Wie ein roter Faden
Armut wird oft "vererbt". Allerdings läuft das nicht über Gene. Soziale Ausgrenzung verschlechtert die Chancen für Kinder aus armen Familien rapide.
Stetig wächst hierzulande die Zahl der Kinder, die in Armut leben. Dabei scheint sich eine Theorie zu bestätigen, die unter Sozialwissenschaftlern schon lange diskutiert wird: Armut ist vererbbar. Doch es gibt nicht etwa ein Armutsgen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Hingegen trifft zu: Wer einmal am gesellschaftlichen Rand steht, der gelangt nur schwer zurück in die Mitte. Und das gilt auch für seine Kinder.
Wenn der Geburtstag ausfällt
Trotzig kickt Marie kleine Steinchen von sich weg, während sie mit gesenktem Kopf den Heimweg entlang schlurft. Auf den heutigen Tag hatte sie sich schon lange gefreut. Sie wollte zusammen mit ihren Freundinnen aus der Grundschule den neunten Geburtstag von Julia feiern. Doch zu einem Geburtstag bringt man nun mal Geschenke mit. Und für eine Puppe oder ein Puzzle sei einfach kein Geld übrig, wie die Mutter ihr erklärte. Also sagte Marie den Besuch ab. Dabei konnte sie in den vergangenen zwei Jahren nicht einmal ihren eigenen Geburtstag feiern. Kein Platz in der Wohnung und kein Geld auf dem Konto, hieß es immer wieder.
Jedes sechste Kind
Ähnlich wie Marie geht es rund 2,5 Millionen Kindern in Deutschland, die unter der Armutsgrenze leben. Ungefähr jedes sechste Kind gilt als arm. Vor der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 lag die Zahl noch bei 1,4 Millionen. Die Sorge vieler Experten, dass unter der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe vor allem die Jüngsten leiden würden, war also gerechtfertigt. Und noch ist kein Ende des negativen Trends abzusehen.
Unbeabsichtigte Wirkung
Vor weiterem Anstieg der Kinderarmut allein schon auf Grund soziodemografischer Fakten warnt zum Beispiel der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers: "Trotz verbesserter Wirtschaftslage wird Kinderarmut ein großes Problem bleiben. Gerade ärmere Schichten und Migranten haben nach wie vor viele Kinder - während Mittelschicht und Bildungsbürgertum kaum Kinder bekommen." Auch die Einführung des Elterngeldes wirkte dem Trend immer geringerer Geburtenraten bei gutsituierten Eltern nicht entgegen. Dies zeigte bereits eine Studie des Statistischen Bundesamtes von 2008. Für Geringverdiener scheint der Sockelbetrag des Elterngeldes von monatlich 300 Euro ein gewisser Anreiz zu sein. Besserverdiener hingegen tauschen nur ungern einen lukrativen und halbwegs sicheren Arbeitsplatz gegen bis zu 1.800 Euro monatliches Elterngeld. So stammten gerade einmal 5 Prozent der etwa 750.000 Babys, die in der ersten Hälfte des Jahres 2008 geboren wurden, von hochqualifizierten Frauen mit guten Jobs.
Armutsfalle Trennung
Als Maries kleine Schwester noch nicht auf der Welt war, sind gemeinsame Familienausflüge immerhin möglich gewesen. Doch später ging jeder verfügbare Euro für Kinderwagen und Babykleidung, für Essen und tausend andere Dinge drauf. Nach der Trennung der Eltern wurde das Geld schon unerträglich knapp. Das ist häufig so: Mit jeder weiteren Geburt sinkt der Lebensstandard der Familie.
Allein aus der Armut?
Scheidung oder Trennung tun ein Übriges: Kinder von Alleinerziehenden sind besonders häufig von Armut betroffen: Von rund 2 Millionen Kindern und Jugendlichen, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, müssen 34 Prozent oder fast 700.000 Kinder mit weniger als 60 Prozent des Äquivalenzeinkommens auskommen, stellen die Autoren einer internationalen UNICEF-Studie (2010) mit Blick auf die Lage der Kinder in Deutschland fest. Rund 350.000 Kinder verfügen sogar nur über weniger als 50 Prozent. Der Armutsdruck für Alleinerziehende sei seit zwölf Jahren unverändert hoch. Selbst wenn Alleinerziehende es schafften, berufstätig zu sein, sei es ihnen kaum möglich, der Armut zu entkommen.
