöl-Pipeline nach Schwedt an der Oder; bei großzügigen Ausbauten in den 1980er Jahren entstehen unter anderem ein neuer Getreidehafen und ein Düngemittelkai.
Rückgang um sechzig Prozent
Vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung ist das Jahr 1989: Mehr als zwanzig Millionen Tonnen Güter gehen im Rostocker Seehafen über die Kaikanten. Durch steigende Exporte versucht die DDR-Führung, von der Wirtschaft zu retten, was zu retten ist. Die politische und wirtschaftliche Wende aufhalten kann das nicht. Den Hafen trifft der Umbruch hart: Handelspartner brechen weg, der Überseeverkehr wandert in die Nordseehäfen ab. Um mehr als sechzig Prozent, auf 8,1 Millionen Tonnen, geht der Umschlag 1991 im Vergleich zu 1989 zurück.
Die Baukräne rotieren
Neue Ideen müssen her, um im Geschäft zu bleiben: Am Pier I, wo einst Metall verladen wurde, entstehen bis 1994 moderne Fähranleger. Dank des Fährverkehrs nach Skandinavien und ins Baltikum und des Transports rollender Güter schafft es der Rostocker Hafen, an alte Erfolge anzuknüpfen. Zwar dauert es zehn Jahre, bis die Umschlagzahlen von einst erreicht sind. Doch die Baukräne stehen während der ganzen Zeit nicht still. Der Seekanal wird verbreitert, Anlagen werden modernisiert, größere Liegeplätze entstehen. In den Gewerbegebieten am Hafen siedeln sich zahlreiche Unternehmen an, darunter ein Kranhersteller, eine Ölmühle und ein Malzwerk. 2008, im erfolgreichsten Jahr seit Bestehen, schlägt der Seehafen Rostock 27,2 Millionen Tonnen Güter um (mehr als das Dreifache von 1991) und fertigt 2,4 Millionen Passagiere ab.
Eine Fähre aus Trelleborg in Schweden bei der Einfahrt in den Hafen Rostock: Mehr als zwei Millionen Passagiere befördern Fähren von und nach Rostock jährlich.
Auch die Wirtschaftskrise von 2009 und ein Umschlagsrückgang um zwanzig Prozent können den Optimismus in Rostock nicht bremsen. "Unser Leitmotiv heißt: Wir halten Kurs", erläutert Ulrich Baumeister, Geschäftsführer der Hafen-Entwicklungsgesellschaft Rostock, im August 2009 in einem Branchenmagazin. "Wir nutzen diese Zeit, um die Kapazitäten zu schaffen, die für den nächsten Aufschwung benötigt werden." Schon sind die Hafenbetreiber dabei, neue Flächen für Gewerbe zu erschließen, Liegeplätze zu modernisieren und Hafenanlagen zu erweitern. Das ist auch dringend nötig, wenn man einer Studie des Ministeriums für Verkehr, Bau und Landesentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern vom Mai 2010 glaubt. Deren Prognose: Rostocks Seehafen wächst weiter; bis 2025 wird sich der Umschlag dort verdoppeln.
Urte Paul (26.05.2010)
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Infobox
Der Seehafen Rostock ist Deutschlands einziger Ostsee-Tiefseehafen und hat 2009 21,5 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen und 2,1 Millionen Fährgäste abgefertigt. Betreiberin des Seehafens ist die Hafen-Entwicklungsgesellschaft Rostock mbH (Hero), deren Gesellschafter die Hansestadt Rostock und das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern sind. 47 Liegeplätze gibt es in dem Hafen; Schiffe bis zu 250 Meter Länge, 40 Meter Breite und bis zu 13 Meter Tiefgang können dort anlegen. Zu den wichtigsten Handelsgütern zählen Kohle, Düngemittel, Getreide, Holz, Papier und Öl.
Rund 150 Unternehmen mit etwa 4.800 Angestellten sind auf der mehr als 750 Hektar großen Fläche des Überseehafens angesiedelt. Der Hafen ist damit ein wichtiger Wirtschaftsmotor für die Region Rostock und das Land Mecklenburg-Vorpommern. 41,5 Milliarden Euro an Steuern brachten die Hafenwirtschaft und die im Hafen ansässigen Unternehmen im Jahr 2008 auf. Die Gesamtzahl der vom Hafen abhängigen Arbeitsplätze schätzt die Hafenbetreiberin auf 12.500. Darunter fallen Jobs bei Reedereien und Umschlagbetrieben ebenso wie bei Bau- und Transportunternehmen, die für den Hafen und seine Unternehmen tätig sind.
