Wenn Fische fliegen
Millionen Tonnen Güter bewegen Flugzeuge Jahr für Jahr rund um den Globus: Exklusives, aber auch "normale" Fracht sammelt sich im Bauch der Flieger und wird so von einem Erdteil zum anderen gebracht.Große Klappe - viel dahinter: mehr als einhundert Tonnen Fracht fassen die Laderäume moderner Frachtflugzeuge.
Zuwachs um 74 Prozent
Allein auf deutschen Airports wurden 2004 nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) und des Statistischen Bundesamtes über 2,7 Millionen Tonnen Luftfracht umgeschlagen - eine Zunahme von rund 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Über die Hälfte der in Deutschland abgewickelten Fracht, etwa 1,75 Millionen Tonnen, wurde laut ADV am Flughafen Frankfurt/Main aus- oder eingeladen. Das dortige Management prognostiziert bis zum Jahr 2015 einen Frachtzuwachs von 74 Prozent gegenüber dem Jahr 2000.
Lukratives Geschäft
Auch für die anderen großen deutschen Flughäfen ist das eine erfreuliche Entwicklung - und eine Herausforderung. Denn das Luftfrachtgeschäft wird sich künftig auf einige wenige große Umschlagplätze konzentrieren. Nur zwanzig Flughäfen wickeln derzeit rund fünfzig Prozent des weltweiten Luftfrachtaufkommens ab. Um an diesem lukrativen Geschäft teilhaben zu können, reagieren die Airports zum Beispiel mit der Ansiedelung internationaler Kurier- und Expressdienste, wie FedEx, DHL oder UPS, denen die Flughafengesellschaften sogar eigene Sortier- und Lagerhallen bauen.
Landeanflug einer Douglas C-54 der US Air Force auf den Flughafen Tempelhof während der Berliner Luftbrücke 1948/49. (Bild: DHM)
Der Boom scheint grenzenlos. Experten sagen dem Luftfrachtverkehr ein Wachstum von sechs Prozent jährlich voraus; bis zum Jahr 2015 werde sich das Luftfrachtaufkommen weltweit auf rund 400 Milliarden Tonnenkilometer erhöhen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: kein anderes Verkehrsmittel bietet kürzere Beförderungszeiten, höhere Sicherheit bei Umschlag und Transport sensibler und diebstahlgefährdeter Ladung sowie größere Zuverlässigkeit, um Waren termingerecht zu transportieren.
Wertvolle Ware
Wegen dieser Vorteile werden vorrangig leicht verderbliche Güter, wie Blumen, Früchte oder frischer Fisch, lebende Tiere, mode- und saisonabhängige Produkte, Bauteile für die Auto- und die Computerindustrie, besonders hochwertige, teure Waren sowie Hilfsgüter bei Katastrophenfällen zu Luftfracht. Deren Anteil am weltweiten Versand beträgt weniger als ein Prozent - nach Gewicht gerechnet. Zieht man jedoch den Warenwert der Fracht heran, erhöht sich der Anteil des Luftverkehrs am Welthandel auf über dreißig Prozent.
Beim überwiegenden Teil der Luftfracht handelt es sich um termingebundene Waren, die nur mit dem Flugzeug schnell genug von einem Teil der Welt zum anderen gebracht werden können. Auch wenn moderne Flugzeuge, wie beispielsweise der Airbus A380, von dem auch eine Frachtversion gebaut werden soll, in der Lage sind, immer größere und schwerere Frachten zu transportieren - der interkontinentale Massengüterverkehr bleibt weiterhin der Seefahrt vorbehalten.
Zunehmende Vernetzung
Auf dem Hintergrund zunehmender Vernetzung wird der Luftfrachtverkehr jedoch weiter an Bedeutung gewinnen. Schon heute ist der Transport per Flugzeug für viele Firmen mehr als nur eine teure Notlösung bei Lieferengpässen - er etabliert sich als fester Bestandteil im internationalen Netz der Produktions- und Distributionsketten. Globale Industrieunternehmen, zum Beispiel der Automobilzuliefer- und Computerzubehörbranche, produzieren heute an mehreren Standorten gleichzeitig - die aufs Genaueste berechneten Flugpläne von Lufthansa und Co. sind damit unverzichtbares Standbein der "just-in-time"-Produktion.
Einmal um die Welt
Auch im eigenen Interesse legen die Fluggesellschaften großen Wert auf gute Planung. Denn sie kämpfen mit einem gravierenden Problem: mangelnde Auslastung der Flüge. Geht eine Lieferung beispielsweise nach Saudi-Arabien, ein Land, das nur über wenige Exportgüter verfügt, bleibt der Flieger auf dem Rückflug schon mal unbelegt. Um das zu verhindern, planen die Luftfrachtunternehmen Rundflüge. Die Maschinen fliegen, mit wechselndem Personal, einmal um die ganze Welt, laden in Kolumbien Blumen, in Südafrika Gemüse und in China Computerzubehör.