Arm und krank
Soziale Ausgrenzung ist eine direkte Folge finanziellen Mangels. Oft heißt es, dass Freizeit kein Geld kosten müsse: Wälder, Wiesen und Parkanlagen würden doch allerhand Möglichkeiten bieten. Wie erklärt man aber einem Kind, dass die Wiese vorm Plattenbau schöner ist als der Zoo? Und dass die Turnschuhe ohne Markenlogo genauso gut sind wie die mit dem angesagten Firmennamen? Zudem spüren Kinder die Sorgen ihrer Eltern genau: Wenn Depressionen schon im Kindesalter auftreten, dann ist dies in vielen Fällen ein Zeichen für Armut.
Treuer Begleiter
Armut ist immer häufiger ein Stigma, das über komplette Lebensläufe hinweg erhalten bleibt. Der Makel haftet. "Fazit ist: Armut wandert über den Kindergarten in die Grundschule mit", meint etwa Manfred Ragati, ehemaliger Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Langzeitstudien der AWO zeigen, wie Armut Menschen vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter begleitet. Darüber hinaus: Der rote Faden der Armut zieht sich entlang mehrerer Generationen. Wenn nämlich, bedingt durch die Armut der Eltern, soziale Teilhabe fehlt, stehen die Sterne für den Nachwuchs schlecht. Betroffenen Kindern wird das Schicksal Armut gleichsam in die Wiege gelegt. Die Schule kann solche Effekte nicht mindern, eher passiert das Gegenteil: Der Politologe Christoph Butterwege von der Goethe-Universität Frankfurt am Main konstatiert: "Armut wird wesentlich durch das sozial selektive Schulsystem verursacht." Kinder sozial schwacher Familien werden so zu Hartz IV-Empfängern von morgen.
Andrea Eichenberg (25.05.2010)
Stetig wächst hierzulande die Zahl der Kinder, die in Armut leben. Dabei scheint sich eine Theorie zu bestätigen, die unter Sozialwissenschaftlern schon lange diskutiert wird: Armut ist vererbbar. Doch es gibt nicht etwa ein Armutsgen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Hingegen trifft zu: Wer einmal am gesellschaftlichen Rand steht, der gelangt nur schwer zurück in die Mitte. Und das gilt auch für seine Kinder.
Wenn der Geburtstag ausfällt
Trotzig kickt Marie kleine Steinchen von sich weg, während sie mit gesenktem Kopf den Heimweg entlang schlurft. Auf den heutigen Tag hatte sie sich schon lange gefreut. Sie wollte zusammen mit ihren Freundinnen aus der Grundschule den neunten Geburtstag von Julia feiern. Doch zu einem Geburtstag bringt man nun mal Geschenke mit. Und für eine Puppe oder ein Puzzle sei einfach kein Geld übrig, wie die Mutter ihr erklärte. Also sagte Marie den Besuch ab. Dabei konnte sie in den vergangenen zwei Jahren nicht einmal ihren eigenen Geburtstag feiern. Kein Platz in der Wohnung und kein Geld auf dem Konto, hieß es immer wieder.
Jedes sechste Kind
Ähnlich wie Marie geht es rund 2,5 Millionen Kindern in Deutschland, die unter der Armutsgrenze leben. Ungefähr jedes sechste Kind gilt als arm. Vor der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 lag die Zahl noch bei 1,4 Millionen. Die Sorge vieler Experten, dass unter der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe vor allem die Jüngsten leiden würden, war also gerechtfertigt. Und noch ist kein Ende des negativen Trends abzusehen.
