Fair Trade?
Kaffee ist ein wichtiges Handelsgut. Um die sechzig Milliarden Dollar geben Konsumenten jährlich dafür aus. Gut für rund 25 Millionen Kaffeebauern im Süden, könnte man meinen. Die Wirklichkeit sieht anders aus.Die Karte zeigt die Kaffee-Anbaugebiete: 'r' steht für die billigere Sorte Robusta, 'a' für Arabica, 'm' für beides.
Unterhalb der Armutsschwelle
165 Millionen Dollar bezahlen Kaffeetrinker weltweit für 2,5 Milliarden Tassen Kaffee pro Tag. Wichtiger noch: 25 Millionen Bauern existieren von Anbau und Pflege der Kaffeesträucher, und vom Ernten der Früchte. Auf über 100 Millionen in 76 Ländern erweitert sich diese Zahl, bezieht man Verarbeitung und Vertrieb des Rohstoffs ein. Beinahe jeder auf Produzentenseite - ausgenommen wenige Zwischenhändler, Großhändler und Plantagenbesitzer - ist einer der 1,2 Milliarden Menschen, die, laut Weltbank, unterhalb der Armutsschwelle leben.
Die Armut der Bauern im Kaffeegürtel des Südens (siehe Karte) ist legendär. Spektakulär wurde sie nach 1989: In jenem Jahr "scheiterte" das internationale Kaffeeabkommen, das den Kleinproduzenten bis dahin staatliche Mindestpreise garantierte. Allzu niedrige Einkommen, fürchtete man vor dem magischen Jahr 1989, könnten aus Kaffeebauern Kommunisten machen. Diese Gefahr ist vorbei - und die Gesetze des freien Handels dürfen seitdem ungehemmt walten. Ihren absoluten Tiefstand innerhalb der letzten 50 Jahre erreichten die Rohkaffeepreise 2001. Der Preis der Kaffeepäckchen im Norden ist dennoch gestiegen.
Kaffeebäuerin in Äthiopien: Im Jahr 2003 reduzierte eine Hungerkatastrophe die Anbaufläche.
"Die Rahmenbedingungen einer Gesellschaft sollten im Idealfall so aussehen, dass unter Annahme eigennützig handelnder Individuen ein optimales Ergebnis erzielt wird." So sagt man es jedem BWL-Studenten im ersten Semester. Im Fall der Ware Rohkaffee scheinen die "Rahmenbedingungen" nicht ganz gestimmt zu haben: Etliche Zehntausend Kaffeebauern samt Familien gehörten, besonders nach 2001, zu den bis zu 100.000 Menschen, die laut Weltbank Tag für Tag verhungern. Im klaren Zusammenhang zum Verfall der Rohkaffeepreise stand Äthiopiens Hungerkatastrophe 2003.
Noch einmal Zehntausende wanderten in die Slums der Städte ab. Manche schafften die "Diversifikation": Sie bauen jetzt Kokanüsse an oder Kath, ein Rauschmittel, das in Ostafrika Volksdroge ist. Mittlerweile steigen die Rohkaffeepreise wieder: zunehmende Nachfrage im Norden, weniger Anbaufläche, weil: die Bauern tot oder abgewandert... - all dies balanciert Marktverhältnisse tendenziell aus. Stimmten die "Rahmenbedingungen" am Ende vielleicht doch? Alles hängt davon ab, welche Logik man zugrunde legt.
Angebot und Nachfrage
Wir - die Kaffeetrinker des Nordens - wollen unseren Kaffee guten Gewissens genießen. Wir haben - in der Sprache des Marktes - einen Bedarf an gutem Gewissen. Wir haben auch Kaufkraft, was man zusammen dann Nachfrage nennt. Sollte der Nachfrage nicht ein Angebot entsprechen? Das Angebot gibt es: Es besteht im ernsthaften Versuch, faire Handelsbeziehungen zu begründen, zwischen Kaffeeerzeugern im Süden und Abnehmern im Norden. Was als "fair" zu betrachten ist, darüber diskutieren diverse europäische Akteure seit den 1970er Jahren. Ein "Symbol in der Nische" ist das Resultat.
Welthandelsgut Kaffee: Nur ein Zehntel der 60 Milliarden Dollar Umsatz kommt bei den Erzeugern im Kaffeegürtel an.
Während der spannenden Debatten passierte am Markt allerdings viel. Zwei Sätze beleuchten die Dynamik: Am Ende der 1980er Jahre gaben Konsumenten pro Jahr 30 Milliarden Dollar für Kaffee aus; 10 Milliarden davon, ein Drittel, flossen in die Erzeugerländer. Bis 2006 expandierte das Marktvolumen auf 60 Milliarden - doch bloß sechs Milliarden, ein Zehntel, kamen im Kaffeegürtel an. Unser Kaffee schmeckt dennoch nicht nach Hunger, sondern, zartbitter und mild, nach Kaffee.
