Weil sie fliegen
Noch am Anfang des vergangenen Jahrhunderts bedurfte es Wochen, um Menschen und Nachrichten zwischen Kontinenten zu transportieren. Dann, auch wegen des Aufkommens von Flugzeugen, wurde die Welt klein.Kitty Hawk, nach dem Ort des Flugs, hieß auch dieser Doppeldecker: Pilot Orville Wright startete mit ihm 1903 zum ersten erfolgreichen Motorflug der Geschichte.
Selbst Schiffe auf dem Ozean erreichten lange kein höheres Reisetempo. 5.725 Stunden - oder 239 Tage - hätten unsere Vorfahren demnach rein rechnerisch für eine Erdumrundung gebraucht.
Geschrumpfte Welt
Mit den ersten Automobilen, die bis zu zwanzig Kilometer pro Stunde vorlegten, verringerte sich diese Zahl auf ungefähr 83 Tage. Den Quantensprung aber brachten die großen Passagierflugzeuge der 1970er und 1980er Jahre: Unser Planet "schrumpfte" von 239 Tagen zu Fuß auf ganze 1,94 Tage - geht man von 860 Kilometer pro Stunde aus, der Reisegeschwindigkeit einer Boeing 747.
Es sind, neben den modernen Netzen der Telekommunikation, riesige Passagierjets, welche die Welt dramatisch kleiner werden ließen. Als der US-Amerikaner Orville Wright, ein begnadeter Bastler, am 17. Dezember 1903 zum ersten erfolgreichen, gesteuerten Motorflug der Geschichte startete, konnte solche Entwicklung noch niemand erwarten. Dennoch war Wrights Flug bei Kitty Hawk in North Carolina der Anfang, weil hier der alte Traum vom Fliegen zur realen Perspektive des schnellen Lufttransports wurde.
An allen Fronten
Wenige Jahre vergingen, bis effektiv arbeitende Konstrukteure die in ihren Bretterbuden werkelnden Tüftler der Pionierzeit verdrängten. Orville Wrights Luftsprung über Kitty Hawk motivierte den Franzosen Louis Blériot im Juli 1909 zum Motorflug über den Ärmelkanal.
1915, nachdem Piloten schon ins Geschehen an allen Fronten des Weltkriegs eingegriffen hatten, baute der Deutsche Hugo Junkers bei Dessau sein erstes Ganzmetall-Verkehrsflugzeug - und wies damit die Richtung für künftige Flugzeug-Generationen.
Schau fürs Massenpublikum
Was dann geschah, kam mit der Unerbittlichkeit eines Naturgesetzes: Wirtschaftliches Interesse und Pioniergeist verbanden sich zur innovativen Kraft. Erfolgreichen Werbeaktionen ähnelnd gingen herausragende Einzelleistungen über die Bühne, zum Beispiel Charles Lindberghs Alleinflug von 1927 über den Atlantik, auf der Strecke New York - Paris. Ihr Zweck: dem Passagierflug, dem neuen Medium, ein Massenpublikum gewinnen.
Wer Massen von Passagieren gewinnträchtig befördern will, muss allerdings Großflugzeuge bauen. Eine Ära von Maschinen, welche den Zeitgenossen damals wie Giganten vorkamen, begann 1929: in Deutschland war es die legendäre Do X, schließlich Junkers berühmte JU 52. Boeing platzierte 1933 seine B 247 auf dem neuen Markt. In Sowjetrussland tauchte der Flugriese TU ANT 20 am Himmel auf. Die Zahl der Fluggäste ging in die Zehntausende - wenig, verglichen mit heutigen Dimensionen.
Fahrgestell einer Boeing 747 beim Landen - über bis zu 550 Plätze verfügt jeder der Jumbojets. (Foto: Adrian Pingstone)
Ganz in der Nähe
Fast eine Milliarde Fluggäste befördern heute die 25 größten Fluggesellschaften der Welt - Jahr für Jahr. Rückgänge, wie nach dem 11. September 2001, konnten den Trend nur bremsen, nicht umkehren. Trotz Krisen und Überkapazitäten, die zivile Luftfahrt boomt.
Für Millionen Menschen ist Ortsveränderung mit mehr als halber Schallgeschwindigkeit alltäglich geworden. Die Distanz zwischen Start und Ziel, sei es am anderen Ende der Welt, bemisst sich nach Stunden und Minuten. Doch nicht nur Orte, auch Ereignisse sind damit herangerückt, Katastrophen, einst weit entfernt, gewinnen nun beängstigende Nähe. Ströme Not leidender Flüchtlinge, Hunger und Seuchen sind, seit riesige Passagierjets zu Tausenden starten, nicht mehr ausschließlich Sache ferner Erdteile.
