Wie ein Kapitalist den Plan erfand
Gerecht und rationell wollte sie sein. Das Ergebnis war: ständige Knappheit und Fehl-Kalkulationen. Ist Planwirtschaft heute mehr als eine Idee aus der Mottenkiste? Und wer kam eigentlich auf den Gedanken?Walther Rathenau (1867 - 1922) im Jahr vor seiner Ermordung durch Mitglieder der Organisation Consul. (Bild: Bundesarchiv, Creative Commons)
Profite und Elend
Der Erfinder der modernen Planwirtschaft heißt Walther Rathenau - und war Schriftsteller, Politiker und ein waschechter deutscher Kapitalist. Im Ersten Weltkrieg sorgte der Großindustrielle jüdischen Glaubens für Rohstoffe, Nachschub und Lebensmittel, mit einem weit gefächerten System der zentralen Zuteilung und Auftragsvergabe. Die Marktwirtschaft hatte nämlich unter den Bedingungen des Krieges versagt, riesige Profite standen neben sozialem Elend. Deutschland drohte unter Streiks und Klassenkampf zu kollabieren.
Blick nach Osten
Als Präsident der AEG verfügte Rathenau über die nötige Hausmacht, hatte zudem Einfluss weit über seinen Konzern hinaus. Er regte die Einrichtung der so genannten Kriegsrohstoffabteilung ab, die Front und Hinterland auf der Basis eines ausgefeilten Plans mit allem Notwendigen versorgte. 1918, nach Deutschlands Niederlage, wurde Rathenau Reichsminister für Wiederaufbau, 1921 sogar Außenminister.
Reichskanzler Joseph Wirth (2.v.l.) im April 1922 in Rapallo bei Genua. (Bild: Bundesarchiv, CreativeCommons)
Vorbild Rathenau
Lenin nahm sich Rathenaus Methoden zum Vorbild, insbesondere, als er nach der streng zentralistischen Phase des so genannten Kriegskommunismus Konzessionen an marktwirtschaftliche Elemente machte. Vorbild war Rathenau auch für einen anderen totalitären Wirtschaftslenker: Albert Speer, Hitlers Rüstungsminister, kopierte Rathenaus System in wesentlichen Punkten: Privatinteressen von Rüstungsunternehmen zwang der begabte Organisator hinter das politisch-militärische Gesamtinteresse des Hitler-Staates zurück.
Im Mittelpunkt von Rathenaus Ideen steht, dass Markt und zentrale staatliche Planung sich nicht unbedingt ausschließen müssen. Planwirtschaft lässt sich, daran glaubte nicht nur Rathenau, als notwendige Ergänzung zum Marktmechanismus begreifen. Sie kann soziale Schieflagen vermeiden helfen, Rohstoff- und Ressourcenverschwendung entgegentreten. Und sie ist ein Mittel gegen überzogene Profite.
Despotie einer Behörde...
Den Haupteinwand ihrer neoliberalen Gegner konnten die Anhänger der Planwirtschaft allerdings niemals widerlegen: Zentrale Planung könne kein am Minimalpreis ausgerichtetes Rechnungssystem und damit keinen wirklich effektiven Einsatz der wirtschaftlichen Faktoren gewährleisten. Sie sei letztlich innovationsfeindlich und baue Anreize für die Unternehmen ab. Außerdem wäre jede zentrale Planungsbehörde zwangsläufig überfordert und neige zur bürokratischen Despotie.
...oder der Finanzmärkte
In unserer Zeit, in der gerade die Despotie der Finanzmärkte übermächtig wird, mögen solche Argumente manchem in etwas anderem Licht erscheinen. Freilich ist die Idee der Planwirtschaft heute nachhaltig vom realsozialistischen Modell gezeichnet, das sie zwingend mit der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln verband. Tatsächlich schränkt Planwirtschaft die Verfügungsgewalt über solches Privateigentum ein. Zu wessen Vorteil und zu wessen Nachteil - darüber nachzudenken führt auf abenteuerliche Wege...
Michael Schmittbetz (akt. 16.12.2010)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Planwirtschaft | ![]() |
Infobox
Ostdeutsche Schwierigkeiten
Unwirtschaftlicher Verzicht auf nationale und internationale Arbeitsteilung, veraltete Maschinen und Anlagen, ein unsinniges Lohnsystem - auch solche Dinge brachen der DDR das Genick. Typisch für viele DDR-Betriebe war ihre hohe Fertigungstiefe: Man wollte möglichst unabhängig von Zulieferern sein, um Engpässen zu entgehen. Enorme Investitionen flossen in aufwendige, aber wenig effektive Industriezweige. Der Aufbau einer eigenen Mikroelektronik kostete Milliarden. Das Geld fehlte an anderer Stelle: 1988 betrug die durchschnittliche Nutzungsdauer des Kapitalstocks 26 Jahre.
Das Lohnsystem zerstörte Motivationen, verbunden mit oft sinnlosem Arbeitskräfte-Einsatz. Nur geringfügig lag zum Beispiel das durchschnittliche Gehalt eines Mitarbeiters mit Hochschul-Abschluss über dem eines Meisters. Leistung lohnte sich nicht. Stattdessen grassierte in den Betrieben eine verdeckte Arbeitslosigkeit. Die Planwirtschaft erlaubte kaum Flexibilität, auch nicht auf dem internationalen Markt: So war die Erhöhung der Erdöl- und Erdgaspreise im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe des Ostblocks während der 1980er Jahre ein Schlag, den die DDR niemals wirklich verkraften konnte.



