Telefonpioniere
Wer hat das Telefon erfunden? Eine einfache Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Klar ist nur: Ende des 19. Jahrhunderts erhitzte der größte Patentstreit der Geschichte die Gemüter.Als Alexander Graham Bells Anwalt am 14. Februar 1876 im Auftrag seines Mandanten das Patent für ein Telefon einreichte, war den Beamten kaum bewusst, welch weitreichende Bedeutung der kleine Sprechapparat haben würde. Selbst US-Präsident Rutherford B. Hayes verkannte, wenig später, den historischen Moment: "Eine erstaunliche Erfindung, aber wer sollte sie jemals benutzen?"
Das Telefon veränderte schon in den nächsten Jahren Arbeits- und Alltagsleben der Menschen in den USA und verbreitete sich von dort über die Welt. Die Tragweite dieser Erfindung liegt heute auf der Hand, die Urheberschaft aber ist noch immer umstritten.
"Das Pferd frisst keinen Gurkensalat"
Fakt ist, dass Bell die grundlegenden Ideen für sein Telefon aus Materialien von Erfinderkollegen holte: Der deutsche Tüftler Johann Philipp Reis (1834-1875) hatte seinen "Sprechapparat", dem er 1861 den Namen "Telephon" gab, der Forschung überlassen. Wissenschaftler vieler Länder experimentierten damit. Und sie bestätigten Reis die Funktionstüchtigkeit des Apparats. Finanzielles Potential und Bedeutung seiner Erfindung aber waren Reis nicht bewusst.
Dennoch, am 26. Oktober 1861 wurden die Weichen gestellt: Zum ersten Mal übertrugen elektrische Leitungen Gesprochenes. Allerdings nur über kurze Distanz und in schlechter Qualität. Reis' erste Mitteilung "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat" ist in die Technikgeschichte eingegangen.
"Spielereien" eines Bäckersohns
Reis tüftelte unablässig weiter. Der Bäckersohn und Lehrer hatte sich die Lebensaufgabe gestellt, das gesprochene Wort elektrisch übertragbar zu machen - trotz verhaltener Reaktion deutscher Wissenschaftler, die sein Telefon als Spielerei abtaten. Auch Fachzeitschriften weigerten sich, über den Sprechapparat zu berichten und trugen so dazu bei, dass Reis' geniale Erfindung in ihrem Geburtsland zunächst keinen Anklang fand.
Mit dem eigentümlichen Apparat aus Deutschland experimentierten Alexander Graham Bell und seine zwei Brüder schon 1862 als Schüler im schottischen Edinburgh, ermutigt vom Vater, der einen Preis versprach für denjenigen, der das Telefon verbessern würde. Damals war die Tonqualität miserabel, die Übertragung erfolgte nur in eine Richtung, die ganze Konstruktion war nicht alltagstauglich.
Bell, ebenso wie Reis, blieb an der Aufgabe dran - auch nachdem die Familie nach Kanada ausgewandert war und Bell schließlich in den USA als Lehrer für Taubstumme Fuß gefasst hatte. Sein guter Instinkt für Geschäfte half ihm dabei. Hinzu kam sein Talent, die Forschungsergebnisse anderer Erfinder auszuwerten.
Abgekupfert
Reis war nicht die einzige Quelle, derer Bell sich bediente: Der italo-amerikanische Theatermechaniker Antonio Meucci hatte schon 1871, also fünf Jahre vor Bell, einen Patentantrag für den detaillierten Bauplan eines Fernsprechapparats gestellt.
Die Anmeldung erlosch nach zwei Jahren, weil Meucci keine Bearbeitungsgebühren zahlen konnte. Bell profitierte von diesem Umstand: Da er in den ehemaligen Werkstätten des Erfinders arbeitete, fand er dessen Niederschriften und Gerätschaften und entwickelte damit "sein" Telefon.
Meucci starb als verarmter Mann
Als Meucci seine Materialien zurückforderte, ließ Bell ihm mitteilen, sie seien verlorengegangen. Aller Protest und die Zuhilfenahme eines Anwalts änderten nichts an Meuccis Schicksal: Er starb als verarmter Mann. Die US-Behörden stellten daraufhin das Betrugsverfahren gegen Bell ein. Sein Patent von 1876 sollte das ertragreichste Schutzrecht aller Zeiten werden!