Eng und bedrohlich
Auffälligerweise war es die Unterbrechung des Luftverkehrs, die uns Westeuropäern etwa den Bosnienkrieg Ende der 1990er Jahre wie fernes Geschehen vorkommen ließ. Als die Jets wieder abhoben, hatten sie Flüchtlinge, das geballte Elend, an Bord. Zu den Fernsehbildern, die live über die Bildschirme flimmerten, kamen Opfer und Augenzeugen hinzu - unmittelbar nach den Ereignissen eingeflogen.
Wenig bestimmt unsere Wahrnehmung so sehr, wie die Art der Fortbewegung: Superschnelle Passagierjets, mit ihrer enormen Kapazität, lassen die Welt eng und bedrohlich wirken - nicht weil sie abstürzen, sondern weil sie fliegen.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 05.12.2011)
Infobox
Am 1. Januar 1914...
startete der erste planmäßige Linienflug der Welt. Am Steuer der Maschine, einem Flugboot Benoist Modell 14 der frisch gegründeten St. Petersburg - Tampa Airboat Line, saß Pilot Tony Jannus. Er baute auch gleich die erste Verspätung im Linienverkehr - wegen technischer Probleme musste Jannus in der Bay von St. Petersburg (Florida) zwischenlanden. Nach 22 Minuten erreichten die Passagiere schließlich Tampa.
Im regelmäßigen Liniendienst zwischen St. Petersburg und Tampa wurden auch kleine Küstenstädte wie etwa Egmont Key und Clearwater angeflogen. Ein One-Way-Ticket kostete damals fünf Dollar, Rundflüge waren für zehn bis zwanzig Dollar zu bekommen. Allzu hoch in die Luft ging es aber nicht - das Flugboot bewegte sich lediglich in einer Höhe von anderthalb bis fünf Metern über dem Wasser.
startete der erste planmäßige Linienflug der Welt. Am Steuer der Maschine, einem Flugboot Benoist Modell 14 der frisch gegründeten St. Petersburg - Tampa Airboat Line, saß Pilot Tony Jannus. Er baute auch gleich die erste Verspätung im Linienverkehr - wegen technischer Probleme musste Jannus in der Bay von St. Petersburg (Florida) zwischenlanden. Nach 22 Minuten erreichten die Passagiere schließlich Tampa.
Im regelmäßigen Liniendienst zwischen St. Petersburg und Tampa wurden auch kleine Küstenstädte wie etwa Egmont Key und Clearwater angeflogen. Ein One-Way-Ticket kostete damals fünf Dollar, Rundflüge waren für zehn bis zwanzig Dollar zu bekommen. Allzu hoch in die Luft ging es aber nicht - das Flugboot bewegte sich lediglich in einer Höhe von anderthalb bis fünf Metern über dem Wasser.
Infobox
Die 747
Über drei Jahrzehnte galt die Boeing 747 als das größte Passagierflugzeug der Welt. Als sie 1969 den Erstflug absolvierte, war sie mit knapp 70 Metern Länge, um 60 Metern Spannweite und einer Transportkapazität von bis zu 550 Passagieren fast doppelt so groß wie die damals größte Boeing und anderthalb mal größer als jedes andere Verkehrsflugzeug der Zeit. Die Idee, solch ein Flugzeug zu bauen, war entstanden aus wirtschaftlichem Wagemut und unter starkem Wettbewerbsdruck.
Die Umsetzung des kühnen Plans brachte Boeings Ingenieuren und Managern den Beinamen The Incredibles (zu deutsch: "die Unglaublichen") ein. Um das Großraumflugzeug zu realisieren, musste eigens ein größeres Werk in Seattle gebaut werden. Die Investition hat sich jedoch gelohnt: Der "Jumbo-Jet", wie Journalisten die 747 wegen ihrer Ausmaße tauften, ist seit dem Erstflug am 9. Februar 1969 das Flaggschiff der Fluglinien weltweit. Erst mit dem A-380 von Airbus bekam die 747 ernsthafte Konkurrenz.
Über drei Jahrzehnte galt die Boeing 747 als das größte Passagierflugzeug der Welt. Als sie 1969 den Erstflug absolvierte, war sie mit knapp 70 Metern Länge, um 60 Metern Spannweite und einer Transportkapazität von bis zu 550 Passagieren fast doppelt so groß wie die damals größte Boeing und anderthalb mal größer als jedes andere Verkehrsflugzeug der Zeit. Die Idee, solch ein Flugzeug zu bauen, war entstanden aus wirtschaftlichem Wagemut und unter starkem Wettbewerbsdruck.
Die Umsetzung des kühnen Plans brachte Boeings Ingenieuren und Managern den Beinamen The Incredibles (zu deutsch: "die Unglaublichen") ein. Um das Großraumflugzeug zu realisieren, musste eigens ein größeres Werk in Seattle gebaut werden. Die Investition hat sich jedoch gelohnt: Der "Jumbo-Jet", wie Journalisten die 747 wegen ihrer Ausmaße tauften, ist seit dem Erstflug am 9. Februar 1969 das Flaggschiff der Fluglinien weltweit. Erst mit dem A-380 von Airbus bekam die 747 ernsthafte Konkurrenz.