Unbeabsichtigte Wirkung
Vor weiterem Anstieg der Kinderarmut allein schon auf Grund soziodemografischer Fakten warnt zum Beispiel der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers: "Trotz verbesserter Wirtschaftslage wird Kinderarmut ein großes Problem bleiben. Gerade ärmere Schichten und Migranten haben nach wie vor viele Kinder - während Mittelschicht und Bildungsbürgertum kaum Kinder bekommen." Auch die Einführung des Elterngeldes wirkte dem Trend immer geringerer Geburtenraten bei gutsituierten Eltern nicht entgegen. Dies zeigte bereits eine Studie des Statistischen Bundesamtes von 2008. Für Geringverdiener scheint der Sockelbetrag des Elterngeldes von monatlich 300 Euro ein gewisser Anreiz zu sein. Besserverdiener hingegen tauschen nur ungern einen lukrativen und halbwegs sicheren Arbeitsplatz gegen bis zu 1.800 Euro monatliches Elterngeld. So stammten gerade einmal 5 Prozent der etwa 750.000 Babys, die in der ersten Hälfte des Jahres 2008 geboren wurden, von hochqualifizierten Frauen mit guten Jobs.
Armutsfalle Trennung
Als Maries kleine Schwester noch nicht auf der Welt war, sind gemeinsame Familienausflüge immerhin möglich gewesen. Doch später ging jeder verfügbare Euro für Kinderwagen und Babykleidung, für Essen und tausend andere Dinge drauf. Nach der Trennung der Eltern wurde das Geld schon unerträglich knapp. Das ist häufig so: Mit jeder weiteren Geburt sinkt der Lebensstandard der Familie.
Allein aus der Armut?
Scheidung oder Trennung tun ein Übriges: Kinder von Alleinerziehenden sind besonders häufig von Armut betroffen: Von rund 2 Millionen Kindern und Jugendlichen, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, müssen 34 Prozent oder fast 700.000 Kinder mit weniger als 60 Prozent des Äquivalenzeinkommens auskommen, stellen die Autoren einer internationalen UNICEF-Studie (2010) mit Blick auf die Lage der Kinder in Deutschland fest. Rund 350.000 Kinder verfügen sogar nur über weniger als 50 Prozent. Der Armutsdruck für Alleinerziehende sei seit zwölf Jahren unverändert hoch. Selbst wenn Alleinerziehende es schafften, berufstätig zu sein, sei es ihnen kaum möglich, der Armut zu entkommen.
Arm und krank
Soziale Ausgrenzung ist eine direkte Folge finanziellen Mangels. Oft heißt es, dass Freizeit kein Geld kosten müsse: Wälder, Wiesen und Parkanlagen würden doch allerhand Möglichkeiten bieten. Wie erklärt man aber einem Kind, dass die Wiese vorm Plattenbau schöner ist als der Zoo? Und dass die Turnschuhe ohne Markenlogo genauso gut sind wie die mit dem angesagten Firmennamen? Zudem spüren Kinder die Sorgen ihrer Eltern genau: Wenn Depressionen schon im Kindesalter auftreten, dann ist dies in vielen Fällen ein Zeichen für Armut.
Treuer Begleiter
Armut ist immer häufiger ein Stigma, das über komplette Lebensläufe hinweg erhalten bleibt. Der Makel haftet. "Fazit ist: Armut wandert über den Kindergarten in die Grundschule mit", meint etwa Manfred Ragati, ehemaliger Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Langzeitstudien der AWO zeigen, wie Armut Menschen vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter begleitet. Darüber hinaus: Der rote Faden der Armut zieht sich entlang mehrerer Generationen. Wenn nämlich, bedingt durch die Armut der Eltern, soziale Teilhabe fehlt, stehen die Sterne für den Nachwuchs schlecht. Betroffenen Kindern wird das Schicksal Armut gleichsam in die Wiege gelegt. Die Schule kann solche Effekte nicht mindern, eher passiert das Gegenteil: Der Politologe Christoph Butterwege von der Goethe-Universität Frankfurt am Main konstatiert: "Armut wird wesentlich durch das sozial selektive Schulsystem verursacht." Kinder sozial schwacher Familien werden so zu Hartz IV-Empfängern von morgen.
Andrea Eichenberg (25.05.2010)
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Wann sind Kinder arm?
Ausgangspunkt für die Berechnung der relativen Armutsgrenze ist der so genannte Medianwert der nationalen statistischen Einkommensverteilung. Der Medianwert ist dabei genau die Einkommenshöhe, die auf der Trennlinie zwischen den unteren und den oberen 50 Prozent aller Einkommensbezieher liegt. Die Berechnung über den Median ist sinnvoll, weil sie Verzerrungen durch übermäßig hohe und niedrige Einzelwerte weitgehend ausschließt. Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt als arm, wer weniger als die Hälfte des Medianwerts aus der Einkommensverteilung seines Landes monatlich zur Verfügung hat. Gelegentlich werden als Grenze zur relativen Armut auch 60 Prozent des Medianwerts angesetzt.