Rund 150 Unternehmen mit etwa 4.800 Angestellten sind auf der mehr als 750 Hektar großen Fläche des Überseehafens angesiedelt. Der Hafen ist damit ein wichtiger Wirtschaftsmotor für die Region Rostock und das Land Mecklenburg-Vorpommern. 41,5 Milliarden Euro an Steuern brachten die Hafenwirtschaft und die im Hafen ansässigen Unternehmen im Jahr 2008 auf. Die Gesamtzahl der vom Hafen abhängigen Arbeitsplätze schätzt die Hafenbetreiberin auf 12.500. Darunter fallen Jobs bei Reedereien und Umschlagbetrieben ebenso wie bei Bau- und Transportunternehmen, die für den Hafen und seine Unternehmen tätig sind.
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Hafen-Geschichte(n)
Bereits im Mittelalter, zu Zeiten der Hanse, war Rostock ein Dreh- und Angelpunkt für den Seeverkehr über die Ostsee. Vor allem Hering und Bier waren damals begehrt bei Handelspartnern in Skandinavien und im Baltikum. Als sich der Welthandel jedoch in den Atlantik verlagerte, schrumpfte die Bedeutung des Rostocker Hafens. Einen kurzen Aufschwung brachte Ende des 19. Jahrhunderts der Getreidehandel, doch vom modernen Seehandel blieb Rostock danach weitgehend abgeschnitten.
Das änderte sich erst, als die DDR-Führung einen Standort für einen Seehafen suchte. Zehn Kilometer vom Zentrum der alten Hansestadt entfernt, in sumpfigem Gebiet, entstand ab 1957 ein komplett neuer Überseehafen. Die Ortschaft Petersdorf am Breitling musste dafür weichen. Der alte Stadthafen indes verlor seine Funktion für den Seeverkehr. Lediglich kleine Kohle- und Getreidelieferungen legten dort noch an - und Militärtransporte der sowjetischen Streitkräfte. Stadthafen und Überseehafen waren zu DDR-Zeiten Sperrgebiet und durften von Privatpersonen nicht betreten werden.
Heute ist der Stadthafen eine beliebte Bummelmeile, wo sich Läden, Clubs, Restaurants und Theater aneinander reihen. Außerdem gibt es Liegeplätze für Yachten, Sportboote, Flussschiffe und mittelgroße Passagierschiffe. Ehemalige Speicher, historische Kräne und noch fahrtaugliche Museumsschiffe bringen Besuchern die Schifffahrtsgeschichte nahe. Einige der alten Speichergebäude dienen inzwischen Reedereien als Geschäftssitze. Neben dem Stadthafen und dem Überseehafen gibt es in Rostock noch einen Chemiehafen, einen Fracht- und Fischereihafen sowie in Warnemünde ein Terminal für Kreuzfahrtschiffe.
Bereits im Mittelalter, zu Zeiten der Hanse, war Rostock ein Dreh- und Angelpunkt für den Seeverkehr über die Ostsee. Vor allem Hering und Bier waren damals begehrt bei Handelspartnern in Skandinavien und im Baltikum. Als sich der Welthandel jedoch in den Atlantik verlagerte, schrumpfte die Bedeutung des Rostocker Hafens. Einen kurzen Aufschwung brachte Ende des 19. Jahrhunderts der Getreidehandel, doch vom modernen Seehandel blieb Rostock danach weitgehend abgeschnitten.
Das änderte sich erst, als die DDR-Führung einen Standort für einen Seehafen suchte. Zehn Kilometer vom Zentrum der alten Hansestadt entfernt, in sumpfigem Gebiet, entstand ab 1957 ein komplett neuer Überseehafen. Die Ortschaft Petersdorf am Breitling musste dafür weichen. Der alte Stadthafen indes verlor seine Funktion für den Seeverkehr. Lediglich kleine Kohle- und Getreidelieferungen legten dort noch an - und Militärtransporte der sowjetischen Streitkräfte. Stadthafen und Überseehafen waren zu DDR-Zeiten Sperrgebiet und durften von Privatpersonen nicht betreten werden.
Heute ist der Stadthafen eine beliebte Bummelmeile, wo sich Läden, Clubs, Restaurants und Theater aneinander reihen. Außerdem gibt es Liegeplätze für Yachten, Sportboote, Flussschiffe und mittelgroße Passagierschiffe. Ehemalige Speicher, historische Kräne und noch fahrtaugliche Museumsschiffe bringen Besuchern die Schifffahrtsgeschichte nahe. Einige der alten Speichergebäude dienen inzwischen Reedereien als Geschäftssitze. Neben dem Stadthafen und dem Überseehafen gibt es in Rostock noch einen Chemiehafen, einen Fracht- und Fischereihafen sowie in Warnemünde ein Terminal für Kreuzfahrtschiffe.