Doch die verwickelte Geschichte um die Erfindung des Telefons ist damit längst nicht zu Ende. Noch eines weiteren genialen Kopfes bedurfte es, um das finale Bell-Telefon zu entwickeln: Elisha Gray, dessen Werdegang als Handwerker begonnen hatte, ging am selben Tag wie Bells Anwalt, also am 14. Februar 1876, zum Patentamt. Knapp zwei Stunden später als der clevere Advokat legte er seinen Antrag vor. Es waren diese zwei Stunden, die über Grays und Bells Zukunft entschieden.
Zwei Stunden Vorsprung
Das Patentamt entschied sich zu Gunsten Bells, obwohl dessen Patentschrift vage und nicht ausgereift war. Niemand wäre imstande gewesen, damit ein funktionierendes Telefon zu bauen. Bells Patentantrag entstand in Eile: Er wollte Gray zuvorkommen, koste es was es wolle.
Wenig später verwendete Bell im ersten funktionierenden Telefonmodell - das übrigens sein Assistent Thomas A. Watson baute - Bauteile, unter anderem einen regelbaren Widerstand, von denen in seiner Patentschrift keine Rede gewesen waren. In der von Gray sehr wohl.
Der lange Kampf ums Patent lohnte sich
Der größte Patentstreit der Geschichte entbrannte. Er zog sich hin über mehr als 600 Prozesse; fast zwanzig Jahre gingen ins Land. Aber der Kampf lohnte sich, denn wer das Patent besaß, der konnte anderen Erfindern untersagen, eigene Telefone auf den Markt zu bringen. Es ging um viel Geld.
Bells Gegner war die Western Union Telegraph Company, die Elisha Gray unter Vertrag genommen hatte. Doch alle Bemühungen scheiterten, Bell behielt sein Patent. Die Gerichte verwiesen immer wieder auf Bells Patentantrag, der nun mal das frühere Eingangsdatum trug. Die Frage, ob Bell das Patentamt bestochen hatte, blieb ungeklärt.
Der Großunternehmer
Welchen sachlichen Anteil Alexander Graham Bell an der Erfindung des Telefons hat, ist heute so umstritten wie damals. Das wirklich Neue am Bell'schem Telefon war die elektromagnetische Induktion, eine jahrzehntealte Entdeckung des Briten Michael Faraday. Sie ersetzte Reis' Schallübertragungsmethode per Membranschwingung.
1877 - fünf Jahre nach dem Tod von Philipp Reis - gründete Bell mit seinem Anwalt und Schwiegervater Gardiner G. Hubbard und seinem Assistenten Thomas A. Watson eine Telefongesellschaft, die Bell Telephone Company, seit 1885 American Telephone and Telegraph Company (AT&T). Lange Zeit war das Unternehmen die mächtigste Telefongesellschaft der Welt.
Ein 1947 vom britischen Telefonhersteller STC durchgeführter Test mit dem Reis-Telefon bestätigte alle noch zu Reis' Lebzeiten durchgeführten Versuchsergebnisse. So stellte man erneut fest, dass der Fernsprecher Sprache gut übermittelt. Diese Tatsache wurde vom STC-Vorsitzenden Frank Gill jahrelang geheim gehalten, da er in geschäftlicher Verbindung zur American Telephone and Telegraph Company stand.
Sandra Thiele (21.10.2011)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Telefon | ![]() |
Infobox
Johann Philipp Reis (1834-1875)
Der hessische Bäckersohn Reis gilt als wichtigster Wegbereiter des Telefons: Ihm gelang es als Erstem, Töne über elektrische Leitungen zu übertragen.
Reis' Eltern starben früh: Mit neun Jahren war der kleine Johann Waise und wuchs in einfachen Verhältnissen bei seiner Großmutter auf. Neben einer kaufmännischen Ausbildung bei einem Farbwarenhandel in Frankfurt betrieb Reis naturwissenschaftliche Studien.
1858 erhielt der Tüftler überraschend eine Anstellung als Lehrer für Französisch, Physik, Mathematik und Chemie an einem Knabeninstitut im hessischen Friedrichsdorf.
