Aufruhr im Olymp
Marathon-Dienste sind keine Seltenheit im deutschen Klinikalltag - bezahlt werden die Überstunden aber nicht. So kämpfen die Ärzte nicht nur für höhere Gehälter, sondern auch für allgemein bessere Arbeitsbedingungen.Streikende Klinikärzte, Juni 2006: Bessere Arbeitsbedingungen und 30 Prozent mehr Lohn - das waren die Hauptforderungen.
Utopische Forderung?
Trotz partieller Einschränkungen bei der Patientenversorgung und der - in Anbetracht fast fünf Millionen Arbeitsloser und leerer öffentlicher Kassen - utopisch anmutenden Forderung nach dreißig Prozent mehr Gehalt, zeigten Medien und Öffentlichkeit weitgehend Verständnis für den Aufstand der "Halbgötter in Weiß". Dahinter verbarg sich nämlich mehr als nur der Kampf um höhere Löhne.
Rund um die Uhr
Neben Einkommenssteigerungen wollten die Ärzte insbesondere geregelte Arbeitszeiten und die vollständige Bezahlung von Überstunden erreichen. Vor allem junge Assistenzärzte beklagen sich über zum Teil "unzumutbare Arbeitsbedingungen". Das 1994 auf Grundlage einer neuen EU-Arbeitszeitrichtlinie erlassene Arbeitszeitgesetz erlaubt heute maximal einen Zehn-Stunden-Tag (8+2 Überstunden). Durch den immens gestiegenen Bürokratieaufwand - der vor allem dem neuen Vergütungssystem geschuldet sei - und schrumpfende Personalkapazitäten könne das tägliche Arbeitspensum, nach Auffassung der Ärzte, in diesem Rahmen aber nicht mehr bewältigt werden.
Nächtlicher Bereitschaftsdienst zwischen zwei regulären Arbeitstagen: Viele Ärzte sind über 24 Stunden im Dienst.
Überstunden häufen sich, Sechzig- bis Siebzig-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit. Nächtlicher Bereitschaftsdienst zwischen zwei regulären Arbeitstagen führt dazu, dass ein Arzt nach 24 Stunden noch immer im Dienst ist. Solche Rund-um-die-Uhr-Dienste wie auch Überstunden außerhalb des gesetzlichen Rahmens sind rechtswidrig - und weil es letztere offiziell ja nicht geben darf, werden sie weder vergütet noch über Freizeit ausgeglichen.
Finanziell im Rückstand
Besonders im Vergleich mit anderen westlichen Ländern sehen sich deutsche Ärzte finanziell im Rückstand. Während Kollegen in den USA durchschnittlich 268.000 Dollar pro Jahr verdienen, liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen hierzulande bei nur 56.000 Dollar. In den vergangenen Jahren wanderten jährlich zwischen zweieinhalb- und dreitausend deutsche Mediziner ins Ausland ab.
Was haben die Ärzte mit ihrem Ausstand erreicht? Zunächst einmal eine Novität in der Geschichte der BRD: einen eigenen "arztspezifischen" Tarifvertrag. Nach Aussage des Marburger Bundes könnten danach vor allem junge Ärzte mit Gehaltszuwächsen von bis zu zwanzig Prozent rechnen. Zudem wurde die wöchentliche Arbeitszeit auf 42 Stunden festgelegt. Allerdings: diese Zahl gilt lediglich als Rechengrundlage für das Gehalt; nach wie vor werden die meisten Ärzte wohl wesentlich länger in der Klinik sein, solange die tatsächliche Umsetzung der EU-Vorgaben hierzulande weiter aussteht.
Zum Sparen gezwungen
Bei allem Verständnis für die Situation der Krankenhausärzte - ein Beigeschmack bleibt. Denn wie so oft gibt es auch hier zwei Seiten der Medaille: An der angespannten Finanzlage der Krankenhäuser wird sich in naher Zukunft kaum etwas ändern, eher wird sie sich sogar noch verschlechtern. Jetzt erwartet die Arbeitgeber eine Erhöhung der Löhne und mögliche Aufstockung des ärztlichen Personals - obwohl die Kliniken zum Sparen gezwungen sind. Auf wessen Rücken wird die Rationalisierung ausgetragen?
Leere Betten durch Fallpauschalen? Das neue Vergütungssystem sorgt zumindest für kurze Liegezeiten im Krankenhaus. Das hat Folgen.
Besonders Schwestern und Pfleger fürchten Nachteile durch die Sonderverträge für Ärzte. So ließ Kritik aus den Reihen der Pflegekräfte nicht lang auf sich warten: Laut einer Pressemitteilung des Deutschen Pflegerats vom 29. Juni 2006 denke die Ärzteschaft kurzfristig an ihr Eigeninteresse, statt auf langfristige und grundlegende Reformen des Gesundheitswesens zu drängen.