38 Prozent aller Alleinerziehenden (Familien aus Mutter oder Vater und einem oder mehreren Kindern) sind, angelehnt an diese Definition, in Deutschland arm. Entsprechend den aktuellsten vorliegenden Zahlen (Stand 2007) lebt jedes sechste Kind in Deutschland in einer Hartz IV-Bedarfsgemeinschaft, ist also arm im Sinne des deutschen Sozialgesetzbuchs. Dabei gibt es allerdings beträchtliche regionale Unterschiede: So sind laut Studien der Ruhr-Uni Bochum in Bayern lediglich 6,6 Prozent der Kinder arm; in Berlin sind es 30,7 Prozent.
Auf welchen Wegen Armut von einer Generation auf die nächste "springt", ist umstritten. Nachgewiesen wurde, dass Armut der Eltern die Bildungschancen von Kindern in Deutschland verschlechtert. Allerdings hat Armut überwiegend dann negative Konsequenzen für die Bildungschancen in der nächsten Generation, wenn die Eltern selbst nur ein niedriges Bildungsniveau besitzen. Höher gebildete Eltern sind offenbar besser in der Lage, mit Armut und Arbeitslosigkeit verbundene Probleme zu kompensieren.
Das Ausmaß von Kinderarmut ist gesellschaftlich steuerbar, wie vor allem die erfolgreiche Entwicklung in verschiedenen skandinavischen Ländern beweist: In Norwegen zum Beispiel geht die Kinderarmut kontinuierlich zurück, selbst bei Alleinerziehenden und Paarfamilien ohne Einkommensbezieher. In Deutschland war der Anstieg der Kinderarmut mit 2,7 Prozent zwischen 1995 und 2005 überdurchschnittlich hoch. Im langfristigen Rückblick ist zu beobachten, dass sich jedes Jahrzehnt die Zahl der Kinder in Armut in Deutschland mindestens verdoppelt: 1965 war jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen; 2005 war es jedes sechste Kind.
38 Prozent aller Alleinerziehenden (Familien aus Mutter oder Vater und einem oder mehreren Kindern) sind, angelehnt an diese Definition, in Deutschland arm. Entsprechend den aktuellsten vorliegenden Zahlen (Stand 2007) lebt jedes sechste Kind in Deutschland in einer Hartz IV-Bedarfsgemeinschaft, ist also arm im Sinne des deutschen Sozialgesetzbuchs. Dabei gibt es allerdings beträchtliche regionale Unterschiede: So sind laut Studien der Ruhr-Uni Bochum in Bayern lediglich 6,6 Prozent der Kinder arm; in Berlin sind es 30,7 Prozent.
Auf welchen Wegen Armut von einer Generation auf die nächste "springt", ist umstritten. Nachgewiesen wurde, dass Armut der Eltern die Bildungschancen von Kindern in Deutschland verschlechtert. Allerdings hat Armut überwiegend dann negative Konsequenzen für die Bildungschancen in der nächsten Generation, wenn die Eltern selbst nur ein niedriges Bildungsniveau besitzen. Höher gebildete Eltern sind offenbar besser in der Lage, mit Armut und Arbeitslosigkeit verbundene Probleme zu kompensieren.
Das Ausmaß von Kinderarmut ist gesellschaftlich steuerbar, wie vor allem die erfolgreiche Entwicklung in verschiedenen skandinavischen Ländern beweist: In Norwegen zum Beispiel geht die Kinderarmut kontinuierlich zurück, selbst bei Alleinerziehenden und Paarfamilien ohne Einkommensbezieher. In Deutschland war der Anstieg der Kinderarmut mit 2,7 Prozent zwischen 1995 und 2005 überdurchschnittlich hoch. Im langfristigen Rückblick ist zu beobachten, dass sich jedes Jahrzehnt die Zahl der Kinder in Armut in Deutschland mindestens verdoppelt: 1965 war jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen; 2005 war es jedes sechste Kind.