Auch nach Willkür schmeckt unser Kaffee nicht. Bis in die 1990er Jahre produzierten Kolumbien und Indonesien, nach Brasilien, die weitaus größten Mengen an Rohkaffee. Dann begann der Weltwährungsfonds, Vietnam zum Begleichen seiner Schulden zu zwingen: Wälder wurden gerodet, Bewohner vertrieben, um Kaffeeplantagen anzulegen. Bald war das postkommunistische Land zweitgrößter Kaffee-Exporteur der Welt. 2001, im Jahr der "Kaffeekrise", brach das Preissystem wegen des Überangebots zusammen.
Fairness Fehlanzeige
Hierzulande ist Kaffee, noch vor Bier, beliebtestes Getränk - mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf- Verbrauch um 6,7 Kilo im Jahr. Der Staat bezieht aus der Kaffeesteuer Einnahmen von rund einer Milliarde Euro jährlich. Den deutschen Kaffeemarkt, selbstverständlich nicht nur den deutschen, bezeichnen Experten als Oligopol: Wenige Unternehmen - Tchibo, Aldi und Co. - kontrollieren Einkauf, Vertrieb und Verkauf. Sie diktieren letztlich die Rohstoffpreise. Starbucks und Co. tun dasselbe für den US-amerikanischen Markt. "Kaffeekrisen" sind für die Großen gute Zeiten; beim geringen Anteil der Rohstoffkosten am Endpreis sind sie ihnen vielleicht nur egal.
Übriges, ab und an bedient man auch die Nachfrage in der "Ethikbranche". Starbucks' Programm heißt C.A.F.E.: Die Firma lässt Kaffeebauern Punkte sammeln, nach Kriterien wie Qualität und ökologische Nachhaltigkeit. Stimmt alles, zahlt Starbucks 20 bis 70 Prozent über dem Börsenpreis. Transparenz, Einblick von außen? Natürlich Fehlanzeige! Tchibo hat 2005 eine Abteilung "Social Responsibility" auf die Beine gestellt.
Ein Prozent
Unser Kaffee, der nicht nach Hunger und nicht nach Willkür schmeckt, ist eine Ware. Die Mechanismen, die seinen Preis auf Einkaufs- und Verkaufsseite bestimmen, sind unsichtbar, sie liegen außerhalb öffentlicher Kontrolle. So lange das so ist, wird jeder Schluck des schönen Getränks mit Hunger und mit Willkür verbunden sein. Der Anteil "fair" gehandelten Kaffees beträgt in Deutschland kaum mehr als ein Prozent.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 09.09.2010)
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Transfair...
steht auf dem Siegel, das mitunter an Kaffeepäckchen prangt. Die Organisation Transfair - Teil eines internationalen Netzwerks von Labellinginitiativen - vergibt das Siegel gegen eine Art Lizenzgebühr für Produkte, die fair hergestellt und gehandelt werden.
"Fair" umfasst hier sowohl Bedingungen auf Produzentenseite (Arbeitsschutz, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, Freiheit von Diskriminierung, Mitspracherechte) als auch die Bereitschaft von Handelspartnern im Norden, Mindestpreise zu zahlen, die kostendeckend sind und den Lebensunterhalt zum Beispiel von Kaffeebauern sichern.
Im Wesentlichen finanziert der Konsument die Idee - mit einem geringen Aufpreis auf das Produkt. Als Versuche, den Welthandel zu "zivilisieren", sind Labellinginitiativen jedoch umstritten. Kritiker bezweifeln, dass die "Macht der Konsumenten" marktbeherrschende Akteure zu Änderungen ihres Verhaltens zwingen kann.
steht auf dem Siegel, das mitunter an Kaffeepäckchen prangt. Die Organisation Transfair - Teil eines internationalen Netzwerks von Labellinginitiativen - vergibt das Siegel gegen eine Art Lizenzgebühr für Produkte, die fair hergestellt und gehandelt werden.
"Fair" umfasst hier sowohl Bedingungen auf Produzentenseite (Arbeitsschutz, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, Freiheit von Diskriminierung, Mitspracherechte) als auch die Bereitschaft von Handelspartnern im Norden, Mindestpreise zu zahlen, die kostendeckend sind und den Lebensunterhalt zum Beispiel von Kaffeebauern sichern.
Im Wesentlichen finanziert der Konsument die Idee - mit einem geringen Aufpreis auf das Produkt. Als Versuche, den Welthandel zu "zivilisieren", sind Labellinginitiativen jedoch umstritten. Kritiker bezweifeln, dass die "Macht der Konsumenten" marktbeherrschende Akteure zu Änderungen ihres Verhaltens zwingen kann.