Während seiner Freizeit experimentierte Reis in einer Scheune. Nebenbei erfand er das Veloziped - eine frühe Form des Fahrrads - und machte Experimente zur Nutzung der Sonnenenergie. Auch unsere modernen Inline-Skates haben wir Reis zu verdanken: Er erfand ihre Vorläufer, die Rollschlittschuhe.
Der Nachbau einer Ohrmuschel als Anschauungsmaterial für seine Schüler, in der ein Schweinedarm das Trommelfell nachbildete, inspirierte Reis schließlich zu seiner wichtigsten Erfindung - einer "Sprechmaschine", die er "Telephon" nannte.
Sein Telefon ließ Reis 1863 in größeren Mengen von einem Frankfurter Mechaniker herstellen und verkaufte es für 8 bis 12 Taler als wissenschaftliches Demonstrationsobjekt. In der Fachwelt machte Reis sich damit einen Namen.
Am 6. September des gleichen Jahres führte Reis seine Erfindung dem Kaiser Franz Josef von Österreich vor. Größerer finanzieller Nutzen blieb ihm zeitlebens verwehrt.
Bell lernte Reis' Modell noch als Schüler kennen und erahnte im Unterschied zu Reis das Potenzial. Heute wird Bell als Erfinder des Telefons angesehen.
Reis starb mit nur 40 Jahren 1875 an Tuberkulose und erlebte den Siegeszug des Telefons nicht mehr.
Der hessische Bäckersohn Reis gilt als wichtigster Wegbereiter des Telefons: Ihm gelang es als Erstem, Töne über elektrische Leitungen zu übertragen.
Reis' Eltern starben früh: Mit neun Jahren war der kleine Johann Waise und wuchs in einfachen Verhältnissen bei seiner Großmutter auf. Neben einer kaufmännischen Ausbildung bei einem Farbwarenhandel in Frankfurt betrieb Reis naturwissenschaftliche Studien.
1858 erhielt der Tüftler überraschend eine Anstellung als Lehrer für Französisch, Physik, Mathematik und Chemie an einem Knabeninstitut im hessischen Friedrichsdorf.
Während seiner Freizeit experimentierte Reis in einer Scheune. Nebenbei erfand er das Veloziped - eine frühe Form des Fahrrads - und machte Experimente zur Nutzung der Sonnenenergie. Auch unsere modernen Inline-Skates haben wir Reis zu verdanken: Er erfand ihre Vorläufer, die Rollschlittschuhe.
Der Nachbau einer Ohrmuschel als Anschauungsmaterial für seine Schüler, in der ein Schweinedarm das Trommelfell nachbildete, inspirierte Reis schließlich zu seiner wichtigsten Erfindung - einer "Sprechmaschine", die er "Telephon" nannte.
Sein Telefon ließ Reis 1863 in größeren Mengen von einem Frankfurter Mechaniker herstellen und verkaufte es für 8 bis 12 Taler als wissenschaftliches Demonstrationsobjekt. In der Fachwelt machte Reis sich damit einen Namen.
Am 6. September des gleichen Jahres führte Reis seine Erfindung dem Kaiser Franz Josef von Österreich vor. Größerer finanzieller Nutzen blieb ihm zeitlebens verwehrt.
Bell lernte Reis' Modell noch als Schüler kennen und erahnte im Unterschied zu Reis das Potenzial. Heute wird Bell als Erfinder des Telefons angesehen.
Reis starb mit nur 40 Jahren 1875 an Tuberkulose und erlebte den Siegeszug des Telefons nicht mehr.
Infobox
Alexander Graham Bell (1847-1922)
Bells Werdegang unterscheidet sich deutlich vom Leben des Johann Philipp Reis, der wenig Unterstützung aus seinem Umfeld erfuhr: Mit zehn Jahren kam Bell an eine Privatschule in Edinburgh. Später studiert er Latein und Griechisch.
Mit siebzehn wird Bell Lehrer für Sprechtechnik und Musik in Elgin. Hier nahm er erste Studien zur Akustik auf. Schon sein Vater, ein Professor für Redekunst, hatte sich mit Sprechtechniken und phonetischen Schriftsystem beschäftigt. Schon bald folgte Bell seinem Vater nach London, wo er als dessen Assistent angestellt wurde.