Mehr Arbeit, weniger Personal
Während Reinigungs- und Küchenkräfte bereits seit langem durch Dienstleister von außen ersetzt werden, um Geld zu sparen, darf sich der Pflegebereich auf Verlängerungen der Arbeitszeit und Personaleinsparungen einstellen. Innerhalb der letzten zwei Jahre wurden bereits 16.000 Stellen gestrichen, dagegen 4.000 neue Ärzte eingestellt.
Ohne Rücksicht auf Verluste
Zur offensichtlichen Ungleichbehandlung kommt die gefühlte Missachtung: So spricht der Marburger Bund von den Ärzten als den "Leistungsträgern" der Kliniken - nicht gerade motivierend für die Kollegen des nicht-ärztlichen Bereichs. Kritiker werfen den ärztlichen Interessenverbänden vor, ohne Rücksicht auf Verluste gehandelt zu haben. Es habe nichts mit Verteilungsgerechtigkeit zu tun, wenn die eigenen Lohnsteigerungen mit Einsparungen beim Pflege- und technischen Personal erkauft würden.
Drohende Kluft
Statt gemeinsam mit den anderen Krankenhausbeschäftigten für gerechten Lohn und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, entsolidarisiere sich das ärztliche Personal zunehmend. Im Jahr 2008 stehen neue Tarifverhandlungen an - auch sie dürften wohl wieder getrennt geführt werden. Welche Auswirkungen die drohende Kluft nicht nur für das Arbeitsklima in den Kliniken, sondern auch für die Patienten hat, wird sich zeigen.
Ulrike Wolf (22.01.2007)
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Infobox
Bis zur Einführung so genannter Fallpauschalen im Jahr 2003 galt in deutschen Kliniken das Selbstkostendeckungsprinzip: Jeder Tag der Behandlung wurde pauschal vergütet - unabhängig vom jeweiligen Aufwand für die Behandlung. Folge war eine längere Verweildauer der Patienten in den Krankenhäusern und damit verbunden eine Erhöhung der Bettenzahl. Um die Kosten zu senken, wurde den tagesbezogenen Pflegesätzen bereits 1996 eine leistungsbezogene Vergütung zur Seite gestellt, die jedoch für nur rund ein Viertel der Krankenhausleistungen galt.
Mit den Fallpauschalen zog schließlich ein total neues Preissystem in den Kliniken ein. Die vollstationären Behandlungsfälle sind nach medizinischen Merkmalen in Fallgruppen unterteilt, welche die "Preise" der Behandlungen definieren. Die Höhe dieses landesweit einheitlichen Entgelts richtet sich nach dem durchschnittlichen Behandlungsaufwand. Die Dauer des Krankenhausaufenthaltes spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.
Mit den Fallpauschalen zog schließlich ein total neues Preissystem in den Kliniken ein. Die vollstationären Behandlungsfälle sind nach medizinischen Merkmalen in Fallgruppen unterteilt, welche die "Preise" der Behandlungen definieren. Die Höhe dieses landesweit einheitlichen Entgelts richtet sich nach dem durchschnittlichen Behandlungsaufwand. Die Dauer des Krankenhausaufenthaltes spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.
Infobox
Neben dem erhöhten Bürokratieaufwand, den die Fallpauschalen für die Ärzte mit sich bringen - die Krankenkassen verlangen detaillierte Dokumentationen aller Diagnosen und Behandlungen - fürchten Kritiker weit fatalere "Nebenwirkungen" des neuen Vergütungssystems: Je kürzer die Liegezeiten der Patienten sind, desto mehr rentiert sich die Fallpauschale.
Kürzere Liegezeiten bedeuten aber auch eine Senkung der benötigten Bettenzahl - und überflüssige Betten die Schließung von Krankenhäusern. Es wird erwartet, dass die Bettenzahl innerhalb der nächsten 15 Jahre von 540.000 auf 340.000 sinkt. Jeder zweiten staatlichen Klinik, schätzen Experten, drohe das Aus oder die Übernahme durch private Krankenhausbetreiber. Dem Wettbewerb der Krankenhäuser könnten auch Patienten zum Opfer fallen - wenn sich die Kliniken nur noch jener Fälle annähmen, die sich für sie rechnen.
Kürzere Liegezeiten bedeuten aber auch eine Senkung der benötigten Bettenzahl - und überflüssige Betten die Schließung von Krankenhäusern. Es wird erwartet, dass die Bettenzahl innerhalb der nächsten 15 Jahre von 540.000 auf 340.000 sinkt. Jeder zweiten staatlichen Klinik, schätzen Experten, drohe das Aus oder die Übernahme durch private Krankenhausbetreiber. Dem Wettbewerb der Krankenhäuser könnten auch Patienten zum Opfer fallen - wenn sich die Kliniken nur noch jener Fälle annähmen, die sich für sie rechnen.