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Folgen für die Umwelt
Die Kaffeepflanze ist ein empfindliches Gewächs und mag es gerne schattig. Daher wurde Kaffee traditionell unter dem Blätterdach hochgewachsener Bäume angebaut. Sie schützen den Kaffee nicht nur vor direkter Sonne, ihre herabfallenden Blätter nähren den Boden und helfen die Feuchtigkeit der Erde zu bewahren. Überdies sind die Bäume Lebensraum unzähliger Vögel, die als natürliche Insektenkontrolle für die Kaffeepflanzen dienen.
Nun sind aber die Reifezeit des so genannten Schattenkaffees lang und der Ertrag weniger ergiebig, weil weniger Pflanzen Platz auf einem Hektar Anbaubaufläche finden. Daher wurden 1972 neue Kaffeesorten gezüchtet, um einen größeren Ertrag der wertvollen Ernte zu erreichen. Die neuen Sorten produzieren mehr Kaffeebohnen, sind kleiner und leichter zu ernten - und sie wachsen am besten in direktem Sonnenlicht.
Viele Kaffeebauern gingen dazu über, Bäume zu roden und Kaffeebohnen in großen Monokulturen unter freiem Himmel zu ziehen. Seit 1972 wurden 60 Prozent der sechs Millionen Hektar an Kaffeeplantagen abgeholzt und auf die neuen Sorten umgestellt. Unter den 50 Ländern mit der höchsten Entwaldungsrate in den Jahren 1990 bis 1995 sind 37 Produzenten von Kaffee; im selben Zeitraum verloren die 25 wichtigsten Kaffee-Exporteure jährlich 70.000 Quadtratkilometer an Waldfläche.
Für den billigen "Sonnenkaffee" zahlt die Natur einen hohen Preis: Die neuen Kaffeebäume sind von hohen Dosen an chemischen Düngern abhängig. Und weil die natürlichen Schädlingsbekämpfer wegen der Rodungen ihren Lebensraum verlieren, werden sie durch umweltschädliche Pestizide ersetzt. Die belasten Böden und Grundwasser, bedrohen ihrerseits die Artenvielfalt und gefährden die Gesundheit der Einheimischen.
Geringer sind die schädlichen Umweltfolgen bei Kaffee aus ökologischem Anbau. Pestizide sind verboten, den Folgen der Bodenerosion wird entgegengewirkt. Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und synthetischen Dünger, Anbau von Mischkulturen sowie angepasste Fruchtfolgen sind weitere Maßnahmen, die den Kaffeeanbau umweltfreundlicher machen.
Solchen Ökostandards genügt in der Regel auch fair gehandelter Kaffee. Verbraucher sollten auf Produkte achten, die das internationale TransFair-Fairtrade-Siegel sowie das Bio-Siegel oder das Label eines ökologischen Anbauverbandes tragen.
Nun sind aber die Reifezeit des so genannten Schattenkaffees lang und der Ertrag weniger ergiebig, weil weniger Pflanzen Platz auf einem Hektar Anbaubaufläche finden. Daher wurden 1972 neue Kaffeesorten gezüchtet, um einen größeren Ertrag der wertvollen Ernte zu erreichen. Die neuen Sorten produzieren mehr Kaffeebohnen, sind kleiner und leichter zu ernten - und sie wachsen am besten in direktem Sonnenlicht.
Viele Kaffeebauern gingen dazu über, Bäume zu roden und Kaffeebohnen in großen Monokulturen unter freiem Himmel zu ziehen. Seit 1972 wurden 60 Prozent der sechs Millionen Hektar an Kaffeeplantagen abgeholzt und auf die neuen Sorten umgestellt. Unter den 50 Ländern mit der höchsten Entwaldungsrate in den Jahren 1990 bis 1995 sind 37 Produzenten von Kaffee; im selben Zeitraum verloren die 25 wichtigsten Kaffee-Exporteure jährlich 70.000 Quadtratkilometer an Waldfläche.
Für den billigen "Sonnenkaffee" zahlt die Natur einen hohen Preis: Die neuen Kaffeebäume sind von hohen Dosen an chemischen Düngern abhängig. Und weil die natürlichen Schädlingsbekämpfer wegen der Rodungen ihren Lebensraum verlieren, werden sie durch umweltschädliche Pestizide ersetzt. Die belasten Böden und Grundwasser, bedrohen ihrerseits die Artenvielfalt und gefährden die Gesundheit der Einheimischen.
Geringer sind die schädlichen Umweltfolgen bei Kaffee aus ökologischem Anbau. Pestizide sind verboten, den Folgen der Bodenerosion wird entgegengewirkt. Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und synthetischen Dünger, Anbau von Mischkulturen sowie angepasste Fruchtfolgen sind weitere Maßnahmen, die den Kaffeeanbau umweltfreundlicher machen.
Solchen Ökostandards genügt in der Regel auch fair gehandelter Kaffee. Verbraucher sollten auf Produkte achten, die das internationale TransFair-Fairtrade-Siegel sowie das Bio-Siegel oder das Label eines ökologischen Anbauverbandes tragen.