Anliefern, fliegen, ausliefern
Das gelingt allerdings nur, wenn reine Frachtmaschinen die Waren transportieren - wie es bei gut der Hälfte des weltweiten Luftfrachtaufkommens geschieht. Wirtschaftlich und ökologisch wesentlich sinnvoller wäre der Transport der Waren als Beiladefracht in Passagiermaschinen. Doch während Passagiere Abflugzeiten am Tage bevorzugen, wollen die Versender der Luftfracht anderes: tagsüber anliefern, nachts fliegen und anderntags ausliefern. Einige Fluggesellschaften verfügen über so genannte Quick-Change-Maschinen, die tagsüber Passagiere fliegen und nachts, nachdem die Sitze ausgebaut sind, zum Frachtflugzeug werden.
Kurzfristig beeinträchtigt
Das neue Jahrtausend begann schlecht für die Luftfahrt, blieben doch viele Passagiere aus Angst vor Terroranschlägen oder vor der Lungenkrankheit Sars lieber zu Hause. Rennpferde, Regenwürmer und Autoteile aber kennen diese Furcht nicht - der Transport über den Wolken war nur kurzfristig von der weltweiten Krise beeinträchtigt. Selbst steigende Ölpreise halten den Wachstumskurs des Geschäfts mit der Luftfracht nicht auf. Auch einige Billig-Airlines haben den Trend erkannt, ein harter Konkurrenz- und Preiskampf zeichnet sich ab. Nicht nur am Himmel wird es also eng.
Ulrike Wolf (01.12.2005)
Infobox
Rosinenbomber
So nannten die West-Berliner liebevoll all jene Flugzeuge, die ihre Stadt zwischen dem 26. Juni 1948 und dem 12. Mai 1949 mit Lebensmitteln, Medikamenten, Baumaterial und Kohle versorgten.
Zu dieser Zeit blockierten die sowjetischen Besatzer die Versorgung West-Berlins als Reaktion auf die Währungsreform. Sie sperrten die Landverbindungen - aber die den Alliierten vertraglich zugesicherte freie Nutzung der Luftkorridore konnten sie nicht verhindern.
Anfangs ging man von 750 Tonnen Fracht pro Tag aus, Ende Juli erreichten allerdings schon 2.000 Tonnen täglich die Stadt. Insgesamt flogen die Alliierten 2,11 Millionen Tonnen Fracht nach Berlin, davon ungefähr 1,44 Millionen Tonnen Kohle und eine halbe Million Tonnen Lebensmittel.
Ein ausgeklügeltes System ermöglichte den Transport dieser enormen Mengen: Alle drei Minuten landete ein Flugzeug. Damit das gelang, wurden die Korridore als "Einbahnstraßen" genutzt; im nördlichen und im südlichen Korridor liefen die Hinflüge ab, im mittleren die Rückflüge.
Innerhalb der Korridore flogen die Flugzeuge in fünf Ebenen. Jeder Pilot hatte nur einen Landeversuch. Misslang der, musste er mit der gesamten Ladung wieder zurückfliegen. Die Blockade wurde aufgehoben, als die Sowjets erkannten, dass die Luftbrücke die Versorgung West-Berlins sicherte.
So nannten die West-Berliner liebevoll all jene Flugzeuge, die ihre Stadt zwischen dem 26. Juni 1948 und dem 12. Mai 1949 mit Lebensmitteln, Medikamenten, Baumaterial und Kohle versorgten.
Zu dieser Zeit blockierten die sowjetischen Besatzer die Versorgung West-Berlins als Reaktion auf die Währungsreform. Sie sperrten die Landverbindungen - aber die den Alliierten vertraglich zugesicherte freie Nutzung der Luftkorridore konnten sie nicht verhindern.
Anfangs ging man von 750 Tonnen Fracht pro Tag aus, Ende Juli erreichten allerdings schon 2.000 Tonnen täglich die Stadt. Insgesamt flogen die Alliierten 2,11 Millionen Tonnen Fracht nach Berlin, davon ungefähr 1,44 Millionen Tonnen Kohle und eine halbe Million Tonnen Lebensmittel.
Ein ausgeklügeltes System ermöglichte den Transport dieser enormen Mengen: Alle drei Minuten landete ein Flugzeug. Damit das gelang, wurden die Korridore als "Einbahnstraßen" genutzt; im nördlichen und im südlichen Korridor liefen die Hinflüge ab, im mittleren die Rückflüge.
Innerhalb der Korridore flogen die Flugzeuge in fünf Ebenen. Jeder Pilot hatte nur einen Landeversuch. Misslang der, musste er mit der gesamten Ladung wieder zurückfliegen. Die Blockade wurde aufgehoben, als die Sowjets erkannten, dass die Luftbrücke die Versorgung West-Berlins sicherte.