Nach dem Tod seiner beiden Brüder an Tuberkulose siedelte die Familie 1870 nach Kanada um. 1973 gründete Bell eine Privatschule für Stimmphysiologie in Boston.
Neben seinem Beruf widmete er sich seiner Erfinderleidenschaft, in deren Mittelpunkt schon von Anfang an die Weiterentwicklung der Telefonie stand. Da Bell nur an Feierabenden und Sonntagen Gelegenheit hatte, daran zu arbeiten, stellte er den Ingenieur Thomas A. Watson ein.
1876 heiratete Bell die gehörlose Tochter seines Anwalts und Geschäftspartners Hubbard. Die Verbreitung der Telefonie machte ihn zu einem reichen Mann. Doch schon bald war Bell auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Die Prämie des Volta-Preises investierte er 1880 in die Gründung des Volta Laboratory in Washington D.C.
Dort entwickelte Bell mit seinem Team das Photophon, das eine Sprachübertragung durch Lichtstrahlen ermöglicht.
Zu den weiteren Erfindungen zählten ein Audiometer zur Messung der Hörstärke und die erste Wachswalze zur Schallaufzeichnung, die Edison bei der Entwicklung des Grammophons half. Später beschäftigte Bell sich mit dem Flugzeugbau. Er erfand beispielsweise das Querruder und einen Flugdrachen für eine Person.
Ende des 19. Jahrhunderts gab es in den USA 232.140 Telefonanschlüsse, die über 856.933 Kilometer Draht miteinander verbunden waren.
Als Alexander Graham Bell am 1. August 1922 starb, ruhte in den USA für eine Minute der gesamte Telefonverkehr. Heute gilt er - vor allem in den USA - als der Erfinder des Telefons.
Bells Werdegang unterscheidet sich deutlich vom Leben des Johann Philipp Reis, der wenig Unterstützung aus seinem Umfeld erfuhr: Mit zehn Jahren kam Bell an eine Privatschule in Edinburgh. Später studiert er Latein und Griechisch.
Mit siebzehn wird Bell Lehrer für Sprechtechnik und Musik in Elgin. Hier nahm er erste Studien zur Akustik auf. Schon sein Vater, ein Professor für Redekunst, hatte sich mit Sprechtechniken und phonetischen Schriftsystem beschäftigt. Schon bald folgte Bell seinem Vater nach London, wo er als dessen Assistent angestellt wurde.
Nach dem Tod seiner beiden Brüder an Tuberkulose siedelte die Familie 1870 nach Kanada um. 1973 gründete Bell eine Privatschule für Stimmphysiologie in Boston.
Neben seinem Beruf widmete er sich seiner Erfinderleidenschaft, in deren Mittelpunkt schon von Anfang an die Weiterentwicklung der Telefonie stand. Da Bell nur an Feierabenden und Sonntagen Gelegenheit hatte, daran zu arbeiten, stellte er den Ingenieur Thomas A. Watson ein.
1876 heiratete Bell die gehörlose Tochter seines Anwalts und Geschäftspartners Hubbard. Die Verbreitung der Telefonie machte ihn zu einem reichen Mann. Doch schon bald war Bell auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Die Prämie des Volta-Preises investierte er 1880 in die Gründung des Volta Laboratory in Washington D.C.
Dort entwickelte Bell mit seinem Team das Photophon, das eine Sprachübertragung durch Lichtstrahlen ermöglicht.
Zu den weiteren Erfindungen zählten ein Audiometer zur Messung der Hörstärke und die erste Wachswalze zur Schallaufzeichnung, die Edison bei der Entwicklung des Grammophons half. Später beschäftigte Bell sich mit dem Flugzeugbau. Er erfand beispielsweise das Querruder und einen Flugdrachen für eine Person.
Ende des 19. Jahrhunderts gab es in den USA 232.140 Telefonanschlüsse, die über 856.933 Kilometer Draht miteinander verbunden waren.
Als Alexander Graham Bell am 1. August 1922 starb, ruhte in den USA für eine Minute der gesamte Telefonverkehr. Heute gilt er - vor allem in den USA - als der Erfinder des Telefons.



